Andachten

Jesu Worte am Kreuz – Verlassenheit (4/7)

 Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut: „Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34)

 

In den Statistiken wovor wir Deutschen besonders Angst haben wechseln sich die Antworten regelmäßig anhand der Gegebenheiten ab: Arbeitslosigkeit wird in Zeiten von Kurzarbeit oder Konjunkturschwankungen genannt. Krieg ist auch eine häufige Antwort, besonders dann, wenn Unruhen in Teilen der Welt diePolitiker vor unlösbare  Aufgaben stellen. Aktuell finden sich die Antworten Nordkorea oder – warum auch immer – der amerikanischer Präsident weit oben. Überfremdung wird auch je nach medialer Ausschlachtung erwähnt oder Krankheit, wenn eine Epidemie die Schlagzeilen beherrscht. Je nach Epoche dominiert eine Sorge besonders.

Eine Angst jedoch wird immer wieder unabhängig von den Schlagzeilen erwähnt: Die Angst vor Einsamkeit oder dem Verlassensein. Diese ist nicht zu unterschätzen!
Jedes Jahr wird dabei in Deutschland für 120.000 Kinder ein solcher Alptraum wahr: Der Vater verlässt die Familie! Viele der Kinder sind noch klein und bekommen es nicht wirklich mit. Doch ein großer Teil der Kinder schaut traurig und entsetzt zu, wie der Vater schweigend die Koffer packt, den Schlüssel abgibt und das Haus ein letztes mal verlässt. Wie entsetzlich! Verlassensein, wie grausam – und doch reell für viele Kinder!
Doch einer erlitt ein solches Leid der Einsamkeit und Verlassenheit in Vollendung:
Es war unser Herr Jesus Christus!

Es war 12-15 Uhr nach unserer Zeit, eine Finsternis macht sich über das Land breit. Es ist der Höhepunkt des Leidens als dieser l aute Schrei die Welt zerreißt! Zu dieser Stunde wurden gerade 18.000 Lämmer in Jerusalem geschlachtet. Wie schlimm muss es dabei unserem Herrn Jesus ergangen sein! Sowohl von Menschen alleingelassen, von allen verlassen! Aber auch in den schlimmsten drei Stunden seines Lebens bei totaler Finsternis vom Vater verlassen!
Dies ist der einzige Satz am Kreuz der in zwei Evangelien erwähnt. Nur dieser eine Satz wird in Jesu Muttersprache zitiert, um auf Nummer sicher gehen: Dieser ungeheuerliche Aussage ist wortwörtlich so gesagt, dass jeder Irrtum ausgeschlossen ist!

Gott-Vater verlässt Gott-Sohn. Gott ist aktiv am Leiden Seines Sohnes beteiligt! Gott schont sich selbst nicht, ein Riss geht durch Gott hindurch, Gott steht gegen Gott! Gott ringt mit Gott! Gott überwindet durch Gott!
Seine einzige Klage betraf seinen Gott. Nicht: Warum hat Petrus mich
verlassen Nicht: Warum hat Judas mich verraten. Das bekümmerte ihn sehr, aber es war nicht sein größter Schmerz. Es ist der Riss durch die Gottheit!
Das gesamte Gericht wird nun auf eine einzige Person konzentriert: Jesus Christus. Jesus wird so behandelt, als ob er selbst rebellisch war. Dieser Schrei ist die Schlüsselszene der Passion (Leidensweg).

Der Vater legt die Sünde auf einen, nur so kann Gott gerecht sein und Sünde nicht einfach übersehen. Nie war Jesus ohne Vater – jetzt aber total.
In diesem Zusammenhang müssen wir Gott als den Richter aller
Welt ansehen und den Herrn Jesus in seiner offiziellen Eigenschaft als Garant des Bundes und Opfer für die Sünden. Er kann Sünde nicht sehen!
Der große oberste Richter kann dem, der die Schuldigen vertritt, keine Milde schenken. Gott verabscheut die Sünde. Selbst wenn der Sohn sie trägt, um sie aus der Welt zu schaffen, bleibt doch Sünde als solche abscheulich. Der, der sie trägt, kann nicht in froher Gemeinschaft mit Gott stehen. Das war eine bittere Notwendigkeit der Versöhnung.

Die Sünde, mit der alle Menschen geboren werden und die auchErbsünde genannt wird, ist die Quelle aller unserer Tatsünden. Sünden können vergeben werden, nicht aber die „in mir wohnende Sünde“ (Röm 7,17). Für letztere kann es nur Gericht und Tod geben.

Was sieht Gott am Kreuz?
Jesus war nie mit Sünde behaftet – jetzt ist er die Sünde, durch und durch! 2. Kor 5,21 sagt uns, dass Jesus zur Sünde gemacht wurde! Wir würden dies nicht wagen auszusprechen, wenn Gottes Wort es nicht sagte.
Gott sieht nicht seinen Sohn, sondern Hass, Unglaube, unsere ganze
schmutzige Schuld, Pornografie, Lüge, Betrug, Ehebruch, Mord und jeden sündigen Gedanken. Daher wurde der Herr Jesus auch das vollkommene Sündopfer, das in der hebräischen Sprache des Alten Testaments dasselbe Wort (chatat) wie Sünde ist. Sie zeigen, dass Gott in Seinem gerechten Gericht über die Sünde den Herrn Jesus so behandelte, als ob Er selbst Sünde sei. Er musste von Gott verlassen werden, denn das ist die unabwendbare Folge der Sünde. Die Gottverlassenheit ist eine Strafe, die sich ganz von selber und unvermeidlich ergibt, wenn die Beziehungen zu Gott abgebrochen werden.

Gott sieht Christus an und sieht nur noch Sünde. Er machte ihn zur Sünde und schlägt ihn tot. Das ist das Unerhörte und Schreckliche an dieser Geschichte!
Röm 8,3 bestätigt: Die Sünde wurde im Fleisch verurteilt, damit Sünder die nicht umkehrfähig sind völlig einseitig mit Gott versöhnt werden!
Die Frage brennt abschließend jedem Leser dieser Worte auf der Zunge: Warum wurde Jesus denn nun verlassen?

Nie war ein Gläubiger von Gott verlassen gewesen. Auch David war nie verlassen (trotz Ps 22,1-2), sonst hätte er nicht einen Psalm später schreiben können: „Auch wenn ich wanderte im Tal des Todesschattens, fürchte ich nichts Übles, denn du bist bei mir“ (Ps 23,4) und: „Nie sah ich den Gerechten
verlassen“ (Ps 37,25). Aber gerade Ihn, diesen Einen, Vollkommenen, Reinen verließ Gott wirklich. Solch eine Einsamkeit erlebte kein Mensch jemals!

Er wurde verlassen, dass wir, die an Ihn glauben, in Ewigkeit nicht verlassen werden!