Andachten

Sola Gratia (1/2): Ohne Gott, ohne Gnade – die desolate Situation unter der Macht des Bösen (Epheser 2,1-10)

Dieser Aufsatz stammt von Hans-Jürgen Holzmann, einem Ehemann und Vater von fünf Kindern. Er ist hauptberuflich in der Immobilienwirtschaft tätig. Außerdem ist er Prediger und Autor für das Timotheus Magazin.


1 Auch euch hat er auferweckt, die ihr tot wart in euren Übertretungen und Sünden, 2 in denen ihr einst wandeltet gemäß dem Zeitlauf dieser Welt, gemäß dem Fürsten der Macht der Luft, des Geistes, der jetzt in den Söhnen des Ungehorsams wirkt. 3 Unter diesen hatten auch wir einst alle unseren Verkehr in den Begierden (LU: Lüsten) unseres Fleisches, indem wir den Willen des Fleisches und der Gedanken (LU: Vernunft) taten und von Natur Kinder des Zorns waren wie auch die anderen. 4 Gott aber, der reich ist an Barmherzigkeit, hat um seiner vielen Liebe willen, womit er uns geliebt hat, 5 auch uns, die wir in den Vergehungen (LU: Sünden) tot waren, mit dem Christus lebendig gemacht – durch Gnade seid ihr errettet! 6 Er hat uns mitauferweckt und mitsitzen lassen in der Himmelswelt in Christus Jesus, 7 damit er in den kommenden Zeitaltern den überragenden Reichtum seiner Gnade in Güte an uns erwiese in Christus Jesus. 8 Denn aus Gnade seid ihr errettet (LU: selig geworden) durch Glauben, und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; 9 nicht aus Werken, damit niemand sich rühme. 10 Denn wir sind sein Gebilde (LU: Werk), in Christus Jesus geschaffen zu guten Werken, die Gott vorher bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen.

Einleitung

In diesem mehrteiligen Essay soll es um das Prinzip sola gratia gehen, das anhand von einer Auslegung von Epheser 2 betrachet werden soll. Wir müssen wissen, was die Dynamik der Auferstehung Jesu Christi für unseren Glauben bedeutet, darum beginnt dieser Abschnitt so: „Auch euch hat er auferweckt …“ Wir sind jetzt Kinder des lebendigen Gottes, Bürger seines (noch unsichtbaren) Reiches, Christus ist der König. Dieses Weltbild soll unser Denken prägen, dass der auferstandene Herr Jesus, das Haupt der Kirche, alle Macht in der himmlischen und irdischen Welt der Gegenwart und Zukunft hat. Das bedeutet Souveränität. Darum betet der Apostel Paulus in Kap 1,18-19: „Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr wisst, was die Hoffnung seiner Berufung, was der Reichtum der Herrlichkeit seines Erbes in den Heiligen und was die überragende Größe seiner Kraft an uns, den Glaubenden, ist, nach der Wirksamkeit der Macht seiner Stärke.“ Und dann geht der Blick zurück, in die Vergangenheit ohne Gott.

1. Ohne Gott, ohne Gnade – die desolate Situation unter der Macht des Bösen (V. 1-3)

1.1 Ohne Gott – die Tragik der menschliche Existenz (V.1)

V.1: … tot … in euren Übertretung und Sünden

Wenn die Definition von Gnade, Gottes unverdiente Zuwendung bedeutet, ist das Gegenteil davon totale Gottverlassenheit. Wenn wir sola gratia verstehen wollen, müssen wir zuerst die desolate Situation der menschlichen Existenz begreifen. Was bedeutet „tot“? Es bedeutet, dass alle Menschen von Natur aus geistlich tot, vollständig von Gott getrennt und unfähig sind, mit Gott in Verbindung zu treten. In „Übertretungen und Sünden“ beschreibt den natürlichen Menschen in seinem permanenten Übertreten der von Gott gesetzten Grenzen. Sünde ist nicht nur Zielverfehlung sondern ein bewusstes und willentlich gegen Gott gerichtetes Handeln und Missachten der Gebote Gottes. Wie ein Toter unmöglich ins Leben zurückkehren kann, so ist der natürliche Mensch unfähig aus diesem „Teufelskreis“ herauszukommen. In den Zeiten Noahs, vor mehr als 4000 Jahren, wurde diese Permanenz des Bösen im Alltag der Menschen im Buch Genesis so beschrieben:

1. Mose 6,5: „Und der HERR sah, dass die Bosheit des Menschen auf der Erde groß war und alles Sinnen der Gedanken seines Herzens nur böse den ganzen Tag.“

Und vor 2000 Jahren beschreibt der Apostel Paulus mit Verweis auf die alttestamentlichen Texte im Römerbrief die menschliche Existenz unter dem Diktat der Sünde:

Römer 3,11-13: „Da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der Gott sucht. Alle sind abgewichen, sie sind allesamt untauglich geworden; da ist keiner, der Gutes tut, da ist auch nicht einer. Ihr Schlund ist ein offenes Grab; mit ihren Zungen handelten sie trügerisch. Otterngift ist unter ihren Lippen.“

Und heute? Wir brauchen uns nicht wundern, wenn unser entchristlichtes Abendland, die Vordenker und politischen Führer die auf die Bibel begründeten Normen auflösen. Die Tötung von Ungeborenen wird toleriert, Sexualnormen pervertiert, die Ehe für alle legitimiert und eine “drittes Geschlecht” etabliert.

