Essays

Der Christ und die Berufswahl

Aufgrund meiner eigenen Lebenssituation – ich studiere im Moment und bin noch nicht in die Berufswelt eingetreten – habe ich mir die Fragen gestellt: Was hat Gott zu der Wahl meines Berufes zu sagen? Welche biblischen Prinzipien gibt es, die hierbei von Belang sind? Ich fragte mich, was ich wohl für einen Beruf ergreifen wollen würde, wäre meine Beziehung zu Jesus Christus perfekt und würde ich ganz im Willen Gottes leben. Die Antwort auf die letzte Frage werde ich in diesem Leben wohl nie erfahren, doch unsere Verantwortung als Kinder Gottes, ist es nach dem in der Bibel offenbarten Willen des Vaters zu suchen und die dort zu findenden Prinzipen auf diese Situation der Berufswahl zu übertragen. Ich möchte das in drei Schritten tun, doch zuvor die Frage anschneiden, was die Bibel denn im Allgemeinen über das Thema Arbeit zu sagen hat.

Der Christ und die Arbeit

Als erster Grundsatz ist hier zu nennen, dass der Mensch von Gott auch geschaffen wurde, um zu arbeiten. Schon auf den ersten Seiten der Bibel wird dies deutlich. Die ersten Worte, die Gott an Adam und Eva richtete, waren: “Seid fruchtbar und vermehrt euch, und füllt die Erde, und macht sie euch untertan; und herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf der Erde regen!” (1. Mo 1,28) Da Gott selber schöpferisch tätig war und den Menschen in seinem Bilde schuf, können wir daraus schließen, dass er wollte, dass auch der Mensch seine Kreativität und die ihm gegebenen Fähigkeiten gebraucht, um etwas zu tun, nicht um auf der faulen Haut zu liegen. Bedenken wir, dass dieser Auftrag dem Menschen schon vor dem Sündenfall gegeben würde. Arbeit ist also keine Konsequenz der Sünde – vielmehr die unangenehmen Bedingungen, unter denen der Mensch seither arbeiten muss. Auch als Gott dem Volk Israel sein Gesetz gibt, macht er ihm klar: “Sechs Tage sollst du arbeiten und all deine Arbeit tun …” (2. Mo 20,9). Zu arbeiten und produktiv zu sein, ist also schon mal etwas, was im offenbarten Willen Gottes liegt. Gott hat dem Menschen die Arbeit geschenkt um sie vor Armut und materiellem Verfall zu schützen (vgl. Spr 6,9-11; Pred 10,18). Die Arbeit schützt uns aber auch vor unordentlichem Wandel. An die Gemeinde in Thessalonich schreibt Paulus: “Wir hören nämlich, dass etliche von euch unordentlich wandeln und nicht arbeiten, sondern unnütze Dinge treiben.” (2. Thess 3,11) Dem Menschen ohne Arbeit wird langweilig und er beginnt, unsinnige und sogar schädliche Dinge zu tun. So erging es auch dem König David, der statt mit seinem Heer in den Krieg zu ziehen, Ehebruch mit Bathseba trieb. Paulus schreibt weiter: “Solchen gebieten wir und ermahnen sie im Auftrag unseres Herrn Jesus Christus, dass sie mit stiller Arbeit ihr eigenes Brot verdienen.” (V. 12) Hier finden wir ein weiteres Prinzip: Der Mensch soll von dem Leben, was er sich selbst erarbeitet (ein Grundsatz, der durchaus auch politische Relevanz hat). Die Arbeit gehört zwingend zum Lebensalltag des Christen. Dazu schreibt Abraham Kuyper: “Eine biblische Sicht von Christus als souveränen Herrn über die ganze Welt kann uns nicht gestatten, irgendeinen Bereich aus Seinem Herrschaftsanspruch auszuklammern. Es gibt nicht einen einzigen Winkel im ganzen Universum über den unser Herr Jesus Christus nicht regiert.” Kommen wir nun zu den Prinzipen, die die Berufswahl im weiteren und engeren Sinn betreffen.

