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Buchbesprechung: Das Buch der Mitte

Der Autor

Vishal Mangalwadi wurde 1949 in Indien geboren, wo er zunächst auch Philosophie studierte. Danach setzte er seine Studien in hinduistischen Ashrams und bei der L’Abri-Fellowship von Francis Schaeffer in der Schweiz fort. 1976 gründete er eine gemeinnützige Organisation, um den Armen und der Landbevölkerung niederer Kasten in Zentralindien zu helfen.

Inhalt

Das Buch ist eine sehr detaillierte und sehr gut recherchierte Ausarbeitung zu dem Thema, das durch den Untertitel des Buches sehr gut zum Ausdruck gebracht wird: “Wie wir wurden, was wir sind: Die Bibel als Herzstück der westlichen Kultur.” Den besonderen Charme des Buches machen u.a. die persönlichen Erfahrungen des Autors aus, die er in einem armen, indischen Dorf namens Gatheora machte und die er immer wieder in seine Ausführungen zu verschiedenen Themen einfließen lässt. Der Autor und seine Frau Ruth wurden in diesem Dorf und dessen Umgebung zu Sozialreformern, indem sie den dort lebenden Menschen, die in einer trostlosen Weltanschauung und dem Kastenwesen gefangen waren, eine neue, biblische Weltsicht vermittelten.

Das Buch beginnt mit einer ausführlichen Analyse der Entwicklung der westlichen Gesellschaft in den letzten Jahrhunderten, die der Autor beispielhaft an der Musikgeschichte aufzeigt – von Bach bis Cobain, von einem Klassiker, dessen Musik von Ordnung und Ästhetik bestimmt wurde zu einem Musikstil, der den Nihilismus verherrlicht und dessen Interpret Kurt Cobain sich selbst das Leben nahm. Es wird anhand verschiedener Beobachtungen deutlich, dass der post-moderne Mensch sich immer mehr der buddhistischen Haltung annähert, die die Existenz der Seele leugnet und deren höchste Erfüllung das Nichts ist. Erste Hinführungen zu der Hauptthese des Buches werden deutlich, indem die Bibel hier als die “Seele der westlichen Zivilisation” bezeichnet wird und aufzeigt, wie der Westen durch die nihilistischen, buddhistischen oder atheistischen Einflüsse seiner Seele beraubt wird.

In dem zweiten Teil des Buches berichtet der Autor von dem bereits erwähnten “Dienst an den Armen”, den er und seine Frau in Zentralindien ausübten. Er zeigt auf, wie ihre Bemühungen, den Menschen aus ihrer primitiven, ja lebensbedrohlichen Situation besonders am Anfang auf starkes Unverständnis und sogar auf Gegenwehr stießen. Durch Hilfsbereitschaft, eine biblische Tugend, die sogar im mosaischen Gesetz verankert ist, verletzt man das hinduistische Kastensystem und erleichtert einem Menschen das Leid, das er durch sein voriges Leben selbst verschuldet hat. Somit besteht in der dortigen Kultur kein Wunsch nach Hilfe. Dieser soziale Missstand ist tief in dem Denken der Kultur verankert. Mangalwadi beginnt bereits in diesem Teil des Buches, das er “Eine persönliche Pilgerreise” nannte, biblisches Gedankengut und sein Einfluss auf das alte Israel und später die westlichen Nationen in diesem Kontext zu erläutern. Er erklärt das biblische Menschenbild und stellt sie dem Menschenbild gegenüber, dass davon ausgeht, dass weder Gott noch die menschliche Seele existiert. Wenn der Mensch auf eine biochemische Maschine reduziert wird, wird jegliches moralisches, ästhetisches und epistemologisches Urteilsvermögen seiner Grundlage beraubt. Jede Kritik, sei es auf persönlicher oder staatlicher Ebene, ist subjektiv, ja sogar haltlos. Die Bibel jedoch bietet mit ihrem Menschenbild eine solide Grundlage dafür, menschliches Handeln zu hinterfragen und z.B. auch Gesellschaftskritik zu üben. Über die biblischen Bücher Könige und Chronika schreibt er: “Diese prophetische Sitte, das eigene Volk zu kritisieren und Selbstkritik zu üben, ließ die Juden zum Segen für die Welt werden. Aufgrund der göttlichen Offenbarung bekam die Menschheit Kenntnis von Gottes Liebe und von seinem Gericht. So begriff ich‚ warum es dem Westen trotz vieler Phasen moralischen und intellektuellen Zerfalls immer wieder mit der Hilfe der Bibel gelang, sich selbst zu reformieren und zu verbessern.” (S. 92)

