Essays

Lebensbild: George Whitefield

In diesem kirchengeschichtlichen Essay möchte ich einen Überblick über das Leben und Wirken des bekannten Evangelisten des 18. Jahrhunderts George Whitefield geben. Folgende Punkte sollen die Gliederung dafür bilden:

  1. Geburt und Wiedergeburt
  2. Einsetzung in den Dienst und erste Folgen
  3. Die Kraft des Evangeliums im Leben Whitefields
  4. Eine Theologie der souveränen Gnade
  5. Eine Übersicht über den Dienst Whitefields
  6. „Die Kerze erlischt“

1. Geburt und Wiedergeburt

Der Halbwaise von der Bell Inn

So übertitelt Benedikt Peters in seiner Whitefield-Biografie das Kapitel über die Geburt und ersten Jahre Whitefields. Die Bell Inn war ein Gasthof, den Georges Eltern führten. Sie war ihrer Zeit der beste Gasthof der Stadt Gloucester, in der Whitefield im Dezember 1714 geboren wurde. Da sein Vater zwei Jahre nach seiner Geburt starb, wuchs er als Halbwaise auf, jedoch in wohlhabenden Verhältnissen.

Über seine Jugendzeit ist wenig bekannt. Ich möchte darum nur eine kurze Bemerkung von Whitefield selbst anführen, die er in seine Journals (Tagebücher) schrieb:

Mein Vater und meine Mutter hielten die »Bell Inn«. Mein Vater starb, als ich zwei Jahre alt war; meine Mutter lebt noch. Sie erzählte mir oft, daß sie nach meiner Geburt eine vierzehnwöchige Krankheit erduldete; und sie pflegte zu sagen, daß sie – bereits vom Säuglingsalter an – von mir mehr Trost erhoffte als von ihren übrigen Kindern. Das, zusammen mit dem Umstand, daß ich in einem Gasthof geboren wurde, hat mir oft dazu gedient, die Hoffnungen meiner Mutter nicht zu enttäuschen … Ich kann nur sagen, daß ich von Mutterleib an störrisch war … ich kann mich an einige sehr frühen sündigen Handlungen erinnern. Lügen, unsauberes Reden und närrisches Schwatzen, manchmal sogar Fluchen … Ich machte mir kein Gewissen daraus, aus der Tasche meiner Mutter zu stehlen, wenn sie noch nicht aufgestanden war. Ich mißbrauchte oft das mir erwiesene Vertrauen und entwendete mehr als einmal Geld aus dem Haus und kaufte davon Früchte und Gebäck usw., um meinen sinnlichen Appetit zu stillen. Ich habe zahlreiche Sabbate gebrochen und benahm mich gewöhnlich sehr ehrfurchtslos im Haus Gottes, und ich habe viel Geld ausgegeben für Spiele und die üblichen Unterhaltungen jener Zeit. Karten spielen und Romane lesen waren meine Herzenslust. Oft schloß ich mich andern an und verübte üble Streiche, wurde aber glücklicherweise meistens, wenn auch nicht immer, entdeckt. Dafür habe ich Gott oft gepriesen und tue es noch jetzt.

Man bekommt den Eindruck, dass der Zeitpunkt, zu dem diese Sätze geschrieben wurden, bereits nach seiner Bekehrung lag, so wie er seine sündigen Verhaltensmuster beschreibt.

Konnte der reiche Jüngling in den Evangelien sich dessen rühmen, er habe von Jugend auf die Gebote gehalten, so muß ich mit Scham bekennen, daß ich sie von Jugend an allesamt gebrochen habe. Wenn andere davon reden und sich dessen rühmen mögen, daß in ihnen etwas gewesen sei, das sie der Errettung würdig gemacht habe, so kann ich in mir nichts anderes sehen, als daß ich gänzlich geeignet und passend bin, verdammt zu werden. Wenn der Allmächtige mir nicht mit seiner Gnade zuvorgekommen wäre und nicht mit großer Macht an meiner Seele gewirkt, wenn er mich nicht durch das freie Wirken seines Geistes belebt hätte, als ich tot war in Sünden und Übertretungen, würde ich jetzt entweder im Dunkel und im Schatten des Todes sitzen oder längst als Verdammter am Ort der Qual meine Augen aufgeschlagen haben.

So kommentiert Whitefield seine frühe Jugendjahre. Kommen wir nun zu einem sehr wegweisenden Teil seines Lebens – seinem Studium in Oxford, welches der Traum seiner Mutter war.

