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Buchbesprechung: Bibelauslegung praktisch – In zehn Schritten den Text verstehen.

Wer einen Schatz heben will, braucht das richtige Werkzeug. Das gilt auch für die Bibel. Wer nur an der Oberfläche kratzt läuft Gefahr, ein subjektives und völlig falsches Verständnis von biblischen Aussagen zu erlangen. Aus diesem Grund geben Helge Stadelmann und Thomas Richter dem Leser Werkzeuge an die Hand, um in zehn Schritten eine fundierte Exegese (Textdeutung oder Auslegung) zu erarbeiten.

Inhalt

Im relativ kurzen ersten Teil des Buches, der als Einleitung dienen soll, geben die Autoren eine Einführung in die schrift- und textgemäße Auslegung der Bibel. Sie setzen dabei drei Schwerpunkte, die man dabei zu beachten hat: Erstens sollte Gottes Reden ernst genommen werden, als zweites gilt es danach zu fragen, was der Text ursprünglich bedeutet und als drittes danach zu fragen, was der Text für die Gegenwart und Zukunft bedeutet. Ferner werden in diesem Teil die Voraussetzungen für eine schrift- und textgemäße Auslegung der Bibel erläutert, wobei die wohl wichtigste Aufgabe hier dem Heiligen Geist zufällt, ohne den die Exegese nicht auskommt. Schließlich wird der erste Teil mit einem Überblick über die Auslegung und Anwendung der Bibel abgeschlossen.

Der zweite Teil dieses Buches, welches der Hauptteil ist, beschäftigt sich dann eingehend mit jedem der zehn Schritte, die für eine fundierte Bibelauslegung nützlich sind. Jeder Schritt wird verständlich und anhand vieler Beispiele erläutert und nach jedem Schritt gibt es eine persönliche Übung (Psalm 1 und Epheser 4,1-6), um jeden Schritt einzustudieren. Man kann die Lösungen der jeweiligen Schritte sogar im Internet unter https://www.scm-brockhaus.de/bibelauslegung-praktisch-7483791.html einsehen.

Der erste Schritt lautet: Mit dem Text vertraut werden. Drei Dinge sollten bei diesem Schritt getan werden, und zwar die Texteinheit mehrmals in verschiedenen Übersetzungen lesen, den Gedankengang der Texteinheit aufnehmen und die „Stolpersteine“ markieren. Dieser Schritt soll dazu dienen, einen Überblick über den Text zu geben, der ausgelegt werden soll. Es ist als würde man einen „Schatzplan“ studieren – erstmal einfach nur lesen, was da steht.

Die nächsten sieben Schritte sollen einem Einblick geben, um zu merken, worum es geht. Es ist, als würde man sich nun auf die „Schatzsuche“ begeben und die „Stolpersteine“ wegräumen.

Zunächst, so lautet der zweite Schritt, muss man die Textbasis feststellen. Hierbei ist es das Ziel aus einem Übersetzungsvergleich mit möglichst vielen Übersetzungen, die wohl ursprünglichste Textbasis festzustellen. Wir sind in Deutschland sehr gesegnet mit sehr vielen und guten Bibelübersetzungen und dürfen, auch wenn der Schritt etwas Zeit und Aufwand in Anspruch nimmt, dankbar dafür sein, dass wir diesen Schritt überhaupt durchführen können und nicht erst ein Griechisch-Experte werden und uns eingehend mit der Textkritik auseinandergesetzt haben müssen.

Beim dritten Schritt klärt man die ursprüngliche Kommunikationssituation. Hierbei sind drei Vorgänge durchzugehen: Die literarische, die geschichtlich-kulturelle und die geographische Abfassungssituation der Texteinheit betrachten.

Viertens sollte man, für ein richtiges Textverständnis, den Zusammenhang der Texteinheit erfassen. Dabei ist die die Einbettung der Texteinheit im Buchkontext festzustellen, die Funktion der Texteinheit im Buchkontext zu ermitteln, die Abgrenzung der Texteinheit vorzunehmen, die parallelen Texte zur Texteinheit zu beachten und die Harmonisierung der Texteinheit im Schriftkontext zu erwägen.

Das alles mag bisher, aufgrund der Komprimierung dieser Schritte auf ein Minimum, um diese Rezension nicht allzu sehr in die Länge zu ziehen, sehr theoretisch und trocken klingen. Doch hier sei angemerkt, dass der Autor jeden dieser Schritte auf lebendige und erfrischende Art und Weise ausführt und nicht so stur theoretisch, wie es hier klingen mag.

