Andachten

Langsam zum Zorn

Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber und rief: Jahwe, Jahwe, Gott, barmherzig und gnädig, langsam zum Zorn und reich an Gnade und Treue, der Gnade bewahrt an Tausenden von Generationen, der Schuld, Vergehen und Sünde vergibt, aber keineswegs ungestraft lässt, sondern die Schuld der Väter heimsucht an den Kindern und Kindeskindern, an der dritten und vierten Generation. (2. Mose 34,6.7)

Mit diesen Worten beschreibt Gott sich selbst. Er ruft seinen Namen vor seinem Knecht Mose aus und gewährt ihm einen tiefen Einblick in sein Wesen. Eine Eigenschaft, die sehr schön, wenn auch meist vernachlässigt wird, ist die seine Langmut, er ist „langsam zum Zorn. Ich möchte in dieser Andacht herausstellen, dass Gottes Wesen, welches über die Maßen betrachtenswert ist, ein Vorbild für uns ist, die wir Nachahmer Gottes sein sollen gemäß Epheser 5,1.

Was bedeutet es, dass Gott langsam zum Zorn ist?

Dass Gott langsam zum Zorn ist, wird hier immer im Kontext seiner Gnade und Barmherzigkeit (u.a.) erwähnt. Es ist vielleicht nicht leicht, seine Geduld und andere seiner offenbarten Eigenschaften auseinanderzuhalten. Eine Definition von dem Gottesmann Stephen Charnock kann uns weiterhelfen:

Sie [die Geduld Gottes] ist Teil der göttlichen Güte und Barmherzigkeit, unterscheidet sich jedoch von beiden. […] Barmherzigkeit sieht auf das Elend der Kreatur, Geduld sieht auf die Schuld der Kreatur; Barmherzigkeit bemitleidet den Elenden, Langmut erduldet die Sünde (oder trägt … mit), die das Elend und andere Dinge hervorgerufen hat.

Die Geduld Gottes zeigt sich daran, dass er sie Sünde erträgt (über eine gewisse Zeit hinweg) erduldet, obwohl er nicht Schuld daran ist. Man muss im Hinterkopf behalten, dass Gott absolut heilig und rein ist, und der Sünder vor ihm nicht bestehen kann. Umso herrlicher erstrahlt seine Geduld auf diesem Hintergrund. Man könnte die Geduld Gottes auch so definieren: Die Geduld Gottes ist die Kraft, mit der er sich selbst davor eine Zeit lang zurückhält, die Gottlosen zu bestrafen und zu richten.

Gottes Geduld zeigt sich an dem Umgang mit Sündern

Das wird sehr deutlich an der Zeit vor der Sintflut. Eine ganze Menschheit ist verdorben und böse. Alle leben in offener Rebellion gegen Gott, ihren Schöpfer. Alle sinnen nur nach Bösem und niemand fragt nach Gott (vgl. 1. Mo 6,5.6). Gott beschreibt, wie traurig ihn dieser Zustand macht. Das gerechte Gericht Gottes über derartige Sünde war unausweichlich, doch statt sie sofort zu vernichten, war Gott geduldig mit diesem verkehrten Haufen von Menschen. Er gab ihnen 120 Jahre Zeit, in der er sein Gericht, die Sintflut, aufschob. Er ließ sie noch so lange weiterleben in ihrer Selbstgefälligkeit, ihrem Hochmut, Spott, Gottlosigkeit, Sünde. Und auch mit uns hatte er Geduld, als wir noch Sünder waren und hat nicht sofort seine Gerechtigkeit und seinen Zorn an uns demonstriert, wie z.B. an der Rotte Korah. Sollten wir ihm dafür nicht unendlich danken?

Die Heiden verehrten und dienten dem Geschöpf mehr als der Schöpfung, aber nicht nur das; sie begingen die boshaftesten Abscheulichkeiten, die schon den Geboten der Natur widersprechen, und füllten somit das Maß ihrer Ungerechtigkeit; und trotzdem, anstatt sein Schwert zu ziehen und derartige Rebellen zu vernichten, ließ Gott “in den vergangenen Geschlechtern alle Nationen in ihren eigenen Wegen gehen” und gab ihnen “vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten” (Apg 14,16.17). (A. W. Pink)

Je mehr wir verstehen, wie abscheulich Sünde in Gottes Augen ist, desto mehr begreifen wir wie groß und unverdient seine Geduld mit Sündern ist.

