Andachten

Wir sind Barrabas!

Dann gab er ihnen den Barabbas los; Jesus aber ließ er geißeln und überlieferte ihn, damit er gekreuzigt werde.
Matthäus 27,26

Durch die ganze Passionsgeschichte Jesu hindurch begegnen uns Menschen, mit denen wir uns sehr gut identifizieren können. Da ist Petrus, der seinen Herrn aus Angst verleugnet. Da sind die anderen Jünger die Jesus alle verlassen. Da ist der Hohe Rat, der krampfhaft nach einer Möglichkeit sucht, Jesus loszuwerden, um zum Alltag übergehen zu können. Da ist die Menge, die „kreuzige ihn“ schreit – und da ist Barabbas. Barabbas, der Mörder.

Wir wissen aus dem Markusevangelium, dass er während eines Aufstandes einen Mord begangen hatte. Zurecht saß er im Kerker und wartete auf die Vollstreckung des gerechten Urteils für Rebellion: den Tod durch Kreuzigung. Von allen Gestalten, die uns in der Leidensgeschichte Jesu begegnen, denke ich, dass Christen sich am Besten mit Barabbas identifizieren können. Barabbas verschwindet wieder von der Bildfläche, als Jesus an seiner Stelle verurteilt wird und wir erfahren nicht, was weiter mit ihm geschah.

Dennoch gibt es einige Ähnlichkeiten, die Barabbas mit uns hat. Wir waren Rebellen. Wir rebellierten in unserer Sünde gegen Gott, hassten und übertraten seine Gebote, wo immer wir das wollten und wo wir dachten, es brächte uns Vorteile. Wir kannten Gottes Gebote und wussten in unserem inneren, dass wir, weil wir dies taten, des Todes schuldig waren (Röm 1,32). Wir leben als Gottes Feinde (Röm 5,10). Und nun stehen wir vor dem Richterstuhl, doch das Urteil ist klar („wer nicht glaubt, ist schon gerichtet“, Joh 3,18). Wir warten nur auf die Vollstreckung des göttlichen Urteils über unser Leben und wissen, wir haben es nicht anders verdient.

Doch da ist dieser Mensch. Neben uns steht Jesus Christus, Gott und Mensch. Und auf einmal ändert sich für uns alles: Ehe wir wissen wie uns geschieht, werden wir freigegeben, doch dieser eine, Jesus Christus, der Gerechte, wird abgeführt zur Hinrichtung. Der Gerechte stirbt, der Sünder lebt. Eine schaurige Geschichte? Eine wunderbare Geschichte! Es ist meine Geschichte. Es ist deine Geschichte. Jesus stirbt und trägt die Sünden „Vieler“ (Jes 53,12) und führt damit die „vielen zur Gerechtigkeit“.

Ist das nicht wunderbar? Ich, der ich den Tod verdient hätte, darf leben, weil ein anderer für mich stirbt! Wir wissen nicht, wie Barabbas Geschichte endete, aber wir wissen, dass wir durch Jesu Tat am Kreuz wurden, was der Name Barabbas bedeutet („Kind des Vaters“). Sind wir es nicht schuldig, ihm jeden Tag dafür zu danken, dass er starb, damit ich leben darf (und das als Gerechter?). Mein früherer Hass verkehrt sich in Liebe, alle Rebellion endet am Kreuz. Christus starb, damit ich lebe.