Studienzeit und Mitgliedschaft im Holy Club

Als Whitefield im Alter von 18 Jahren sein Studium am Pembroke College in Oxford anfing, begann für ihn eine sehr umtriebige Zeit. Was man noch wissen muss, ist, dass er zu dieser Zeit sehr religiös war (er war anglikanisch erzogen worden) und schon Jahre vor seiner Bekehrung den Wunsch hegte, Priester zu werden. Zunächst war Whitefield sehr beschäftigt mit seinen Studien, seiner Arbeit und seinen religiösen Pflichten (er arbeitete als Servitor). Dann lernte er die Brüder John und Charles Wesley kennen, die bis zu seinem Tod eine wichtige Rolle in seinem Leben spielten. Sie waren die Gründer des sogenannten Holy Club, eine Art Hauskreis, der sich regelmäßig zum Gebet, Bibellesen und religiösen Disziplinen trafen. Man muss festhalten, dass die Mitglieder dieses Clubs, zu dieser Zeit keine wiedergeborenen Christen waren, sondern übereifrige, religiöse Studenten, die sich selbst Pflichten auferlegten und sich selbst kasteiten um sich selbst vor Gott annehmbar zu machen. Sie hatten das Evangelium und den stellvertretenden Opfertod Christi für die Sünden der Menschen noch nicht verstanden. Whitefield wurde mit der Zeit so sehr von diesem religiösen Druck getrieben, dass so viel las, betete und seine religiösen Pflichten ausübte, dass sein Studium darunter litt und dass ihn sogar die anderen Mitglieder des Holy Club komisch anschauten. Er litt irgendwann auch sehr unter dieser ununterbrochenen Geschäftigkeit und ständigem Schlafentzug, dass er für mehrere Wochen sehr krank wurde. Es wurde immer schlimmer mit ihm, und sein Tutor, zu dem er bislang eine gute Beziehung hatte, und der ihn sehr unterstützte, dachte Whitefield hätte den Verstand verloren.

Noch immer brannte die ungestillte Sehnsucht in seiner Seele, und er steigerte seine asketischen Strapazen abermals. Er meinte, er müsse es dem Herrn gleichtun, der in der Wildnis versucht worden war. Ganze Nächte verharrte er auf den Feldern kniend oder bäuchlings ausgestreckt im Gebet. Aber seine Seele kannte noch immer keinen Frieden. Was konnte er noch tun, um dem Ziel näher zu kommen? Was mußte er noch aufgeben, damit endlich das Leben Gottes in seiner Seele keimen würde? Der Verzicht auf die Gemeinschaft seiner Freunde und Gesinnungsgenossen im Heiligen Club wäre, so schien ihm, jenes höchste Opfer, das er noch nicht gebracht hatte. Er trennte sich folglich von den Methodisten, von der Überzeugung getragen, Gott werde ihn noch das Gesuchte finden lassen. Schließlich befand er sich am Rande des vollständigen Zusammenbruchs. In der Fastenzeit des Frühlings 1735 aß er während sechs Wochen nichts als ein wenig Schwarzbrot und trank dazu Salbeitee. Er war körperlich schon so geschwächt, daß er nicht mehr arbeiten und nur noch Tag und Nacht zu Gott flüstern konnte.

Wie er aus dieser schwierigen Situation befreit wurde, ist ein wunderbares Beispiel für die herrliche Gnade Gottes, die er auch Whitefield erwies. Er war schließlich so krank, dass ihm der Arzt strikte Bettruhe verordnete und er lag für sieben Wochen flach. Aber selbst jetzt konnte er keine Ruhe finden und suchte weiterhin verzweifelt nach einem Weg, Gott zu gefallen.

Jetzt, als er nichts mehr tun konnte, als er körperlich und seelisch am Abgrund stand, neigte sich Gott ihm in seiner Gnade zu und schenkte ihm, was er durch keine heiligen Übungen und Entsagungen hätte erwerben können: das Geschenk des ewigen Lebens. Er kommentiert diese radikale Wendung in seinem Leben mit den folgenden Worten:

Es gefiel Gott, mich von meiner schweren Last zu befreien und mich zu befähigen, in lebendigem Glauben Seinen geliebten Sohn zu ergreifen. Er schenkte mir den Geist der Kindschaft und versiegelte mich auf den Tag der ewigen Erlösung. O, welche Freude – Freude, die unaussprechlich und voller Herrlichkeit ist – füllte jetzt meine Seele, als die Sündenlast von mir fiel und das bleibende Bewußtsein der vergebenden Liebe Gottes mich erfasste, als volle Gewißheit des Glaubens in meine trostlose Seele einbrach! Das war der Tag meiner Vermählung – ein Tag, dessen ewiglich zu gedenken ist. Meine Wonne glich Frühlingsströmen, die alle Ufer überschwemmen.