1. Welche Prinzipien gelten generell im Christenleben?

Zur Ehre Gottes leben

Ob ihr nun esst oder trinkt oder sonst etwas tut, tut alles zur Ehre Gottes! (1. Kor 10,31)

Alle unsere Handlungen, in jedem Lebensbereich – von unseren folgenschweren Lebensentscheidungen bis hin zu dem Umgang mit unserem Smartphone – soll den dreieinigen Gott verherrlichen. Das bedeutet nicht, dass jeder ernste Christ in den vollzeitigen christlichen Dienst einsteigen muss. Aber der Mensch neigt stets dazu, seine eigene Ehre zu suchen anstatt die Ehre Gottes. Das betrifft sowohl das Ausüben eines Berufes als auch die Wahl eines Berufes. Eine erste Frage der Selbstprüfung können wir uns also hier stellen: Entscheide ich mich für diesen oder jenen Beruf um Gottes Ehre willen? Diese Frage schließt nicht automatisch manche Berufe aus und andere nicht. Der eine kann sich dazu entscheiden, einen angesehen Beruf auszuüben mit der ehrlichen Herzenshaltung, Gott dadurch zu verherrlichen und der andere findet in seinem Herzen unlautere Motive wie das Streben nach Anerkennung oder nach Reichtum.

Ich gehöre Gott

Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes in euch ist, den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? (1. Kor 6,19)

Wenn wir Gottes Kinder sind, dann gehören wir, also unser Körper, unser Intellekt und unsere Fähigkeiten nicht uns selbst sondern ihm, der uns erkauft hat. Das hängt mit dem ersten Prinzip zusammen, denn Paulus schreibt weiter: “Ihr seid um einen Preis erkauft. Werdet nicht Sklaven von Menschen!” Diese Wahrheit bildet somit die Grundlage dafür, dass wir dazu aufgerufen sind, unser Leben in den Dienst Gottes stellen sollen, zu seiner Verherrlichung. Gott hat uns Gaben gegeben, um diesem Lebensziel gerecht zu werden. Wir haben nützliche Fähigkeiten, ein gewisses Maß an Intelligenz und einen Körper von Gott anvertraut bekommen. Wenn wir diese Dinge zu eigennützigen Zielen gebrauchen, bestehlen wir Gott in gewissem Sinn. Wir pflügen mit eines anderen Kalb. Benutzen wir unsere Weisheit und unsere Stärke, um uns selbst zu rühmen (vgl. Jer 9,22), verunehren wir damit unweigerlich den Geber dieser Dinge. Benutzen wir unsere Fähigkeiten, um uns zu bereichern und unseren Begierden nachzuhängen, anstatt um Gottes Auftrag an uns nachzukommen, missbrauchen wir sie und das ist Ungehorsam gegenüber Gott. Sei es auch nur die Hoffnung auf finanzielle Sicherheit, die wir uns durch einen gut bezahlten Job machen, es ist ein Missbrauch der göttlichen Gaben. Eine gut bezahlte Arbeitsstelle ist an sich nicht verkehrt, dennoch warnt die Bibel an zahlreichen Stellen davor, sich zu viel Geld anzuhäufen, da Geld etwas ist, worauf der Mensch schnell seine Hoffnung baut und woran er sein Herz hängt.

Der Selbstzweck der Arbeit

Durch die Arbeit soll, wie wir bereits gesehen haben, Gott verherrlicht werden. Doch sie hat auch einen ganz einfachen Selbstzweck, nämlich “dass sie [die Menschen] mit stiller Arbeit ihr eigenes Brot verdienen.” “Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen.” (1. Mo 3,19) “Der Hunger des Arbeiters arbeitet für ihn, denn sein Mund spornt ihn an.” (Spr 26,16) In diesen und anderen Bibelstellen wird ein Grundsatz deutlich. Der Mensch soll arbeiten, um zu leben. Er soll nicht arbeiten, um eine S-Klasse fahren zu können oder regelmäßig Wellness-Urlaube auf Honolulu zu verbringen. Paulus sagt sogar: “Wenn wir aber Nahrung und Kleidung haben, so wollen wir uns daran genügen lassen.” Ich denke nicht, dass Paulus damit nur sagen will, die Ärmeren, die nichts außer Kleidung und Essen haben, sollen sich nicht beschweren, nein, ich glaube auch, dass Paulus meint, der Christ solle nicht nach unnötigem Besitz streben. In unserer Konsumgesellschaft ist diese Aufforderung kaum noch umzusetzen. Dennoch ist es ein bleibender Grundsatz: Arbeit soll getan werden, um zu leben. Unser Leben soll in den Dienst Christi gestellt werden. Beides soll der Verherrlichung Gottes dienen.