In dem dritten Teil des Buches, “Der Same der westlichen Zivilisation” widmet sich der Autor nun mit voller Aufmerksamkeit der Hauptthese des Buches: Die Bibel ist das Herzstück der westlichen Kultur. Er zeigt auf, dass Mitmenschlichkeit, eine Errungenschaft, die nur der Westen in einem solch hohen Maße aufzuweisen hatte, sich auf die Bibel gründet. Biblisches Gedankengut wie z.B. die Menschwerdung Christi oder das in Sprüche 31,8.9 festgehaltene Gebote: “Du aber tritt für die Leute ein, die sich selbst nicht verteidigen können! Schütze das Recht der Hilflosen! Sprich für sie und regiere gerecht! Hilf den Armen und Unterdrückten!” sind hierfür verantworlich. Auch anhand von historischen Daten legt er dar, wie die Wiederentdeckung des biblischen Menschenbildes durch große Denker der Renaissance (z.B. Pico della Mirandola, 1463-1494)  zu einer nie dagewesenen Mitmenschlichkeit in der damaligen westlichen Welt führte. Neben der Entwicklung der Menschenwürde zeigt Mangalwadi auch das Aufkommen von Technik, das durch biblisches Denken angestoßen wurde – technische Entwicklungen wie die Schubkarre, die Uhr, die Orgel oder die Brillengläser sind Beispiele hierfür – und die Formung einer denkenden Gesellschaft, die ebenfalls durch die Ausbreitung biblischen Gedankenguts hervorgebracht wurde. “Wie Europa verfügte auch mein Heimatland über religiöse Gemeinschaften und geniale Erfinder. Warum gelang es uns trotzdem nicht, Uhren zu entwickeln oder eigenständig Maschinenbau zu betreiben? Uns fehlte meines Erachtens die biblische Weltsicht, denn wir hielten das Universum nicht für eine durchdachte und minuziös geplante Schöpfung. In unseren Augen war es entweder göttlich oder ein Traum, aber kein reales schöpferisches Produkt von Intellekt, Willen und Schaffen.” (S. 162)

“Die Revolution des Jahrtausends” – So übertitelt Mangalwadi den vierten Teil seines Buches. Er lenkt den Blick zunächst auf das Verständnis vom Heldentum und der historischen Entwicklung desselben: “Die Bibel sorgte für ein ganz neues Verständnis des Heldenbegriffs. Unter Heldentum verstand man nun einen starken Glauben, der sich weder dem Bösen, noch der Falschheit beugt. Man verstand darunter einen Glauben, der über die letzte Waffe Satans triumphiert, über die Furcht vor dem Tod.” (S. 199) Dieses “neue Verständnis des Heldenbegriffs” wurde, wie der Autor ausführt, durch die Person und das Wirken Jesu Christi angeregt, der nicht durch besondere Fähigkeiten, triumphales Gehabe glänzte, sondern bereit war, für Sünder, die Rettung brauchen, zu sterben, sich für sie hinzugeben. Als nächstes führt Mangalwadi aus, wie die “Welt durch Bibelübersetzer verändert wurde.” Er stellt die Zeiten totalitärer Systeme wie des alten Roms und des Papsttums der Geschichte der Zeit der Bibel, respektive der Zeit der Reformation, gegenüber. Bibelübersetzer wie Tyndale ließen ganze Denkgebäude klerikaler Herrschaft zum Einsturz bringen. Dem einfachen Volk wurden durch die Übersetzungen die biblischen Gedanken, das Welt- Menschen- und Gottesbild der Bibel, zugänglich gemacht. Dies veränderte die Gesellschaft in vielerlei Hinsicht positiv. Bibelübersetzer und Missionare trugen auch wesentlich zur Formung der Sprachen und der Demokratisierung der Bildung bei, sowohl in europäischen Ländern als auch in Indien. Darüberhinaus waren sie für die Schaffung von 73 modernen Schriftsprachen, die heute immer noch gängig sind.

