Andachten

Ein Musterbeispiel der Liebe

Da ging ich mit ihnen ins Gericht und verfluchte sie und schlug einige Männer von ihnen und raufte ihnen die Haare aus.

Nehemia 13,25a

Vielleicht fragt sich der eine oder andere, wie ich es wagen kann, über diesen Vers eine solche Überschrift zu setzen. Wenn der Text nun gelautet hätte: „und ich betete für sie, damit sie endlich zur Einsicht kommen“, „ich weinte und bat sie zurechtzukommen“ oder „ich umarmte sie und versuchte sie durch zureden zu überzeugen“, dann hätten wohl alle zugestimmt, dass die Überschrift richtig gewählt sei.

Doch ich meine, dass wir kaum solche Beispiele echter Liebe zum Volk Gottes finden wie bei Nehemia. Was war der Hintergrund der oben beschriebenen Szene? Nach einer Erweckung durch das Wort Gottes (namentlich nach Lesung des Buches Moses), sonderte das Volk Israel alles Mischvolk ab. Sich mit den Heiden zu vermischen war dem Volk Israel verboten, da es Gottes auserwähltes Volk war. Somit war die Reinheit innerhalb der aus dem Exil zurückgekehrten Gemeinde wiederhergestellt.

Einige Zeit später (in Kapitel 13 befindet sich ein längerer, nicht genauer beschriebener Zeitraum, der den heutigen Vers von der damaligen Erweckung trennt), war alles vergessen und das Volk Israel hatte sich erneut mir den Nachbarvölkern vermischt. Die bösen Folgen in der Vergangenheit (Verleitung des Königs Salomos zur Sünde durch ausländische Frauen), schildert Nehemia sehr deutlich im folgenden Abschnitt.

Nehemia hatte zu dieser Zeit bereits sehr viel für Israel getan und bittet Gott mehrfach, deshalb seiner zu gedenken. Er hätte sich nun zurücknehmen können und über Israels Zustand jammern können. Er hätte wieder nach Susa ziehen und dieses undankbare Volk dem Gericht Gottes überlassen können.

Doch nichts dergleichen tut Nehemia. Voller Schmerz und Eifer für Gottes Volk versucht er, die Zustände im Volk wieder am Wort Gottes auszurichten. Hierfür ist es sich nicht zu schade, nein, er kämpft für die Reinheit des Volkes. Hierfür verwendet er sogar Schläge und Haareraufen. Keinesfalls will ich zu solch einer Praxis in unseren Gemeinden aufrufen, aber auf geistlichem Gebiet sind solche Handlungen manchmal durchaus angebrachter als „Streicheleien“, die niemanden zurechtbringen. Zurechtweisen und mit Eifer die Heiligkeit des Volkes Gottes zu suchen war ein Kennzeichen Nehemias.

Nehemia ist sich sicher, dass Gott seines Eifers ihm zugute gedenken wird. „Um der Liebe willen“ trat Paulus der Heuchelei des Petrus offen entgegen und kehrte nichts unter den Teppich. „Um des Friedens willen“ Sünde und Ungerechtigkeit unter dem Volk Gottes zu dulden ist ein sehr gefährlicher und falscher Ansatz, der auf jeden Fall von Gottes Seite her Konsequenzen nach sich zieht.

Bedenken wir, dass die Schläge des Freundes treu gemeint sind und die Küsse des Hasser viele sind (nach Sprüche 27,5). Es ist in höchstem Maße lieblos, nicht aufeinander zu achten zur Heiligung und Ehre Gottes hier auf der Erde. Mögen wir uns von einem falschen Verständnis der Liebe zueinander lösen, das jegliche Korrektur untereinander unmöglich macht. Möge Gott uns dazu helfen, damit die Braut Christi ohne Flecken und Runzeln bei seiner Ankunft dargestellt wird.