2. Welche biblischen Prinzipien sind besonders eng verknüpft mit der Berufswahl?

Wir möchten uns hierbei vor allem drei Bereiche anschauen: 1. Jesu Missionsauftrag, 2. Gutestun und 3. Vorbilder der Bibel.

2.1 Jesu Missionsauftrag

Und Jesus trat herzu, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. (Mt 28,18-20)

Dieser Auftrag ist zunächst ein Lehrauftrag. Die Frage die man sich in Bezug auf die Berufswahl stellen kann, ist “Gibt es in meinem späteren Beruf Möglichkeiten, Menschen zu belehren und ihnen die Botschaft vom gekreuzigten Christus zu sagen?” Es gibt hier schon mal einige Berufe, die besser und einige, die schlechter dafür geeignet sind. Um niemandem zu nahe zu treten, verzichte ich darauf, Beispiele zu geben; ich denke, jeder kann sich diese Frage in Bezug auf die eigenen Berufswünsche selbst beantworten. Vielleicht sollte noch erwähnt werden, dass dieser Auftrag von viel höherer Autorität ist, als Aufträge von Menschen bzw. Arbeitgebern. Da wir als Christen aber auch in der Arbeit geben sollten und zur Zufriedenheit unserer Arbeitgeber arbeiten sollten, müssen wir darauf achten, dass zwischen dem Missionsauftrag Jesu und unseren Verpflichtungen bei der Arbeit kein Interessenskonflikt entsteht. Optimal wäre es natürlich, wenn man beides miteinander verbinden kann. Da dies aber nicht immer möglich ist, gilt es, die Prioritäten richtig zu ordnen. Vielleicht bietet sich bei der Arbeit nicht die Möglichkeit, Kollegen das Evangelium lang und breit zu erklären, doch man kann Beziehungen knüpfen und in der freien Zeit in diese investieren. In jedem Fall sollte der Fokus bei der Arbeit der richtige sein. Statt den irdischen Reichtum durch guten Lohn sollten wir hier den reichen himmlischen Lohn vor Augen halten.

2.2 Gutestun

Lasst uns aber im Gutestun nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht ermatten. So lasst uns nun, wo wir Gelegenheit haben, an allen Gutes tun, besonders aber an den Hausgenossen des Glaubens. (Galater 6,9.10)

Gott möchte, dass wir an anderen Menschen Gutes tun. Wir sind dazu aufgerufen, den Hilfsbedürftigen zu helfen. Das ist ein Bereich, indem wir das Wesen Christi widerspiegeln können. Das erfordert zum einen Einsatz aber auch Möglichkeiten. Letztere können wir nicht in jedem Berufsfeld finden, daher können wir uns auch hier überlegen, welche Berufe sich gut dafür eignen. Natürlich lässt sich jetzt argumentieren, dass man ja in jedem Beruf Gutes tun kann, jedoch kann niemand abstreiten, dass manche Berufe sich besser dafür eignen als andere. Ein/e Mitarbeiter/in bei einem christlichen Hilfswerk, z.B. für obdachlose Kinder, oder ein Arzt bzw. eine Ärztin an einer Missionsstation hat doch viel mehr Möglichkeiten Gutes zu tun als Fabrikarbeiter, oder nicht? Warum herrscht aber konstant so ein großer Mangel an Arbeitskräften bei Missionsgesellschaften und christlichen Hilfswerken. Viele Christen “opfern” vielleicht ein Jahr ihres Lebens, um irgendwo auszuhelfen und sich die eine oder andere Missionsarbeit anzuschauen, aber warum gibt es trotzdem so wenige, die ihr Leben in eine solche Arbeit hinein investieren. Ich werde später noch auf die Gründe eingehen, die ich dahinter vermute.