„The life of God in the soul of man“ ist der Titel eines Buches, das Gott gebrauchte um Whitefield diese Erkenntnis eines echten, rettenden Glaubens zu schenken. Er schreibt über dieses Buch:

Gott zeigte mir, daß ich von neuem geboren werden oder verdammt werden müsse. Ich erfuhr hier, daß man in die Kirche gehen, Gebete aufsagen, das Sakrament empfangen kann, ohne ein Christ zu sein. [Als ich las:] „Wahre Religion ist die Gemeinschaft der Seele mit Gott und das Gestaltnehmen Christi in uns“, schoss ein Strahl göttlichen Lichts unvermittelt in meine Seele. Von dem Augenblick an wußte ich, daß ich eine neue Kreatur werden mußte.«

2. Einsetzung in den Dienst und erste Folgen

Nach seiner Bekehrung in Oxford wurde er auch bald körperlich wieder gesund. Jedoch gab der Arzt ihm den Rat, sich für eine Zeit lang von seinem Studium zurückzuziehen; er hatte immerhin neun Semester lang studiert, hart gearbeitet und seine schwere Askese betrieben. Er befolgte den Rat und ging für eine Zeit lang in seine Heimatstadt zurück, wo er sich mit Ruhe dem Gebet und Lesen in der Bibel widmete. Er schreibt, dass er in einem dieser Monate mehr geistliche Erkenntnis dazu gewann, als in all den Jahren seiner strengen Religionsausübung. Er versuchte auch gleich, die Menschen, die ihm begegneten für den Glauben zu gewinnen, wobei ihm Gott nach anfänglich erfolglosen Versuchen schon bald Gelingen gab.

Er begann Armen zu helfen, Gefängnisinsassen zu besuchen um mit ihnen die Bibel zu lesen und zu beten und Menschen zu Jesus zu führen. Er traf sich regelmäßig mit seinen Glaubensgeschwistern in einer von ihm gegründeten Gemeinde. Sein Eifer für das Evangelium blieb nicht unentdeckt. Der damalige Bischof der Stadt, Dr. Benson, rief ihn zu sich um bot ihm aufgrund seines vorbildlichen Benehmens eine Ordination zum Pfarrer an. Seine Reaktion darauf war aber zunächst Schrecken und Angst und keine Freude. Er fürchtete den Gedanken im Namen Gottes reden zu müssen. Er schreibt:

Gott allein weiß, welche Sorge der Gedanke an Ordination und an Predigtdienst in mir weckte. Ich betete wohl an die tausendmal – bis der Schweiß mir wie Regen vom Gesicht troff –, daß Gott mich nicht in den kirchlichen Dienst würde eintreten lassen, ehe er mich gerufen und in diese Arbeit gestellt hätte. Ich erinnere mich an einen Tag in Gloucester; ich weiß das Zimmer noch, und ich schaue jedesmal zum Fenster hinauf, wenn ich dort bin; ich weiß das Fenster, das Bett und den Boden, auf dem ich ausgestreckt da lag und schrie: „Herr, ich kann nicht gehen; ich werde von Stolz aufgebläht werden und in den Fallstrick des Teufels fallen!“

Doch nach viel Gebet und Ringen stellte sich bei Whitefield irgendwann die Gewissheit ein, Gott habe ihn zum Predigen berufen. Allerdings gab es Hindernisse: Um ordiniert zu werden, musste er zuerst sein Studium beenden und dazu brauchte er Geld, das er wegen seiner Freigiebigkeit uns seiner Liebe zu den Armen nicht hatte. Zunächst schien die Lage hoffnungslos und Whitefield schien vergeblich zu warten. Aber dann erhörte Gott sein Gebet und er erhielt genügend Geld und darüber hinaus warme Kleidung und ein Pferd um sein Studium wieder aufnehmen zu können.

Er ritt also zurück nach Oxford und nahm sein Studium wieder auf. Darüber hinaus wurde ihm die Leitung des Holy Club übertragen. Es begann also wieder eine sehr anstrengende Zeit für Whitefield. Doch durch Gottes Gnade konnte er trotz vieler Schwierigkeiten seine Prüfungen bestehen und sein Studium abschließen.

