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Wie Gott uns reformierte (1/6)

In den nächsten Wochen möchten wir sonntags jeweils einen Zeugnisbericht veröffentlichen, in dem wir etwas von unserer „persönlichen Reformation“ berichten. Durch Gottes Gnade durften wir erfahren, jeder auf unterschiedliche Weise, was es mit den sogenannten „Lehren der Gnade“ auf sich hat, und diese schätzen und lieben lernen. Wenn wir davon sprechen, dass Gott uns reformierte, meinen wir damit den Bereich der Heilslehre, oder weitergefasst, die Lehre von der Zueignung der Erlösung. Wir glauben, dass die Frage, wie und warum jemand Christ wird, eng mit dem Gottesverständnis und dem Menschenbild verbunden ist. Wir halten diese Thematik also nicht für nebensächlich oder unwichtig, weshalb wir auch gerne bereit sind, auf unserem Blog Stellung dazu zu beziehen. Diese Zeugnisse sollen keine Verteidigung unserer Überzeugungen darstellen, sondern einfach nur ein Zeugnisbericht davon, was Gott in unserem Denken und Leben veränderte.

Reformierte Heilslehre?

Vorab möchte ich kurz erläutern, was wir unter einer „reformierten Heilslehre“ verstehen um Missverständnissen und Unklarheiten vorzubeugen. Wir glauben, dass …:

• … in Adam alle Menschen gesündigt haben und deswegen tot in Sünde sind, in Feindschaft Gott gegenüber (Gott hassend und verachtend), völlig unfähig, aus eigenem Wollen und eigener Kraft, zu Gott zu kommen und nur gerettet werden können, wenn sie von neuem geboren werden (vgl. Röm 3; Eph 2; 1. Mo 6; Röm 5; Joh 6).

• … Gott schon bevor er die Welt erschaffen hat, den Plan der Erlösung gefasst hat, einige Menschen aus reiner Gnade zur Rettung auserwählt hat, diese Auserwählten dann durch die Verkündigung des Evangeliums wirksam ruft und in seine Familie adoptiert (vgl. Eph 1 u. 2; Röm 8 u. 9; Apg 13,48).

• … der Grund für Gottes Erlösungsplan und der Grund für das Erretten und Verdammen von Menschen, seine eigene Verherrlichung ist und dass nicht der Mensch der erste Adressat des Evangeliums ist (vgl. Eph 1,3-6.12; Tit 1,1.2).

• … dass Jesus Christus sein Blut als Lösegeld für diese Auserwählten gegeben hat und damit ihre Schuld gesühnt hat, sodass sie Vergebung für ihre Sünden empfangen können (vgl. Eph 5,25; Joh 10,11).

• … dass jeder, der von Gott errettet wurde, errettet bleibt, indem er von Gott bewahrt wird (vgl. Phil 1,6; Röm 5,9.10; Röm 8,28-30).

Meine „Reformierung“

Ich bin als Kind gläubiger Eltern aufgewachsen und gehöre seit ich denken kann einer frei-evangelischen Gemeinde an, in der ich heute auch Mitglied bin. Für mich schien es immer selbstverständlich, dass jeder Mensch in seinen Entscheidungen absolut frei ist und es somit an ihm liegt, ob er einmal Christ wird oder nicht. Bibelstellen, in denen es um Gottes Erwählung bzw. Vorherbestimmung zur Rettung bzw. Sohnschaft geht, wurden in meinem Gemeindeumfeld stets uminterpretiert oder nicht übergangen. Mir wurde u.a. erklärt, Gott würde durch den „Tunnel der Zeit“ blicken und sehen, wer von den Menschen sich für ihn entscheiden würde, und diese Menschen dann erwählen bzw. vorherbestimmen. Eine andere Erklärung sagt aus, Gottes Erwählung beziehe sich auf die Gemeinde als ganzes und sei somit nicht persönlich.

Ich wurde mit diesen Erklärungsversuchen nie ganz zufriedengestellt; mir schien, als würde man einer unangenehmen Wahrheit ausweichen wollen, da Gott nach menschlichem Gerechtigkeitsempfinden ungerecht scheint, wenn er manche Menschen rettet und manche übergeht. Mein Interresse für diese Thematik war aber damals noch nicht allzugroß, da sie auch immer wieder als „unwichtiges Streitthema“ abgetan wurde. Als meine Eltern dann von einem befreundeten Ehepaar eine CD mit Vorträgen über diese Thematik erhielten, die ich mithörte, flammte das Interesse wieder auf und ich begab mich in ein eingehenderes Studium des Sachverhalts. Interessanterweise sprach der Referent deratig kombattant und bissig gegen die reformierte Heilslehre und deren Vertreter – man bedenke, dass ich derzeit noch keine reformierten Überzeugungen besaß –, dass es mich eher abschreckte als in meiner Ansicht bestätigte. Zudem schien mir seine Argumentation und seine „Auslegung“ gewisser Textabschnitte der Bibel dermaßen unschlüssig, dass ich mich mehr und mehr von dieser Position entfernte – im Nachhinein eine interessante Ironie für mich, da der Auslöser für meinen Sinneswandel von der nicht-reformierten Position stammte. Parallel dazu argumentierte ich allerdings selbst noch mit einem guten Freund gegen die reformierte Position, da mir Stellen wie 1. Tim 2,4 unvereinbar damit schienen.