1.2 Ohne Gott – das Imperium des Bösen (V.2)

V.2: … in denen ihr einst wandeltet gemäß dem Zeitlauf dieser Welt, gemäß dem Fürsten der Macht der Luft, des Geistes, der jetzt in den Söhnen des Ungehorsams wirkt.

Dieser mächtige Fürst ist Satan, Territorialherr, ein Oberherr der von Gott abgefallenen Engel. Worüber herrscht dieser Fürst? Sein Territorium ist nicht die physische „Luft“ sondern die uns verborgene geistige und unsichtbare Welt mit einem nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das menschliche Dasein auf der Erde. Epheser 6,12 beschreibt diese geistliche Auseinandersetzung so:

„Unser Kampf ist … gegen die Mächte, gegen die Weltbeherrscher dieser Finsternis, gegen die geistigen Mächte der Bosheit in der Himmelswelt.“

Gegen diese Art der Macht, diese Geistesströmungen haben wir – ohne eine Schutzmacht – keine Chance. Wir sind nicht von der Welt aber in der Welt. Wenn wir zum König Christus gehören, sind wir aus dem Machtbereich der Finsternis heraus gerettet. Wir sind Staatsbürger aber auch zugleich Bürger seines unsichtbaren Königreiches und als solche in ständiger geistiger Auseinandersetzung zwischen dem Licht und der Finsternis. Wir sehen die Welt nicht negativ sondern realistisch, als Gottes gute Schöpfung, die jedoch seit dem Sündenfall mit Sünde behaftet ist. Die Weltfassade wirkt schön, freundlich und tolerant. Satan weiß genau, wie er sich als „Engel des Lichts“ verstellen und wie er Lüge und Wahrheit vermischen kann.

1.3 Ohne Gott – dem Lügenstrategen ausgeliefert (V. 2b-3)

V. 2b-3: … der jetzt in den Söhnen des Ungehorsams wirkt. Unter diesen hatten auch wir einst alle unseren Verkehr in den Begierden (LU: Lüsten) unseres Fleisches, indem wir den Willen des Fleisches und der Gedanken (LU: Vernunft) taten und von Natur Kinder des Zorns waren wie auch die anderen.

Der Fürst dieser Welt, der Lügenstratege ist „am Werk“ oder „wirkt“. Das steht für den griechischen Begriff „energeo“. Die Wirkung von Energie aus der Steckdose können wir erfahren, den Strom aber nicht sehen. So ist der Satan hinter den Kulissen der diesseitigen Welt am Werk. Alles was er in seiner geistigen Schlauheit tut, ist in seinem Endergebnis gegen Gott gerichtet. Gott wird einmal seine Welt neu ordnen. Aber soweit sind wir noch nicht. Der Verführer wird bis dahin wirksam sein.

Wie wird das Wirken dieses Lügners beschrieben? Er steuert unsere Begierden, bestimmt unseren Willen und beeinflusst unsere Gedanken. Vers 3 zeigt uns drei große Lügen Satans: 1. Lüge: Wir können uns selbst beherrschen, 2. Lüge: Wir haben einen freien Willen, 3. Lüge: Die Gedanken sind frei

1. Lüge: Wir können uns selbst beherrschen

V.3: Unter diesen hatten auch wir einst alle unseren Verkehr in den Begierden unseres Fleisches.

Der natürliche Mensch ohne Gott ist fremd beeinflusst. Epheser 4,19 beschreibt wohin das menschliche Dasein ohne Gott führt: „… abgestumpft … der Ausschweifung hingegeben, zum Ausüben jeder Unreinheit mit Gier.“ Aus eigener Kraft wird der Mensch, dieser geistigen Macht der Bosheit ausgesetzt, nicht widerstehen können. Wir Menschen sind schwach und verführbar. Jesus hat das in der Auseinandersetzung mit den stolzen jüdischen Gelehrten radikal mit dem freien Willen aufgeräumt:

Johannes 8,44: „Ihr seid aus dem Vater, dem Teufel, und die Begierden eures Vaters wollt ihr tun.“

Und was ist „Begierde“? Begierde ist das versessene und unkontrollierte Verlangen nach etwas Verbotenem. Eva sah im Paradies, dass die Frucht „begehrenswert“ war und sie aß davon. Wie sind diese Begierden? Die Begierden oder Lüste sind betrügerisch verderblich (Eph 4,22) vergänglich. In 1. Joh 2,16.17 steht:

„Denn alles, was in der Welt ist, die Begierde des Fleisches und die Begierde der Augen und der Hochmut des Lebens, ist nicht vom Vater, sondern ist von der Welt. Und die Welt vergeht und ihre Begierde …“

Die Begierden sind gegen Gottes Schöpfungskonzept gerichtet. Es sind moralische Verirrungen (Römer 1,24), Geldgier, Macht, Stolz und verbotener Sex. In 1. Tim 6,9 steht:

„… viele unvernünftige und schädliche Begierden, welche die Menschen in Verderben und Untergang versenken.“

2. Lüge: Wir haben einen freien Willen

V.3: indem wir den Willen des Fleisches … taten

Die zweite große Lüge Satans, der viele Menschen und auch Christen anhängen, ist: „Du kannst Dein Leben nach deinem freien Willen leben.“ Die Bibel sagt uns an dieser Stelle dass wir von Natur Sklaven der Sünde sind. Nicht nur unsere sündigen Taten sind ein Problem sondern, unser dahinter verborgener, sündiger Wille:

Galater 5,17: „Denn das Fleisch begehrt gegen den Geist auf, der Geist aber gegen das Fleisch; denn diese sind einander entgegengesetzt, damit ihr nicht das tut, was ihr wollt.“

Ohne den Befreier Christus leben die Menschen fremdbestimmt. Hinter den Kulissen dieser Welt, dem Lebensstil der unser Dasein prägt, ist ein geistiges Konzept das massive Auswirkungen auf unseren Willen hat. Aus dem Machtbereich Satans können wir uns nicht selbst befreien. Der natürliche Mensch tut den „Willen des Fleisches“. Was ist der „Wille des Fleisches“? Es bedeutet den Impulsen der sündigen Natur zu folgen.

Diese Ursprungssünde der Rebellion gegen Gottes Gebote ist fest in uns verankert. Die Bibel lehrt uns sehr deutlich, dass das Zentrum unseres Willens, unser Herz, das Innerste, nicht in der Lage ist sich selbst zu kontrollieren. Die Schrift lehrt uns:

Römer 7,18: „Denn ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; denn das Wollen ist bei mir vorhanden, aber das Vollbringen des Guten nicht.“

Jeremia 17,9: „Es ist das Herz ein trotzig und verzagt Ding; wer kann es ergründen?“

Jesus selbst hat darüber gelehrt: „Jeder, der die Sünde tut, ist der Sünde Sklave.“ (Joh 8,44) Deswegen brauchen wir ein neues gehorsames Herz und eine übergeordnete Autorität, die uns aus diesem Dilemma befreit.

3. Lüge: Die Gedanken sind frei

V.3: … indem wir den Willen …. der Gedanken taten

Die dritte Lüge, die Menschen glauben ist: Die Gedanken sind frei. Die Bibel lehrt uns hier, dass es einen geistigen Kampf um die Vorherrschaft über die Gedanken gibt. Nein, die Gedanken sind nicht frei. Der Fürst dieser Welt ist am Werk. Satan liebt die Welt des Denkens. Er ist ein Meister des Relativismus, der Halbwahrheiten, alternativer Fakten, der “fake news”. Der Zeitgeist wird von diesen geistigen Mächten bestimmt. Und die Folgen davon spüren wir in der Welt-, Finanz- u. Wirtschaftspolitik, in der Philosophie, Psychologie,  Literatur, den Medien, der Religion und der Bildung. In allen diesen Bereichen werden wir mit geistigen Konzepten und mit Gedankengut konfrontiert, das mehr oder weniger stark gegen Gott und seine Gebote ausgerichtet ist. Wir sind aufgrund unserer sündigen Natur empfänglich für Übersinnliches. Nicht verwunderlich, dass der Verführer mit Esoterik und Okkultismus sehr erfolgreich ist. Auch die Wissenschaft ist nicht neutral hinsichtlich der Erkenntnis Gottes. Das Urteil in Epheser 4,18 ist drastisch: Sie sind verfinstert am Verstand, fremd dem Leben Gottes wegen der Unwissenheit, die in ihnen ist, wegen der Verstockung ihres Herzens …“

Was ist das Fazit der Verse 1-3?

Wir – die wir jetzt zu Christus gehören – waren „von Natur Kinder des Zorns […] wie auch die anderen.“ (V.3)

Gottes Zorn ist absolut gerecht. Alle Menschen haben mit ihren Taten, Gedanken und ihrem Willen den Zorn Gottes verdient.

Römer 2,5: „Nach deiner Störrigkeit und deinem unbußfertigen Herzen aber häufst du dir selbst Zorn auf für den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes.“

Ohne Gott ist der Mensch als Sklave der Sünde gefangen. Eine Selbstbefreiung ist unmöglich. Wir stehen als Feinde und Gotteshasser unter Gottes gerechtem Zorn. Er wird seinen Zorn in seinen Gerichten über diese Erde sichtbar machen.

Römer 1,18: „Denn es wird geoffenbart Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, welche die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten.“

Johannes 3,36: „… wer aber dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm.“

Martin Luther hat zurecht mit dieser Frage gerungen: Wie kann ein zorniger Gott gnädig sein? Wenn der Mensch nichts zu tun vermag, was dann? Eine Person mit übernatürlicher Energie, ein allmächtiger Herr, ein Welterlöser, muss kommen um den Territorialherren zu besiegen, ein Salvator Mundi (lat. für „Erlöser der Welt“), wie Leonardo DaVinci sein Gemälde von Jesus Christus nannte.