Besorgt sah er dem Tag seiner Ordination entgegen. Am 20. Juni 1736 – er war 22 Jahre alt – war es soweit. Den Samstag davor verbrachte Whitefield in Fasten und Gebet. Am Sonntag stand er früh auf und las betend den ersten Timotheusbrief durch, besonders die Stelle, wo es heißt: „niemand verachte deine Jugend“. Er wurde von Bischof Benson in der Kathedrale in Gloucester ordiniert. Am darauffolgenden Sonntag hielt er seine erste Predigt. Die Kirche war an dem Tag voll von neugierigen Leuten, die das Vorrecht genossen, von dem rettenden Evangelium Gottes zu hören, was damals in der anglikanischen Church of England eher eine Seltenheit war. Die Predigt schlug sofort ein. Seine Fähigkeit als Prediger beeindruckte viele seiner Bekannten und Freunde. Man wollte ihm ein gut bezahltes Pfarramt anbieten. Doch Whitefield sah darin nur eine starke Versuchung für seinen Stolz. Darum schrieb er: „Die Leute beginnen, zu großes Gefallen an mir zu haben … Es ist Zeit, daß ich mich davonmache … Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predige.“

So wandte er sich bereits am dritten Tag nach dem Triumph seiner ersten Predigt von den Anhimmeleien in Gloucester weg und ging nach Oxford.

3. Die Kraft des Evangeliums im Leben Whitefields

Nach seiner Rückkehr nach Oxford, erhielt er seinen Bachelorabschluss und machte sich gleich an seinen Master. Daneben führte er den Vorsitz im Holy Club. Diese beiden Beschäftigungen bereiteten ihm große Freude und er hatte vor, noch für einige Jahre an der Universität zu bleiben. Doch bald schon wurde sein Studium erneut unterbrochen. Ein Freund aus dem Holy Club, der Pastor in der Chapel of the Tower in London war, drängte ihn, für zwei Monate für ihn einzuspringen, wovor Whitefield sich sehr fürchtete.

Ich kann nicht gehen, Herr, ich kann nicht! Ich flehte den Herrn an, noch zwei oder drei Jahre in Oxford bleiben zu dürfen und 150 Predigten zu schreiben. Ich sagte: Das ist mein Ende; ich bin nicht gerüstet, in Deinem großen Namen zu predigen! Sende mich nicht! Sende mich nicht, Herr, ich bitte Dich!

Aber nach heftigen inneren Kämpfen folgte er dem Ruf und ging nach London. Als er das erste Mal in der Chapel auf die Kanzel stieg, erntete er spöttische und verächtliche Blicke, da er noch sehr jung war. Doch nach wenigen Minuten des Predigens hörten sie aufmerksam zu und vergaßen seine Jugend.

Als ich die Treppe hinaufstieg, schauten mich fast alle wegen meiner Jugend mit spöttisch neugierigen Augen an. Sie wurden aber bald ernst und hörten äußerst aufmerksam zu, und nachdem ich heruntergekommen war, brachten sie mir sehr viel Respekt entgegen, segneten mich und fragten nach mir, wer ich sei … Ich schlüpfte schnell heraus aus der Menge.

Die Botschaft, die Whitefield in London predigte und seine wortgewandte Art zogen viele Menschen an. Er wurde sehr schnell zu einem sehr bekannten und gerne gehörten Prediger. Doch er freute sich, als er nach diesen zwei Monaten wieder nach Oxford zurückkehren konnte. Doch er konnte die Zeit dort nicht lange genießen, weil schon die nächste Vertretungsstelle als Pastor auf ihn wartete. Er sollte für ein paar Wochen nach Dummer. Während seines Dienstes dort, traf er die wohl folgenschwerste Entscheidung für sein restliches Leben. Er bekam den Wunsch als Missionar in die neu gegründete Kolonie Georgia zu gehen, obwohl er kurz davor ein verlockendes Angebot bekommen hatte – eine Pfarrerstelle in einer großen Kirche in London, die dem armen, unbekannten Prediger sowohl Wohlstand als auch Ansehen verschafft hätte. Aber das war nicht das, wonach er strebte; seine einzige Leidenschaft war es, verlorene Seelen für Christus zu gewinnen.

Ein Brief von John Wesley, in dem er um Hilfe für die Missionsarbeit dort bat, drängte ihn, schnell nach Amerika zu reisen. Er betete für zwei Monate inbrünstig, „dass er sich nicht täuschen möge“, was den Ruf nach Amerika betrifft. Schließlich stand die Entscheidung fest, er wollte Missionar in Amerika werden. Doch seine Abreise dorthin verzögerte sich etwa noch um ein Jahr. Rückblickend konnte er sagen, dass Gott ihn für dieses eine Jahr noch in England behalten wollte um dort ein wichtiges Werk zu beginnen. Es begann mit Abschiedsbesuchen in verschiedenen Städten, die sich zum Teil um Wochen in die Länge zogen, da er überall gedrängt wurde, zu predigen. Sein Wirkungsfeld vergrößerte sich rasend schnell und unzählige Menschen wurden beim Hören seiner Predigten überführt und erweckt. Innerhalb kürzester Zeit brach in einigen Städten Englands eine Erweckung aus. Er predigte in dieser Zeit fast täglich und beschreibt in seinen Tagebüchern, wie tief er sich an Gott und an seinem Wirken erfreut. Die große Attraktivität seiner Predigten lag mit Sicherheit auch an dieser tiefen Freude an Gott. Benedikt Peters schreibt:

Diese unbändige Wonne am Herrn erklärt die ungewöhnliche Anziehungskraft seiner Predigten. Die Leute waren gewohnt, daß Prediger sich in dürren, theoretischen Abhandlungen über die Dinge Gottes ausließen. Hier aber redete einer, der von diesen Wirklichkeiten durchdrungen und entflammt war. Kein Wunder, daß die Kirchen die Menschenmengen, die ihn hören wollten, nicht fassen konnten.

Die ungeheure Wirkung von Whitefields Predigten muss man auf jeden Fall auch darauf zurückführen, dass er ein besonders reines Evangelium predigte. Gott verheißt selbst, das in der Botschaft selbst die Kraft liegt, nicht in überzeugender Redeweisheit oder guten wissenschaftlichen Argumentationen. J. C. Ryle beschrieb die Predigt Whitefield so:

Die krönende Vorzüglichkeit von Whitefields Predigt war, daß er von Menschen, Dingen und Lehren so sprach, wie die Bibel von ihnen spricht. Gott, Christus und der Heilige Geist; Sünde, Rechtfertigung, Bekehrung und Heiligung; unbußfertige Sünder sind die elendsten der Menschen; glaubende Heilige sind die glückseligsten der Menschen; die Welt ist eine leere, eitle Sache; der Himmel ist die einzige Ruhe für jede unsterbliche Seele; der Teufel ist ein furchtbarer, beständig lauernder Feind; die Heiligkeit ist die einzige wahre Glückseligkeit; die Hölle ist wirklich und das sichere Teil der Unbekehrten – das waren die Dinge, die seine Predigten ausmachten.

Trotz schwerer Anfeindungen von Anfang an, war der Dienst Whitefields wie eine Fanfare, die England aus seinem geistlichen Schlaf schreckte.

Whitefields erster Amerikaaufenthalt

Am 28. Dezember 1737 im Hafen von Deal begann die erste Schiffsreise Whitefields nach Amerika. Zuerst führte diese über einen Umweg nach Gibraltar, wo britische Soldaten aufgenommen wurden. Auf der Fahrt konnte Whitefield nicht ruhen und las anfangs jeden Abend und jeden Morgen an Deck Gebete vor, später hielt er Andachten in der Kabine des Kapitäns. Dieser bat Whitefield später auch zu predigen und auf Deck wurde aus Holzkisten und Brettern eine Kanzel und Sitzbänke aufgebaut. Nach einigen Wochen waren die Matrosen und Soldaten nicht wiederzuerkennen. Whitefield erklärt:

Gott hatte die Arbeit an ihnen so gesegnet, daß die Soldaten wie Schulknaben aufstanden und den Katechismus aufsagten; viele lasen täglich in ihrer Bibel, und fast alle nahmen regelmäßig jeden Morgen und jeden Abend am Gottesdienst teil, sieben Tage die Woche.

Nach einer segensreichen, wenn auch stürmischen Überfahrt begann Whitefield in Georgia seine Arbeit, welche folgendermaßen in Kürze umrissen wird: Neben seinem Predigtdienst, der auch dort tausende von Menschen anzog, überführte und zum wahren Glauben an Jesus Christus führte, kaufte er Land und baute er ein Waisenhaus, welches bis zu seinem Lebensende Schutz und Geborgenheit für viele Kinder bot, die ihre Eltern verloren hatten. Im Umgang mit diesen Waisen kommt eine Charaktereigenschaft Whitefields besonders schön zum Vorschein: seine unglaubliche Liebe zu Hilfsbedürftigen und sein tiefes Mitgefühl.