Die Aggressivität von Gegnern der reformierten Position wurde für mich zu einem immer wiederkehrenden Muster. Verschiedene YouTube-Videos aus nicht-reformierten Reihen, eigene Erfahrungen und auch Personen in der Kirchengeschichte wie John Wesley, der über den Gott Whitefields (der ein reformiertes Heilsverständnis hatte) sagte, er gleiche mehr Satan als dem Gott der Bibel, erzeugten in mir eine zunehmenden Antipathie gegen die Gegner der Reformierten. Doch dieses „Aggressionspotential“ von nicht-reformierten Christen (das ich keineswegs pauschalisieren möchte), war nicht der Grund, aus dem sich meine Überzeugungen änderten. Vielmehr war es das eindeutige und klare Zeugnis der Schrift und eine saubere, sachgerechte Auslegung derselben. Gott überwand mein verzerrtes Bild von ihm und stellt mir neu seine Herrlichkeit, seine Heiligkeit, seine Souveränität und seine Allmacht vor Augen, indem er die Brille der Tradition abnahm und klarere Sicht auf die Bibelstellen schenkte, die über diese Thematik sprechen. Ich fragte davor: „Wie kann Gott uns dann noch Vorwürfe machen? Es kann sich doch niemand seinem Willen widersetzen!“ Und die göttliche Antwort war: „Wer bist du eigentlich? Du Mensch willst anfangen, mit Gott zu streiten? Sagt das Werk zu seinem Meister: ‚Warum hast du mich so gemacht?‘ Ist der Töpfer nicht Herr über den Ton und kann aus derselben Masse ein Gefäß machen, das auf der Festtafel zu Ehren kommt, und ein anderes, das für den Abfall dienen soll?“ (aus Röm 9, NeÜ). Gott hat uns gemacht und nicht wir selbst (Ps 100,3). Wir gehören ihm. Er hat das alleinige Verfügungsrecht über uns und darf mit uns tun, was ihm gefällt. Er ist niemandem seine Gnade schuldig, weil alle durch ihre eigene Sünde die Herrlichkeit vor ihm verloren haben. Ich erkannte, dass mein Gerechtigkeitsempfinden keineswegs maßgebend ist und das die Wege des allmächtigen Schöpfergottes nicht von seinen Geschöpfen in Frage gestellt werden können. Denn Gottes Handeln zielt allein auf seine Ehre ab, auch sein Heilshandeln. Eine Bibelstelle, die das anschaulich bezeugt ist Titus 1,1.2:

Paulus, Knecht Gottes, aber Apostel Jesu Christi nach dem Glauben der Auserwählten Gottes und nach der Erkenntnis der Wahrheit, die der Gottseligkeit gemäß ist, in der Hoffnung des ewigen Lebens – das Gott, der nicht lügt, vor ewigen Zeiten verheißen hat; …

Wir lesen, dass Gott das ewige Leben vor ewigen Zeiten verheißen hat. Wer war der Empfänger dieser Verheißung? Wir Menschen können es nicht gewesen sein, wir waren nicht da! Genauso wenig die Engel, denn auch sie sind geschaffene Wesen. Gott allein war schon immer, vor ewigen Zeitaltern, existent. Somit dient auch die Verheißung des ewigen Lebens, das ganze Evangelium in erster Linie nicht dem Menschen, sondern Gott und seiner Verherrlichung.

Die Lehren der Gnade, die sich mir mit der Zeit mehr und mehr erschlossen, bewirkten große Veränderung in meinem Gottesbild. Sie ließen mich seine Gnade tiefer verstehen und schätzen und machten mich somit zu einem dankbareren Christen. Auch in Bezug auf die persönliche Evangelisation durfte ich zuversichtlicher werden, da ich nun verstand: Gott ist alleinwirksam in der Errettung und er wird seine Erwählten zum Glauben führen. Ich bin dabei nicht mehr als ein Werkzeug in seiner Hand, das er gebrauchen möchte. Ich denke auch, dass die Lehren der Gnade einen Christen demütig machen, da er sich als unwürdiges Geschöpf in der gnädigen Hand Gottes sieht – ohne Anspruch auf Erlösung. Ich liebe diese Lehren und wünsche mir, dass auch andere Christen sie verstehen und die schönen Auswirkungen davon erfahren dürfen. Ich erhoffe mir, dass sie weniger zum Gegenstand philosophischer Diskussionen werden sondern im kindlichen Glauben angenommen werden.