2.3 Vorbilder der Bibel

Paulus

Paulus war seinerzeit einer der am besten ausgebildeten Theologen. Man kann annehmen, dass er auch einer führenden Intellektuellen der jüdischen Gesellschaft war. An Fleiß und Opferbereitschaft mangelte es ihm in keinster Weise. Doch welchen Beruf übte er aus, nachdem er Christ wurde? Zeltmacher! Ein einfacher, nicht besonders gut bezahlter oder angesehener Beruf. Doch es reichte um sich selbst zu verpflegen, ohne anderen auf der Tasche liegen zu müssen. Es kostete ihn keine unnötige Denkarbeit oder Energie, sodass er sich so gute wie möglich für das Reich Gottes freihalten konnte. Er hatte keinen Job, um sich und seine Fähigkeiten zu profilieren und seine Talente zu größtmöglichem Erfolg oder Gewinn einzusetzen. Sein Job war da, damit er sich Kleidung und Nahrung leisten konnte. Carsten Görsch, ein christlicher Autor und Prediger, sagte mir vor kurzem: “Die Kunst ist es, mit möglichst wenig Aufwand durch das Leben zu segeln, um so viele Ressourcen wie möglich für den Herrn frei zu haben.” Gott stellt uns Zeit, einen Verstand, gewisse praktische Fertigkeiten (Talente) und vieles andere zur Verfügung. Wie wir diese einsetzen, obliegt unserer Verantwortung.

Jesus

Auch der Herr Jesus selbst glänzte nicht gerade durch einen prunkvollen Beruf und ein gutes Einkommen. Er war ein einfacher Zimmermann. Später zog er wie ein Vagabund durch die Lande und sagt sogar von sich: “ … der Sohn des Menschen hat nicht, wo er das Haupt hinlege.” (Mt 8,20) Das soll kein Aufruf sein, allen Besitz zu verkaufen und ab sofort auf der Straße zu leben, doch es zeigt uns als Christi Nachfolger, dass auch wir “keine bleibende Stadt” in dieser Welt haben; unser Ziel sollte es also nicht sein, uns durch einen gut bezahlten Beruf eine Leben auf der Erde zu ermöglichen, das so schön und gut eingerichtet ist, wie es nur geht. Missbrauchen wir unseren Beruf und die gute Wirtschaftslage in unseren Breitengraden nicht für unseren persönlichen Wohlstand, sondern setzen wir alles auf die eine Karte, das Reich Gottes. Jesus sagte nach dem Gleichnis vom untreuen Haushalter: “Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wenn er zu Ende geht, man euch aufnehme in die ewigen Zelte!” Natürlich soll uns das einen weisen Umgang mit Geld lehren, doch wir können das sehr gut auf die Berufswahl übertragen, da der Beruf nunmal die hauptsächliche Geldquelle ist.

Daniel, Hiob und Co.

Natürlich gab es in der Bibel auf gottesfürchtige und Gott hingegebene Männer, die sehr reich waren oder eine sehr hohe Position eingenommen haben, u.a. auch Könige. Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass ich durchaus glaube, dass Gott Einzelne auch in hohe Ämter einsetzt oder ihnen großen Reichtum schenkt. Aber wenn das so ist, dann verfolgt er damit immer ganz besondere Ziele, das dürfen wir nicht vergessen, wenn wir uns Männer wie Abraham, Daniel, Hiob, Salomo usw. zum Vorbild nehmen wollen. Bei allen Reichen der Bibel, die Gott wohlgefällig gelebt haben, war ihr Besitz nicht da, um ihren Begierden (Ruhmsucht, Ausschweifung, finanzielle Sicherheit, …) nachkommen zu können. Wenn Gott dir außergewöhnlich Gaben und Möglichkeiten geschenkt hat, danke ihm dafür. Doch stelle alles ihm zu Verfügung und bedenke, dass Jesus und auch andere neutestamentlichen Schreiber sehr deutliche und warnende Worte an die Reichen haben (vgl. Mt 19,24; 1. Tim 6,17; Jak 5,1-6). “Und was besitzt du, das du nicht empfangen hast? Wenn du es aber empfangen hast, was rühmst du dich, als ob du es nicht empfangen hättest?” (1. Kor 4,7b)

