Essays

Entwickle geistliche Gewohnheiten

Einleitung

Viele Missionare in Ländern oder Kulturen ohne moralische Prägung durch die Bibel kommen immer wieder an denselben Punkt: das bisher gewohnte Denken und Handeln der jungen Gläubigen muss mit dem Denken und Handeln der Bibel ausgetauscht werden.
In einem Missionsbericht geht es um einen Stamm, der nie wirklich gelernt hat fleißig zu arbeiten und häufig Geld durch illegale Holzgeschäfte verdient hat. In diesem Stamm wurde eine Gemeinde gegründet. Acht Jahre nach der Gründung gibt es immer noch Probleme mit diesen illegalen Holzgeschäften. Warum? Weil die Denkweise und die Gewohnheiten noch nicht völlig mit denen der Bibel ausgetauscht wurden. Natürlich sind diese Indianer gerettet, aber die Gewohnheiten ihrer Kultur, die Freiheiten zum Sündigen, die sich seit Jahrzehnten in ihrem Stamm kultiviert haben, sind nicht im Moment der Wiedergeburt abtrainiert – sondern ab diesem Moment steht der Missionar vor der Herausforderung, dass die verwurzelte Denkweise durch die der Bibel ersetzt werden muss. Und vor der gleichen Aufgabe steht Paulus mit der Gemeinde der Thessalonicher. Paulus kommt als Missionar in diese griechische Stadt, die im Götzendienst lebt und im sexuellen Bereich eine ähnliche Moral hat wie unsere heutige Gesellschaft. Er gründet dort eine Gemeinde, lehrt die Geschwister und muss schließlich weiterziehen. Später, nachdem Timotheus über den Zustand der Gemeinde Bericht erstattet hat, schreibt Paulus den Thessalonichern den ersten Brief und benutzt gezielt die Verse 1 bis 12 aus Kapitel 4, um das Denken der Geschwister mit biblischem Denken auszutauschen. Das große Thema dieser Verse lautet: „Denn dies ist Gottes Wille, eure Heiligung.“ In den Versen 1 und 2 muss Paulus etwas wiederholen, was er vor Ort schon gelehrt hat:

1 wie ihr von uns empfangen habt, in welcher Weise ihr wandeln und Gott gefallen sollt 2 Denn ihr wisst, welche Gebote wir euch gegeben haben durch den Herrn Jesus.

Paulus ermahnt die Thessalonicher und erinnert sie zuallererst daran, dass sie eigentlich schon genau wissen müssten, wie man Gott wohlgefällig leben soll. Aber scheinbar erfährt die Gemeinde in manchen Bereichen keinen Sieg. Die Probleme der Thessalonicher sind wohl das Gebiet der Sexualität (V. 3-8), die Bruderliebe, in der sie zunehmen sollen (V. 9-10) und die Arbeitsmoral (V. 11-12). Ich möchte nicht auf die Details dieser Probleme eingehen, sondern aufzeigen, wie Paulus vorgeht, um das Leben dieser jung Gläubigen zu einem geheiligten, Gott wohlgefälligen Leben umzugestalten.

1. Heilig leben, um vorbereitet zu sein

Um einen Text richtig einordnen zu können, ist es wichtig den Kontext zu betrachten. Der nahe Kontext unserer Textstelle ist Kapitel 3,13 und Kapitel 5,1-5. Hier geht es darum, ein geheiligtes Leben zu führen mit dem Blick darauf, dass Christus wiederkommt und wir bei seiner Wiederkunft in Heiligkeit erfunden werden sollen. Wir sollen nicht in der Finsternis wandeln, sondern im Licht. Und weil der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht (also plötzlich und unerwartet), sollen wir allezeit in Heiligkeit leben. Diese beiden Stellen geben uns den thematischen Rahmen vor: Wandelt im Licht, seid heilig und vorbereitet auf die Wiederkunft unseres Herrn!