Der fünfte Teil des Buches beschäftigt sich mit der “intellektuellen Revolution” des Westens und entfaltet so die Gedanken über die Demokratisierung der Bildung in westlichen Staaten weiter. Diese werden durch eine kurze Fallstudie zu der Entwicklung der Bildung in Indien gestützt. Das Nationalbewusstsein verschiedener Länder wurde durch die Bibel gestärkt und trug dazu bei, die Bildung für die einfachen Leute zugänglich zu machen. Interessant zu beobachten ist, wie der Autor den Beitrag der Literatur, etwa von christlichen Pilgervätern, zum Denken, Handeln und Reden der Gesellschaft herleitet und ihn zu der Schlussfolgerung bringt: “Der Einfluss der Bibel auf die Literatur ließ sie im Westen zur Quelle kultureller Autorität werden. Eine Ablehnung der Bibel hingegen mündet in moralischer und intellektueller Anarchie.” Die Universitätsbildung und der Einfluss der Bibel auf die Bildung im Allgemeinen ist Gegenstand des nächsten Kapitels. Allein schon das geografische Zusammenvorkommen von Kirchen und Universitäten (z.B. in der Heimat des Autors, der Stadt Allahabad) zeugt davon, dass das Christentum im Gegensatz zum Kolonialismus, Hinduismus und dem Islam, prinzipiell das gesellschaftliche Ziel der Bildung verfolgte. Mangalwadi erklärt: “Die Geschichte der indischen Bildungsrevolution ist vorbildlich. Im 19. und 20. Jh. orientierten sich viele westliche Missionen in den Ländern der Dritten Welt an diesem Muster. Sie gründeten, finanzierten und unterhielten Hunderte von Universitäten, Tausende von Colleges und zehntausende Schulen. Sie unterrichteten Millionen von Menschen und bewirkten in den Völkern Veränderung. Dieser gigantische weltweite Auftrag wurde inspiriert und getragen von einem Buch – der Bibel” (S. 291). In einem weiteren Kapitel untersucht der Autor die Wissenschaft auf ihre Grundlage. Zunächst scheint es erstaunlich, doch die historischen Daten sprechen für sich. Es werden einige “Pioniere der Wissenschaft” angeführt und ihr Einfluss auf das wissenschaftliche Denken erläutert. Die meisten von ihnen (ca. 60%) waren bekennende Christen und betrieben ihre Studien “zur Ehre Gottes” (vgl. S. 327). Und selbst der Rest von ihnen war christlich – man könnte sie vielleicht als Namenschristen bezeichnen.

Im nächsten Teil, dem sechsten (“Was brachte den Westen an die Spitze?), befasst sich Mangalwadi mit fünf Bereichen: Ethik und Werten, der Familie, Mitgefühl und Barmherzigkeit, Reichtum und Freiheit. Im ersten Bereich bildet eine Analyse der englischen Gesellschaft vor und nach John Wesley (1703-1792) einen großen Teil. Wesley war ein höchst aktiver Wanderprediger, der unter einer Bevölkerung arbeitete, die von Alkoholsucht, Spielsucht, Brutalität, Faulheit, Korruption und zahlreichen anderen Lastern durchdrungen war. Zu jener Zeit verstaubte die Bibel auf den englischen Regalen. Durch die Predigt des Evangeliums durch Männer wie John Wesley und George Whitefield wurden Dörfer und Städte gründlich auf den Kopf gestellt. Neben den persönlichen Bekehrungen wurde auch ein breites Bewusstsein für Moral und Ethik geweckt und Werte wie Ehrlichkeit, Fleiß, Heldenhaftigkeit und Mut wurden in der Gesellschaft etabliert. Diese Informationen zeigen exemplarisch auf, dass die Präsenz des biblischen Gedankenguts immer mit einer starken Ausprägungen von moralischen Werten einhergeht. Die Statistiken besagen auch, dass die Staaten, “die am stärksten von der Bibel geprägt sind, die niedrigste Korruptionsrate haben” (S. 353) Auch in den anderen Bereichen wie Familie wird der positive Einfluss der Bibel auf eine Gesellschaft deutlich. Gerade die biblische Sexualethik brachte unbeschreibliche Erleichterungen für die Frau, indem sie etwa nicht nur die Keuschheit der Frauen, sondern “auch vom Mann Selbstdisziplin und Reinheit der Gedanken” forderte (S. 385). Die persönliche und gesellschaftliche Einstellung zu Ehebruch, Vergewaltigung, Mord usw. wurde durch die biblischen Gebote immer wieder verändert. Mitgefühl und Barmherzigkeit – von der Bibel geforderte Charaktereigenschaften – äußerten sich in einer besonderen Zuwendung zu den Kranken und trieb die Medizinforschung an. Obwohl auch arabische und indische Ärzte, Chirurgen und Forscher der westlichen Welt in fachlicher Hinsicht in nichts nachstanden, war doch ein markanter Unterschied in der Krankenpflege wahrnehmbar, denn nur die Bibel legitimierte eine solche Fürsorglichkeit, wie sie im Westen anzutreffen war. Auch der Reichtum, durch den sich der Westen schon so lange auszeichnet ist auf ein biblisches Weltbild zurückzuführen. “Wenn ein Schuhmacher beschließt, seine Schuhe zur Ehre Gottes herzustellen, dann verwendet er kein schlechtes Material und er schlampt auch nicht bei der Verarbeitung, sondern strebt bei seiner Arbeit eine hohe Qualität an” (S. 452).