Von der Kanzel auf die Felder

Nach Whitefields erstem Amerikaaufenthalt und seiner Rückkehr nach England, traf er eine zweite sehr folgenschwere Entscheidung. Der ungeheure Andrang bei seinen Predigten, der Wunsch, noch mehr Menschen mit dem Evangelium zu erreichen und die zunehmenden Anfeindungen mit der Church of England nötigten ihn dazu, den Schritt ins Freie zu wagen. Howell Harris, ein Wanderprediger in Wales, inspirierte ihn dazu. Whitefield begann auf freiem Feld zu predigen, was zur Folge hatte, dass seine Zuhörerschaft oft aus über 30.000 Menschen bestand (manche Schätzungen gehen von mehr als 60.000 Personen aus). Dieser Schritt führte dazu, dass er Menschen der gesellschaftlichen Unterschicht erreichte, die sonst nie in den Genuss einer Predigt gekommen wären. Er begann in Kingswood, einem Distrikt von Bristol. Dallimore beschreibt diesen Ort wiefolgt:

Er hätte sich, menschlich gesprochen, kaum eine unwahrscheinlichere Zuhörerschaft aussuchen können als die Arbeiterfamilien der Kohlebergwerke von Kingswood. In jenem Distrikt wohnten ihrer einige tausend, und sie führten ein Leben in erbärmlichsten Umständen. Männer, Frauen und Kinder trieben Stollen durch das Erdreich, arbeiteten endlose Stunden im Finstern, in Kälte und Nässe, und waren von Seuchen geplagt. Schmutzig und verwahrlost wie sie waren, fand ein Fremder nur selten seinen Weg zu ihnen. Die Bergleute hatten sich an ihr Leben im Abseits gewöhnt und waren zu einem mürrischen Geschlecht geworden, das nur mißtrauische, haßerfüllte und furchtsame Blicke auf jeden Fremdling werfen konnte.

Für den Rest seines Lebens behielt er die Gewohnheit im Freien zu predigen bei (in England und in Amerika), obwohl seine Anfeindungen mit der Church of England dadurch nur vergrößert wurden. Wenn er in eine neue Stadt kam, bat er in der Kirche zuerst um die Erlaubnis von der Kanzel zu predigen. Wenn diese ihm verweigert wurde, ging er aufs Feld.

Man kann sich kaum vorstellen, dass ein einzelner Mann ohne Mikrofon und Beschallungsanlage zu Menschenmengen von bis zu 60.000 Zuhörern predigen konnte. Jedoch gaben zahlreiche Zeugen an, dass Whitefields Stimme noch aus einer Meile Entfernung hörbar war. Ich denke, dass das eine außergewöhnliche Befähigung Gottes war, mit der er speziell für diesen Dienst zugerüstet wurde.

Whitefields Dienst in England sah also folgendermaßen aus: Er reiste, meist zu Pferd, von einer Stadt zur nächsten und predigte – manchmal mehrmals täglich – vor Zehntausenden von Menschen. Dabei sammelte er Geld für sein Waisenhaus in Georgia (es hieß Bethesda). In der Nacht konnte er meist nicht viel schlafen, weil er stets von überführten Menschen aufgesucht wurde, die sich bekehren wollten.

In Amerika reiste er durch die dort neu gegründeten Kolonien und predigte in Kirchen und im Freien. Es wird geschätzt, dass 80 Prozent der damals in den Kolonien lebenden Menschen die Stimme Whitefield mindestens ein Mal gehört haben.

Er tat das mit einem unvorstellbaren Eifer. Der Dienst im Reich Gottes war seine einzige Leidenschaft.

4. Eine Theologie der souveränen Gnade

In Hebräer 13,7 werden wir als Gläubige dazu aufgefordert, an geistliche und vorbildhafte Leiter zu gedenken. Aus 1. Timotheus 4,16 lassen sich zwei Voraussetzungen für ein gutes Vorbild ableiten: „Habe acht auf dich selbst und auf die Lehre; bleibe beständig dabei! Denn wenn du dies tust, wirst du sowohl dich selbst retten als auch die, welche auf dich hören.“

Der Fokus eines geistlichen Leiters soll also zum einen auf der persönlichen Heiligkeit, also einem sauberen Wandel liegen, zum anderen soll er auch auf die gesunde Lehre gerichtet sein. Whitefield vereinte beides. Er hatte schon sehr früh nach seiner Bekehrung begonnen, das Evangelium und die biblischen Lehren von Erlösung, Gnade, Rechtfertigung, Rettung, Sühnung usw. sehr sorgfältig zu studieren. Er war sehr bemüht um eine gesunde und unverfälschte Lehre. Bis zu seinem Tod vertrat er eine klare, eindeutige Position, die von vielen, auch von seinen guten Freunden Charles und John Wesley, ebenfalls große Wanderprediger, angegriffen wurden. Ich möchte kurz zusammenfassen, wie Whitefields Verständnis vom Evangelium aussah und was die Diskussionspunkte waren, mit denen er immer wieder konfrontiert wurde. Whitefield glaubte, dass:

  • der Mensch geistlich tot in seinen Sünden und somit unfähig ist, zu Gott zu kommen und an seiner Rettung irgendwie mitzuwirken, so wie ein Baby nicht dafür verantwortlich ist, gezeugt und geboren zu werden (vgl. Eph 2,1-3).
  • Gott es ist, der manche Menschen vor Grundlegung der Welt zum Heil auserwählt hat (Eph 1,4-5), diese aus ihrem geistlichen Tod auferweckt (vgl. Eph 2,5), ihnen die Wiedergeburt schenkt (vgl. Tit 3,5), sie zur Buße leitet (vgl Röm 2,4) und ihnen den Glauben und damit die Erlösung schenkt (vgl Eph 2,8-10).
  • alle Menschen, die nicht Buße tun und nicht glauben, in die Hölle kommen und dort auf ewig den gerechten Zorn Gottes tragen (Röm 2,8; Offb 15,7)
  • die tatsächlich Wiedergeborenen, für immer in Gottes Hand sicher sind und ihre von Gott geschenkte Rettung nicht mehr verloren gehen kann (vgl. Phil 1,6; Röm 8,38-39; 11,29).

In all diesen Punkten widersprachen ihm viele seiner Zeitgenossen und manche predigten auch öffentlich gegen ihn. John Wesley lehrte, dass der Mensch sich aus freien Stücken heraus für oder gegen Gott entscheiden könnte, dass er sein Heil wieder verlieren könne, dass er auf dieser Erde schon sündlos leben könne und dass irgendwann einmal alle Menschen in den Himmel kommen (sprich, dass die Strafe der Hölle nicht ewig sei).

Trotzdem war Whitefield immer bemüht, die Einheit mit seinem Freund Wesley zu bewahren und die Christenheit vor Spaltungen und gegenseitigem Hass zu schützen. Die Wesleys hetzten öffentlich gegen Whitefield und warnten die Menschen vor seinen Predigten. Sie selbst mieden den Kontakt zu Whitefield und ließen viele seiner Briefe unbeantwortet. Whitefield schmerzte das sehr – nicht seinetwegen, sondern weil er sah, wie dadurch das Reich Gottes Schaden litt und sich Gemeinden spalteten. Er pflegte immer zu sagen: „Der Name Whitefield soll erlöschen!“. Es gründete nie eine eigene Glaubensgruppierung (im Gegensatz dazu John Wesley: Wesleyaner), sondern verkehrte mit den Herrnhutern, mit den Quäkern, mit der anglikanischen Kirche, mit Nonkonformisten und mit den Puritanern.

Er setzte allen Eifer daran, sich mit den Brüdern Wesley auszusöhnen, wozu Gott nach vielen Jahren auch Gelingen schenkte. Er predigte später sogar in den von den Wesleys gegründeten Gemeinden, obwohl er seine klare Position zu den genannten Punkten bis zu seinem Lebensende beibehielt. Charles Wesley, der im Streit gegen Whitefield zeitweise noch aggressiver vorging als sein Bruder John, näherte sich später den Überzeugungen Whitefields an.

5. Eine Übersicht über das Leben und den Dienst Whitefields

16. Dezember 1714 Geburt in Gloucester
1735 Bekehrung und Gründung der ersten Gemeinde (Methodist Society)
1738 Erster Amerikaaufenthalt: Gründung des Waisenhauses in Georgia (6 Monate)
1739 Whitefield beginnt im Freien zu predigen (Kingswood, Kennington Common, Moorfields, usw. – ca. 2 Mio. Menschen)
1740/41 Zweiter Amerikaaufenthalt: Drei Predigtreisen: eine durch mittlere Kolonien, eine durch/um Charleston, South Caronlina, Neuengland (über tausend Predigten, mehrere hunderttausend Menschen), geistlich reichste Zeit in der christlichen Geschichte Nordamerika (Great Awekening)
1741 Erweckung in Schottland unter Whitefield
14. November 1741 Vermählung mit Elizabeth James
1744 Dritter Amerikaaufenthalt: Neubelebung eines geschädigten Werks in Neuengland (falsche Lehren nahmen Einfluss)
1748 Whitefield besucht die Bermudas
1751 Vierte Amerikareise (kurz, er musste schnell zurück nach England)
ca. 1752-1770 Krankheit (Er wurde sehr geschwächt, sein Dienst musste ruhiger werden)
1754 Fünfte Amerikareise (Gesundheit verbesserte sich kurzzeitig, Arbeiten am Waisenhaus, weitere Predigtreisen, Erweckung hielt an)
1763 Sechste Amerikareise (Tiefpunkt der Krankheit, er wollte sein Waisenhaus wiedersehen)
1765 Letzte vier Jahre in England (Predigtreisen in ganz England, in Wales und in Schottland, Frieden stiften, häretische Bewegungen bekämpfen)
1769 Siebte Amerikareise (Predigen, Waisenhaus besuchen)
30. September 1770 Tod in Newburyport, MA