Gottes Geduld wird aber nicht nur an den Sündern deutlich und auch nicht nur an seinem Volk Israel, sondern auch an seinem neuen Bundesvolk, seiner Gemeinde. Wir wurden durch seine rettende, souveräne Gnade erlöst und vor seinem Zorn gerettet. Doch wie armselig haben wir ihm das vergolten? Wie klein ist unser Dank ihm gegenüber? Mit welcher schwachen Hingabe stellen wir uns in seinen Dienst? Wie klein ist unsere Liebe ihm gegenüber? Wir verfehlen uns Tag für Tag. Und doch lässt Gott uns nicht los, er hält uns nah bei sich, er zieht uns nach jedem Fehler wieder zu sich. Er ist treu und vergibt uns unsere Sünde. Er ist treu, sodass er uns unsere Sünden immer und immer wieder vergibt (vgl. 1. Joh 1,9). Sein Erbarmen mit uns ist jeden Morgen neu, und groß ist seine Treue! (vgl. Kla 3,22.23) → Dass Gott so geduldig mit uns ist, sollte uns umso mehr zu einem ihm wohlgefälligen Leben motivieren! Es sollte uns motivieren, selbst geduldig und langsam zum Zorn zu sein, wozu Gott uns in seinem Wort auch mehrfacch auffordert.

3. Ahmt Gottes Geduld nach!

Lasst uns zwei Stellen in der Bibel betrachten, in denen wir dazu aufgefordert werden, geduldig zu sein. Es soll hierbei um die Geduld untereinander, also im zwischenmenschlichen Umgang gehen (eine andere Art von Geduld hat damit, zu tun, schwierige Lebensumstände ruhig zu ertragen, wie z.B. Leid).

“Zieht nun an als Auserwählte Gottes, als Heilige und Geliebte: herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Milde, Langmut! Ertragt einander und vergebt euch gegenseitig, wenn einer Klage gegen den anderen hat; wie auch der Herr euch vergeben hat, so auch ihr!” (Kol 3,12.13)

„Ihr wisst doch, meine geliebten Brüder: Jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn! Denn eines Mannes Zorn wirkt nicht Gottes Gerechtigkeit.“ (Jak 1,19.20)

Wir sind beauftragt, Langmut miteinander zu haben. Einander zu ertragen in allen Schwächen und Fehlern, die wir haben. Da jeder von uns von Kopf bis Fuß sündig ist, sind wir unseren Nächsten auch in vielerlei Hinsicht ein Anstoß. Jeder von uns hat Eigenarten, die andere Menschen stören und provozieren. Es gibt einige Bereiche, in denen unsere Geduld gefragt ist. Für Väter ist es vielleicht die Kindererziehung – dem sich immer wiederholenden Ungehorsam eben nicht mit Zorn, Wut oder Härte zu begegnen sondern mit Milde, Ausdauer und Barmherzigkeit. Für Ehepaare ist es der Umgang mit dem Partner – mit Unzulänglichkeiten, schlechte Charakterzüge, die durch den Heiligen Geist noch verändert werden müssen. Manchmal kann es Jahre dauern, bis man Veränderung beim anderen erleben darf. Da ist es nicht leicht einen langen Atem zu bewahren ohne in ein Muster der Selbstgerechtigkeit zu fallen. Was auch immer wieder unsere Geduld beanspruchen kann, sind die Geschwister in der Gemeinde. Nervtötende Charakterzüge, falsche oder komische Sichtweisen, Schwachheiten, … wir sind in einer Gemeinde mit solchen Dingen konfrontiert.

Mit Sicherheit ist eine Absicht Gottes, warum er Menschen in Institutionen wie Ehe und Gemeinde aneinanderstellt, damit sie aneinander geschliffen werden und fehlende gute Charakterzüge lernen, denn Eisen schärft Eisen (vgl. Spr 27,17). Gott möchte uns Geduld lehren und er schenkt uns Situationen, in denen wir sie lernen müssen. Das Ziel dabei ist, dass wir als Kinder Gottes, unseren Vater im Himmel repräsentieren, durch unser Verhalten auf ihn hinweisen. Er will durch uns gesehen und verherrlicht werden. Und „eines Mannes Zorn“ wirkt nicht Gottes Gerechtigkeit, nein, sie steht dieser diametral entgegen. Mit welcher Hingabe sollten wir uns also auf den Weg zur „Geduld der Heiligen“ machen und immer mehr auf die Gottesebenbildlichkeit zustreben. Pink schreibt:

Möge das Nachsinnen über diese göttliche Eigenschaft unsere Herzen erweichen und unsere Gewissen empfindsam machen; und mögen wir in der Schule der Erfahrung die Geduld […] lernen, […]. Lasst uns die Gnade suchen, um diese göttliche Vortrefflichkeit nachzuahmen. Gott erduldet die Gottlosen ungeachtet der Menge ihrer Sünde. Sollten wir danach streben, wegen einer einzelnen Verletzung Rache zu üben?