2. Völlig geheiligt in der Heiligung zunehmen

Der zweite Punkt, den Paulus in der „Ermahnungs- und Heiligungsarbeit“ macht, steht in Vers 1: „Im Übrigen nun, Brüder, bitten und ermahnen wir euch in dem Herrn Jesus …“ Paulus kommt aus Kapitel 3 Vers 13 vom Thema der Heiligung im Hinblick auf Jesu Wiederkunft und beginnt nun mit „Im Übrigen“ – als wollte er sagen: Ach, wenn wir schon beim Thema sind, „bitten und ermahnen wir euch …“. Paulus beginnt nun langsam den Finger in die Wunden der Thessalonicher zu legen. Wer von uns mag es schon gerne, offen auf bestehende Sünden angesprochen zu werden? Paulus tut es – aber auf eine sehr demütige Art und Weise. Er bittet und ermahnt die Thessalonicher „in dem Herrn Jesus“. Und dieses kleine Detail „in dem Herrn Jesus“ ist das kraftvolle Fundament jeder Ermahnung zur Heiligung.

Zum einen drückt es aus, dass die Ermahnung nicht vom Menschen ausgeht, sondern von Christus selbst – damit ist die Autoritätsfrage schon mal geklärt. Aber „in dem Herrn Jesus“ ist auch ein Bezug auf das Thema in Epheser 1. Hier wird ausgeführt, dass wir „in Christus“ auserwählt und erlöst sind und uns „in ihm“ vergeben ist. „In ihm“ haben wir ein Erbteil und „in ihm“ sind wir versiegelt mit dem Heiligen Geist. Dieses Thema finden wir auch in Kolosser 1,22. Hier heißt es, dass Christus uns durch den Tod in dem Leib seines Fleisches versöhnt hat, um uns heilig, tadellos und unsträflich vor sich hinzustellen. Letztendlich sagt Paulus: Nehmt in der Heiligung zu. Macht euch bewusst, dass es Gottes Wille ist, dass ihr heilig lebt. Achtet darauf, dass ihr an dem Tag, wenn Christus wiederkommt, nicht in der Finsternis wandelt. Sucht euer Heil mit Furcht und Zittern. Legt alle Probleme der Unzucht in eurem Leben ab (Kapitel 4 Vers 3).

ABER – und jetzt das große ABER – tut dies alles „in Christus“. Tut dies auf diesem Fundament, dass Christus euch völlig geheiligt hat!!! Auf dem Fundament, dass Christus euch schon liebte, bevor ihr anfingt euer Leben zu heiligen und dass eure Heiligung keine Liebe und kein Angenommensein von Gott bewirkt. Auch ein reines Gewissen bekommt ihr nicht durch eure persönliche Heiligung und euren Sieg über Sünde, sondern allein von Christus.

Und so sehen wir in diesem Text, dass die Heiligung zwei Seiten und zwei Verantwortungsbereiche hat. William MacDonald schreibt dazu: „Bei dem Gebiet der Heiligkeit handelt es sich um ein geheimnisvolles Gemisch aus göttlichem und menschlichen Wirken. Gott will, dass wir alle heilig sind. Nur er kann uns heiligen. Und er will uns die nötige Kraft dazu schenken. Aber er wird es nicht ohne unsere Beteiligung tun. Es ist irreführend zu behaupten, dass die Heiligkeit allein durch Glauben kommt. Das führt zu der Vorstellung, dass die Christen sich zurücklehnen und wie Christus werden könnten ohne ein Hinzutun ihrerseits. Dabei werden ungeniert Hunderte von Ermahnungen im Neuen Testament übersehen, die an ihren Willen gerichtet sind und ihren Gehorsam fordern.“ (William MacDonald: Der vergessene Befehl – seid heilig). Strebt nach Heiligkeit mit Furcht und Zittern – aber tut es in und durch Christus.