In einem fünften und sechsten Schritt wird ein wenig Schulstoff wiederholt, der wohl bei den meisten Leuten schon längst wieder verdrängt und vergessen wurde. Aber es ist für den gewissenhaften Bibelausleger von großer Bedeutung, sich noch einmal mit Inhalten aus dem Deutschunterricht – nämlich Literaturgattungen, Literaturformen, Stilfiguren, Syntax und Grammatik – zu befassen. Eine poetische Darstellung des Messias z.B. in Psalm 2 wird beispielsweise völlig anders interpretiert als das Königsgesetz aus 5. Mose 17. Offenkundig sollte auch der gewaltige Unterschied zwischen den Erzählungen der Königebücher und den argumentativen Texten des Apostels Paulus z.B. im Römerbrief sein. Wir müssen Literatur als Literatur, wie sie eben in ihren verschiedenen Gattungen in der Bibel vorkommen, interpretieren. Desgleichen müssen wir auch genauestens auf Wortbedeutungen achten, die womöglich schon eine 3000 Jahre lange Geschichte hinter sich haben und heute vielleicht etwas ganz anderes bedeuten als damals. Wer kommt schon auf die Idee, dass ein Rinderstachel, mit welchem Schamgar in Richter 3,31 600 Philister erschlagen hat, ein Treiberstab war, mit dem Rinder getrieben wurden. Oder wenn wir das Wort Segen in der Bibel finden – wer kann kurz zusammenfassen, was dieses Wort bedeutet? Dazu müssen wir uns die Arbeit machen, ein Lexikon zur Hand zu nehmen, oder auch durch Benutzen einer Konkordanz zahlreiche Stellen der Schrift, in denen dieses Wort vorkommt, miteinander vergleichen, um die vom Schreiber intendierte Bedeutung eines Wortes herauszufinden.

In Schritt sieben darf man seine grammatischen Fähigkeiten noch einmal beweisen, indem man ein übersichtliches Textschaubild erstellt. Dabei sollen die Nebensätze von den Hauptsätzen unterschieden werden und die Bedeutung der Nebensätze näher untersucht werden. Dies ist vor allem bei den argumentativen Paulustexten von ungeheurer Bedeutung, wenn man sich durch mehrere Verse lange Gedankengänge durchkämpfen will. Ziel sollte sein, den Gedankengang des Autors in einem Text nachzuspüren und die Kernaussage einer Texteinheit herauszufinden.

Schritt acht ist ein letzter Schritt der „Schatzsuche“, der einem Einblick geben sollte, um zu merken, worum es geht. Verbleibende Probleme der Texteinheit sollten nun endgültig gelöst werden und jeglicher „Stolperstein“ aus dem Weg geräumt sein. Ohne die beiden Vorgänge dieses Schrittes weiter auszuführen möchte ich sie dennoch nennen, mit dem Hinweis, dass sie zur Genüge im Buch selbst erläutert werden: Die gesamtbiblisch-theologische Betrachtung und die systematisch-theologische Betrachtung.

Nun ist der Ausblick noch wichtig. Wir müssen sagen, wo es hingeht. Der „Schatz“ muss gehoben werden und die Stolpersteine zu Bausteinen umgewandelt werden.

Schritte neun und zehn sollen helfen, die Aussage der Texteinheit präzise zusammenzufassen und sich der Bedeutung der Texteinheit für heute stellen. Man sollte nach diesen mühsamen, aber dennoch lohnenswerten acht Schritten nun in der Lage sein, ein Textthema zu formulieren und eine Textgliederung zu erstellen, die später als Grundlage für eine Predigt über einen Text von sehr großer Nützlichkeit sein können. Gedanken über die konkrete Anwendung sollten in einem letzten Schritt ebenfalls gemacht werden, um den langen, möglicherweise für den Anfang zähen Vorgang einer sauberen und gründlichen Exegese abzuschließen.

Im Anhang werden für jeden Schritt noch weitere Literaturempfehlungen gegeben, mit denen man sich frisch ans Werk machen kann.

Fazit

Das Buch ist in der Tat leicht verständlich und ausführlich geschrieben, sodass jeder gewissenhafte Christ, der die Schätze der Bibel unbedingt entdecken möchte, aber nicht genau weiß wie, hier eine super Anleitung hat, wie er sich auf alle erdenklichen Schätze der Schrift stürzen kann. Zum Schluss sei allgemein zur Exegese etwas gesagt: Es ist wie mit dem Autofahren; da muss man zuerst lernen, wie man die Spiegel richtig einstellt, wie man die Kupplung richtig „kommen lässt“, wie man schaltet, wie man gemächlich aber auch scharf abbremst uvm. Beherrscht man allerdings nach einer Weile alle Schritte, so kann das Autofahren enormen Spaß bereiten. Dasselbe Prinzip ist auch auf die Bibel anwendbar und hier sei jedem Mut gemacht, der noch zögerlich Respekt vor dieser riesengroßen Aufgabe hat, die Bibel sauber auszulegen. Es wird funktionieren!