Andachten

Die Suche nach dem Silberschatz

Mein Sohn, wenn du meine Reden annimmst und meine Gebote bei dir verwahrst, indem du der Weisheit dein Ohr leihst, dein Herz dem Verständnis zuwendest, ja, wenn du den Verstand anrufst, zum Verständnis erhebst deine Stimme, wenn du es suchst wie Silber und wie Schätzen ihm nachspürst, dann wirst du verstehen die Furcht des HERRN und die Erkenntnis Gottes gewinnen. (Sprüche 2,1-5)

Wer die Klassiker des deutschen Schriftstellers Karl May, insbesondere die Geschichten über den Apachenhäuptling Winnetou kennt, bei dem hat der Titel dieser Andachten sicherlich ein Glöckchen klingeln lassen. Einer von Mays Romanen heißt nämlich: Der Schatz im Silbersee. Darin geht es um eine Bande von Trappern, die sich zu dem in den Rocky Mountains gelegenen Silbersee aufmachen um einen sagenumwobenen Schatz zu suchen. Dabei nehmen sie nicht nur viele Strapazen auf sich, sie sind auch zu sehr unmoralischem Verhalten bereit, das dem Verhalten der in Sprüche 1 erwähnten Sündern ähnelt. Doch ihre unersättliche Gier nach Reichtum lässt sie vor dem Morden, Rauben und Betrügen nicht zurückschrecken, da sie wie getrieben sind – getrieben von einem starken Verlangen nach Gold. Es ist eindrucksvoll, zu beobachten mit welchem Eifer sie diesem Unterfangen nachgehen. In der Verfilmung des Romans ist in einer der letzten Szenen der Bandenchef zu sehen, wie er gerade – etwas Gold umklammernd – in einem Sumpf versinkt, der als Falle für mögliche Diebe des Schatzes gedacht war. Diese Szene verbildlicht die Vergänglichkeit des ungerechten Strebens nach Reichtum.

In den heute zu betrachtenden Versen geht es ebenfalls um das Nachspüren eines Schatzes. Anders als der “Schatz im Silbersee” jedoch, ist dieser Schatz weder materiell, noch vergänglich, noch ist es verkehrt, sich danach zu sehnen. Es ist ein Schatz, der nicht zur Neige geht – vielmehr vergrößert er sich, je mehr ihn finden. Eine deutliche Parallele zwischen den beiden Schätzen gibt es jedoch: Es ist ein enormer Eifer gefragt, um sie zu finden. Der Schatz um den es in diesen Versen geht, ist Weisheit und Verständnis. Die Verse bilden zusammen genau einen Satz, genauer gesagt einen Bedingungssatz (“wenn …, dann …”). Dieser Satz ist der Aufruf eines Vaters an seinen Sohn, mit allem Eifer nach Weisheit zu suchen. Die Verse sagen nicht aus, dass menschliche Anstrengung das einzig notwendige ist, um Weisheit zu finden, jedoch gehört sie unbedingt dazu – dies ist eine Tatsache, die ich im Alltag nur allzu oft vergesse. Weisheit zu finden, ist mir ein Anliegen. Aber mein Herz (meine emotionalen, geistigen und moralischen Fähigkeiten) darauf zu richten, eigene Kraft aufzubringen, ja nach der Weisheit zu schreien, das geht mir nicht so leicht von der Hand, wie der Wunsch nach Weisheit mir von den Lippen geht. Doch die Tatsache, dass der Vater bzw. Lehrer es seinem Sohn bzw. Schüler gegenüber so oft erwähnt und ihn auf die Anstrengungen hinweist, die mit der Suche nach Weisheit verbunden sind, lässt uns erkennen, dass wir als unvollkommene Menschen darauf angewiesen sind, bekannte Dinge zu wiederholen, um sie wirklich zu verinnerlichen. Darum nochmal die einfache Aufforderung in einem kurzen Satz: Suche eifrig nach der Weisheit!

Eine weitere Parallele zwischen den beiden Schätzen liegt darin, dass beide – natürlich nach unterschiedlichen Maßstäben – sehr wertvoll sind. Der Wert der Weisheit wird im Vers 5, bzw. im zweiten Satzteil (“dann …”) erklärt: die Furcht des Herrn verstehen und die Erkenntnis Gottes gewinnen. Ich denke, dass beide Formulierungen inhaltlich im Grunde dasselbe bedeuten. Gott zu kennen, ist etwas, das an einigen anderen Stellen in der Schrift ebenfalls von zentraler Bedeutung ist. In Jeremia 9,22-23 z.B. wird die Gotteserkenntnis verschiedenen irdischen Qualitäten gegenübergestellt – Reichtum, (menschliche) Weisheit und Stärke. Diese alle verblassen im Vergleich zu der Erkenntnis des einzig wahren Gottes. Diese Erkenntnis ist es allein wert, sich ihrer zu rühmen, da von ihr alles ausgeht. Sie ist so zentral, dass Gott an anderer Stelle über sein Volk sagt, dass es zugrunde geht aus Mangel an (Gottes-)Erkenntnis (vgl. Hos 4,6).

Doch ich denke, dass der Wert der Gotteserkenntnis auch damit zusammenhängt, dass der Mensch für die Gemeinschaft mit Gott geschaffen wurde, dass ihn somit nicht mehr erfüllen kann Gott zu erkennen, sich an ihm zu erfreuen und ihn dadurch zu verherrlichen. Doch ich denke ein großer Grund, warum wir diese Freude und Erfüllung in Gott so oft so wenig erleben, ist, weil wir die Kosten nicht überschlagen und meinen, wir könnten Ergebnisse ohne Eifer und Hingabe erzielen. Ich hoffe, dass wir durch das Nachdenken über diese Verse uns daran erinnern, dass wir herausgefordert sind, die Weisheit, die zur Erkenntnis Gottes führt, wie einen Schatz zu suchen.

Die Sprüche (6/100)