 

3. Tendenzen im westlichen Christentum

Es gibt mehrere große Leitideen, die das westliche Gedankengut mehr und mehr durchdringen, wie z.B. der soziale Konstruktivismus (“Jeder darf seine eigene Wahrheit schaffen!”) und der Materialismus. Dieses Gedankengut macht natürlich auch vor der christlichen Gemeinde nicht Halt, was sich meiner Meinung nach auch in der Berufswahl bzw. den Berufswünschen vieler Christen zeigt. Hinzu kommt natürlich auch der Anthropozentrismus, der wohl durch alle Zeitalter hindurch die Weltanschauungen vieler Kulturkreise und Individuen bestimmt hat. Es geht um Selbstzentriertheit und Konsumdenken. Meine Wünsche und zum Teil indoktrinierten Ziele stehen im Mittelpunkt meines Handelns und Strebens. Ein Leben in Ausschweifung und Übermaß wird unter christlichem Mantel abgewiesen, jedoch werden solche Begriffe schnell umdefiniert und dem Lebensumfeld angepasst. Übermaß bedeutet schon längst nicht mehr, dass man sich mehr leisten kann, als man zum leben braucht. Man will seinen Kindern und sich selbst „was bieten können“. Eine eigene Wohnung oder ein Haus, am besten modern eingerichtet, teure Autos, regelmäßiges Unterhaltungsprogramm und Vereinsmitgliedschaften erfordern Kapital, das zu erarbeiten mit viel Zeitaufwand verbunden ist. Das ist gleichermaßen ein unwirtschaftlicher Umgang mit Zeit wie auch mit Geld, wenn man den Wert an der Ewigkeit misst.

Die Zeit ist ein kostbares Gut, das es auszukaufen gilt. In unserem Christenleben brauchen wir Zeit. Zeit für die Gemeinschaft mit Gott, das Bibelstudium und das Gebet, Zeit um Dienste in der Heimatgemeinde wahrzunehmen und Zeit, die in Beziehung investiert werden muss, insbesondere in die Ehe und Familie. Gerade im letztgenannten Bereich beobachte ich eine Verschiebung. Man meint, seiner Familie und Ehe besser dienen zu können, wenn man viel Geld nach Hause bringt, als wenn man sie in tiefgehende Gemeinschaft investiert. Eltern sind immer noch verantwortlich, ihre Kinder zu unterweisen (vgl. 5. Mo 6,6.7; Eph 6,4). Seinen Ehepartner zu lieben erfordert ebenso, dass man Zeit mit ihm verbringt. Hierbei genügt kein bloßes Lippenbekenntnis. Mehr als acht Stunden Arbeit pro Tag und die Verpflichtung einer Gemeinde gegenüber machen es aus meiner Sicht unmöglich, der Verantwortung als Vater, Ehemann, Mutter oder Ehefrau nachzukommen.

Die Identität wird heutzutage und in unseren Breitengraden geprägt vom eigenen (und vorgelebten) Konsumverhalten und von Fremdbewertung (“Was denken die anderen über mich?”). Unsere Identität ist aber gemäß der Bibel nicht davon abhängig, wieviel wir konsumieren, wo wir unsere Urlaube verbringen, welches Unterhaltungsprogramm wir uns gönnen oder wie oft wir ein Restaurant besuchen sondern sie liegt darin begründet, dass wir vor Gott leben und dass er uns als seine Kinder ansieht. Dieser Perspektivenwechsel ist erforderlich, um den Denkmustern dieses Weltlaufs (vgl. Röm 12,1.2) zu entfliehen. Wir müssen uns als Einzelne und als Gemeinden zurückbesinnen auf das bzw. den, der uns wirklich Identität gibt und in dem wir absolute, propositionale Wahrheit finden können, bzw. der diese Wahrheit in Person ist – Jesus Christus und sein Sühnetod, durch den wir gerettet sind.