3. Sei nicht zufrieden mit deiner persönlichen Heiligung

In Bezug auf die Heiligung macht Paulus den Thessalonichern außerdem klar, nicht zufrieden mit sich selbst und der eigenen Heiligung zu sein. Dieses Prinzip sehen wir zuerst am Ende von Vers 1: „… in welcher Weise ihr wandeln und Gott gefallen sollt, wie ihr auch wandelt, dass ihr reichlicher zunehmt.“ Paulus sagt der Gemeinde sinngemäß: Ich habe euch schon damals gelehrt, wie ihr Gott wohlgefällig leben sollt, und ihr tut es auch („wie ihr auch wandelt“); aber es reicht nicht aus, sondern: „nehmt reichlich zu!“ Nun reicht dieser Vers vielleicht nicht aus, um die Überschrift dieses dritten Punktes zu rechtfertigen, nicht zufrieden mit sich selbst zu sein. Und wer mag das schon? Wer ist ein Freund von absoluter Selbstverleugnung? Ich soll nie mit mir zufrieden sein? In den folgenden Versen schreibt Paulus davon, dass die Christen in Thessalonich mit Unzucht und Hurerei zu tun haben und manche von ihnen zu faul sind zum arbeiten. In diesem Fall ist es ja völlig klar, dass Paulus schreibt: „Nehmt reichlich zu.“ Aber du, der du doch ein gut erzogener frommer Christ bist, darfst doch bestimmt an einen Punkt kommen, an dem du sagst: Hier bin ich wirklich zufrieden mit mir – oder? Ich sage dir: Nein. Auch wenn das nun an deinem Selbstwert rüttelt und deinen Stolz bricht: Du genügst nie! Und wenn es Menschen in deinem Leben gibt, auf die du runterschaust, solltest du dir Paulus als Beispiel nehmen, der uns alle in die Tasche stecken würde. Dieser Paulus sagt: „Denn aus Gnade bin ich, was ich bin.“ Selbst wenn du denkst, du hättest etwas aus der Schrift wirklich begriffen und wärst echt gut darin und wenn dieser Punkt in deinem Herzen eine Wurzel des Stolzes entwickeln lässt und in dir Gedanken der Überlegenheit wirkt, dann gilt: Sei demütig und tue Buße über deinen Hochmut. Denn Paulus argumentiert in Vers 9: „Was aber die Bruderliebe betrifft, so habt ihr nicht nötig, dass wir euch schreiben, denn ihr selbst seid von Gott gelehrt, einander zu lieben …“.

Paulus schreibt den Thessalonichern zum Thema der Bruderliebe sinngemäß: „Hierzu kann ich euch keine Ratschläge geben, denn Gott persönlich hat es euch beigebracht, den Bruder zu lieben.“Die Gemeinde der Thessalonicher war also so stark in der Bruderliebe, dass Paulus selber sagt: GOTT ist euer persönlicher Lehrer der Liebe. Die Thessalonicher waren wirklich gut in diesem Bereich. ABER was schreibt Paulus trotzdem in Vers 10? „Wir ermahnen euch aber, Brüder, reichlicher zuzunehmen …“ Das ist ein Prinzip, das uns Demut lehrt. Denn wenn es in deinem Leben einen Punkt der Heiligung gäbe, in dem du wirklich gut wärst, würde Paulus kommen und sagen: „Werde besser!“ Denn letztendlich können wir in unserem Leben nur dann zur Zufriedenheit mit uns kommen, wenn wir auf Christus sehen, der um unseretwillen zur Sünde wurde und uns seine Heiligkeit gab. Kolosser 1,21 – 22: „Und euch, die ihr einst entfremdet und Feinde wart nach der Gesinnung in den bösen Werken, hat er aber nun versöhnt in dem Leib seines Fleisches durch den Tod, um euch heilig und untadelig und unsträflich vor sich hinzustellen.“

SEI NUR ZUFRIEDEN MIT DEINER HEILIGKEIT IN GOTT UND SEI NIE ZUFRIEDEN MIT DIR SELBST!


Tobias (*1990) ist verheiratet und arbeitet in der Produktion eines Chemiekonzernes. Von 2014 bis 2017 hat er am EBTC in Berlin eine Bibelschulausbildung durchlaufen. In seiner Heimatgemeinde ist er in der Jugendarbeit und im Predigtdienst tätig.