Der siebte und letzte Teil des Buches, “Die Moderne erobert die Welt” handelt von Weltmission. Am Beispiel von seinem Freund Rochunga Pudaite (*1927), der als kleiner Junge seinen Eingeborenenstamm verließ und in die große weite Welt aufbrach um sich zu bilden und die Bibel für seinen Stamm zu übersetzen, wodurch in seinem Stamm und in der Umgebung eine gewaltige Veränderung bewirkt wurde, erläutert Mangalwadi die positive gesellschaftliche Veränderung durch die befreiende Botschaft des Evangeliums. Es ist unglaublich, was sich bewegen kann, wenn Menschen den Missionsauftrag Jesu Ernst nehmen und bereit sind, Menschen mit dem Evangelium der Bibel zu konfrontieren. Dieses Kapitel bildet eine schöne Überleitung zu dem Abschluss: “Die Sonne muss nicht über dem Westen untergehen.” Der Autor vermag es hier, Hoffnung zu wecken, auch wenn er stets den aktuellen Trend der westlichen Gesellschaft, sich weiter von der Bibel zu entfernen, im Blick hat. Der “Weg in die Zukunft” ist, nach all diesen Ausführungen offensichtlich davon abhängig, welchen Platz die Bibel in der Gesellschaft einnehmen wird. Der Autor schneidet hier nochmals verschiedene Themen an, wie z.B. das, historische “Großen Erwachen” Amerikas, die persönliche Veränderung, die durch Gottes Wort bewirkt wird und eine Bibelstelle, wo von gottgewirkten Erwachen einer Armee die Rede ist (Hesekiel 37). All dies vermittelt noch einmal eine feste Hoffnung darauf, dass Gottes Wort tatsächlich Kraft hat und wirken kann.

Im Anhang findet sich ein kurzes Nachwort, das sich an den Zweifelnden richtet und der Frage nachgeht: Kann die Bibel wirklich das von Gott gegebene Wort sein? Das Argument, auf das Mangalwadi hier baut, lautet etwa: Wenn die Menschen schon die Fähigkeit besitzen, ihre Gedanken in Buchform festzuhalten, dann umso mehr ihr Schöpfer, Gott. Gott ist Liebe und Liebe schließt Kommunikation immer mit ein (S. 538). Der Umkehrschluss, der in unserer Zeit in vielen Köpfen vorherrscht wurde von Dan Brown in der bekannten Novelle “Sakrileg” folgendermaßen festgehalten: “Weil der Schöpfer sich nicht mitteilen könne, sei es dem Menschen unmöglich, die Wahrheit zu erkennen” (S. 533). Hier wird der Leser ermutigt, die Bibel doch einfach mal zu lesen und auch wenn er noch Zweifel hat, Gott um sein Reden zu bitten.

Fazit

Dieses Buch füllt auf jeden Fall eine klaffende Wissenslücke, was wahrscheinlich auf die zunehmend säkulare Führung der wissenschaftlichen, politischen und sogar klerikalen Institutionen zurückzuführen ist. Die Informationen, die darin erläutert werden sind faszinierend und man fragt sich mit Recht: “Warum habe ich davon noch nichts gehört?” Ein Mensch sollte wissen, warum er und sein Umfeld ist, wie er ist. Jedem sollte die Möglichkeit gegeben werden, Gott dafür zu danken, dass er uns sein Wort geschenkt hat, in dem er uns seinen Willen für unser persönliches, geistliches aber auch gesellschaftliches Leben offenbart. “Das Buch der Mitte” ist hervorragend recherchiert und ausgearbeitet. “Bereits eine kleine Kursänderung hätte das Schicksal der Titanic ändern können. Viele sehen offenen Auges, dass der Westen auf eine Katastrophe zusteuert. Aber dieser höchst lesenswerte Überblick aus östlicher Sicht könnte unsere Zukunft völlig neu gestalten.” (David McDonald, Washington)