 

Schlussplädoyer

Der Berufswahl liegt eigentlich eine innere Einstellung zugrunde, die sich an der Frage entscheidet: “Wer ist Christus für mich?” Ich möchte das an folgendem Beispiel deutlich machen:

Auf den Westindischen Inseln gab es einmal einen britischen Landbesitzer, der über 2000 Sklaven besaß. Er war Atheist und hatte gesagt, dass kein Kleriker oder Prediger je auf seiner Insel bleiben darf. Zwei junge Christen von den Herrnhuter Brüdern hörten davon und verkauften sich selbst an diesen Landbesitzer, um den Sklaven das Evangelium zu bringen – Menschen, die sonst nie eine Chance gehabt hätten, die frohe Botschaft von Jesus Christus zu hören. Sie verkauften sich unter die Hand eines ihnen feindlich gesinnten Sklaventreibers in dem Bewusstsein, dass sie schwere Leiden zu erwarten hatten und nie wieder zu ihren Familien zurückkehren könnten. Als sie von Hamburg aus mit dem Schiff ablegten, riefen sie ihren Angehörigen noch ein paar “letzte Worte” zu: “Sollte nicht das Lamm den vollen Lohn für sein Leiden bekommen?”

Diese Männer kannten Jesus als den, der er ist und waren deshalb bereit, alles für ihn hinzugeben. Und wir westlichen Christen versuchen ein angenehmes Leben mit finanzieller Sicherheit und einen treuen Dienst unter einen Hut zu bringen, während Menschen, die ohne Christus sind, dahinsterben. Mir ist bewusst, wie herausfordernd dieser Gedanke ist, aber uns wird in der Bibel nirgends ein sorgenfreies, finanziell abgesichertes Leben verheißen. Vielleicht meinen wir, dass uns das zusteht, weil das materialistische Denken uns schon so sehr erfasst hat. Was aber eine sichere Verheißung für hingegebenen Dienst ist, ist Leid und Verfolgung (vgl. Joh 15,20; 1. Pt 5,10). Es gibt nicht umsonst so viele Mahnungen in der Schrift, sich nicht an Irdisches zu hängen, seinen Schatz nicht im Materiellen zu suchen und seinen Blick auf die Ewigkeit zu richten, doch sie sind uns oft so wenig präsent. Sorgen wir uns zuerst um unser Himmelskonto oder Bankkonto? Erfordert unsere irdische Wohnung uns mehr Aufmerksamkeit als die Wohnung des Heiligen Geistes in uns bzw. unsere himmlische Wohnung? Ich denke, dass diese Gedanken und Fragen durchaus auch die Wahl des Berufes beeinflussen.

Es sind nicht viele, deren Gesinnung so sehr auf Christus fixiert ist, wie die zwei erwähnten Herrnhuter. Schon Paulus musste sagen: “Ich hoffe aber in dem Herrn Jesus, Timotheus bald zu euch zu senden, damit auch ich ermutigt werde, wenn ich erfahre, wie es um euch steht. Denn ich habe sonst niemand von gleicher Gesinnung, der so redlich für eure Anliegen sorgen wird; denn sie suchen alle das Ihre, nicht das, was Christi Jesu ist!” (Phil 2,19-21)

Und mit Christus möchte ich diesen Aufsatz zum Ende bringen. Er ist es letztendlich, der uns beauftragt, unsere Zeit und Gaben weise einzusetzen und uns aber auch dazu befähigt, die Werke zu tun, die Gott zuvorbereitet hat (vgl. Eph 2,10). Sein Werk und sein Leiden soll unsere Motivation sein, “die Bedrängnisse des Christus […], die noch ausstehen, zu ergänzen,” (vgl. Kol 1,24) und auf Komfort, Anerkennung und Wohlstand um seinetwillen zu verzichten, damit wir brauchbare Diener für sein Reich sein können.