6. „Die Kerze erlischt“

Am Samstag, dem 29. September 1770 predigte in Portsmouth im Freien zu einer sehr großen Menschenmenge. Ein gewisser Mr. Clarkson merkte, dass ihm unwohl war, und er wandte sich an ihn mit den Worten: „Ihr gehört eher ins Bett als auf die Kanzel.“ Darauf antwortete Whitefield: „Sir, Ihr habt recht“, wandte sich dann aber auf die Seite, faltete seine Hände und rief mit aufwärtsgewandtem Blick:

Herr Jesus, ich bin in Deinem Werk müde geworden, aber ich bin Deines Werkes noch nicht müde. Ich habe meinen Lauf noch nicht vollendet. Laß mich noch einmal gehen, um unter freiem Himmel in Deinem Namen zu sprechen, setze du Dein Siegel auf Deine Wahrheit, und dann laß mich nach Hause kommen und sterben!

Dann stieg er auf die Kanzel. Er stand mehrere Minuten stumm da, unfähig zu reden. Dann sagte er: „Ich will auf Gottes gnädigen Beistand warten; denn er wird mir, des bin ich gewiß, helfen, noch einmal in seinem Namen zu reden.“ Und dann hielt er eine seiner gewaltigsten Predigten. Er rief mit lauter Stimme:

Ich gehe … ich gehe ein in jene Ruhe, die mir längst bereitet ist. Meine Sonne ist aufgegangen, und sie hat mit der Hilfe des Himmels vielen geleuchtet, und jetzt ist sie daran unterzugehen – nein, sie ist daran aufzugehen und aufzusteigen zum Zenit ewiger Herrlichkeit. Viele mögen länger leben als ich auf der Erde, aber sie können nicht länger leben als ich im Himmel. Oh, des göttlichen Trostes! Ich werde bald in einer Welt sein, wo Zeit, Alter, Schmerz und Kummer unbekannt sind. Mein Leib versagt seinen Dienst, während mein Geist immer weiter wird. Wie gerne würde ich noch leben, um Christus zu predigen, aber ich sterbe nun, um bei ihm zu sein!

Zwei volle Stunden redete er sein letztes Mal unter freiem Himmel von der Herrlichkeit des Evangeliums, von Gottes Sohnes und vom Himmel, und das so deutlich, so kraftvoll und mit solchem Pathos, daß mancher beteuerte, es sei die gewaltigste Predigt gewesen, die sie je von ihm gehört hatten. Dann stieg er vom Holzgerüst, wurde auf sein Pferd gehievt und ritt davon.

Benedikt Peters beschreibt die letzten Stunden Whitefield wiefolgt:

Seinen letzten Abend verbrachte [Whitefield] bei Jonathan Parson, Pastor der presbyterianischen Gemeinde in Newburyport, Massachusetts. Whitefield war müde und bat nach dem Essen, früh zu Bett gehen zu dürfen. Inzwischen hatte sich ein Haufe von Menschen vor dem Haus versammelt, und während er langsam die Treppe hochging, riefen ihm einige, die unten in der Tür standen, und baten ihn um ein Wort. George Whitefield mochte erschöpft sein, aber er war nicht der Mann, der eine solche Bitte hätte ausschlagen können; er konnte es einfach nicht. So blieb er auf dem Treppenabsatz stehen mit der Kerze in der Hand und predigte Christus. Christus, seine unvergleichlichen Tugenden, Seine Gnade, Seine Heiligkeit, Seine Rettermacht, sie beschlagnahmten den ermatteten Verkündiger so vollständig, daß er bald alle Müdigkeit und auch die Zeit vergaß und weiterredete, bis die Kerze ein letztes Mal aufflackerte und erlosch. Sie war ihm in der Hand niedergebrannt. Das war George Whitefield; sein Leben war wie diese Kerze gewesen. Sich selbst vergessend, hatte er sein Leben für das Evangelium verzehrt, bis es aufgebraucht war.

In der folgenden Nacht, am Sonntag, den 30. September um genau 6:00 morgens starb Whitefield. Er war endlich am Ziel.


Literatur

1. Benedikt Peters. George Whitefield. Der Erwecker Englands und Amerikas. CLV: Bielefeld, 2003 (2. Auflage)

2. Steve Lawson. The Evangelistic Zeal of George Whitefield. Reformation Trust: Sanford, 2013