Andachten

Du hast meinen Bruder sterben lassen – du bist der Sohn Gottes!

Da sprach Martha zu Jesus: Herr, wenn du hier gewesen wärest, so wäre mein Bruder nicht gestorben; […] Sie spricht zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.
Johannes 11,21.27

Spätestens da, wo Menschen mit dem Tod und Leid konfrontiert werden, zeigt sich, was wirklich in ihnen ist. Stell dir vor, du hast eine schlimme Krankheit, doch dein allerbester Freund ist Arzt und hat eine 100%-ige Heilungsquote. Jeder, der zu ihm kommt wird geheilt! Würden wir nicht sagen: Wow, das ist der Hauptgewinn. Du kannst ewig leben! Dein Freund kann dich zu jeder Zeit gesund machen. Immer wenn du ihn brauchst, ist er zur Stelle und im Handumdrehen bist du geheilt.

Nun, es gab auf dieser Erde nur einen einzigen Menschen, beim dem nie ein Heilungsversuch scheiterte: Jesus Christus. Er heilte alle Menschen, die er heilen wollte. Jesus nun hatte einen Freund mit Namen Lazarus, den er wirklich sehr liebte, genau wie dessen Schwestern Maria und Martha. Als Lazarus krank wird, rufen die Beiden, wie es sich für gute Schwestern gehört, sofort nach Jesus und richten aus: „Herr, siehe, der, den du lieb hast, ist krank!“ (11,3) In diesem Satz steckt keine direkt Bitte oder Aufforderung. Doch was hatten die Schwestern erwartet? Vermutlich stellten sie sich vor, wie Jesus die ganze Nacht durchmarschierte, völlig erschöpft am Krankenbett des Lazarus ankommen würde und ihn gesund machen würde. Schließlich liebte Jesus den Lazarus doch! (11,5)

Doch nichts dergleichen geschieht. Jesus wartet noch bis Lazarus stirbt und kommt erst nach Bethanien (dem Wohnort Lazarus und seiner Schwestern), als er schon vier Tage im Felsengrab liegt. Martha läuft ihm entgegen und hält Jesus (aus menschlicher Sicht völlig zurecht) vor: Herr, du hast uns im Stich gelassen! Du warst nicht da als wir dich brauchten und nun ist Lazarus gestorben. Du hast die Kontrolle verloren. Ich weiß nicht, was ich von so einem Freund halten soll, der seinen geliebten Freund, meinen Bruder sterben lässt! (Zu diesem Zeitpunkt wusste Martha noch nicht was Jesus seinen Jüngern schon erklärt hatte: Diese Krankheit dient der Verherrlichung Gottes!). Auf Jesu Antwort gibt Martha theologisch korrekte Antworten (über die Auferstehung am letzten Tag), doch mit der Kraft Jesu im hier und jetzt und seinem Willen, Gott zu verherrlichen, hat sie offensichtlich nicht gerechnet. Dennoch bekennt sie nach Jesu Rückfrage, dass sie glaubt, dass er der Sohn Gottes ist (Verse 21-27).

Kennen wir die Situation Marthas nicht allzu gut? Fällt es uns in Leiden nicht auch unfassbar schwer, Gott wirklich zu glauben, dass er uns alle Dinge zum Besten mitwirken lässt, weil wir ihn lieben und nach seinem Vorsatz berufen sind (Röm 8,28)? Theologisch richtige Antworten beweisen noch nicht, dass wir Gott richtig vertrauen. Jesus auferweckt Lazarus und beendet das Leid der Familie (was nicht immer der Fall sein muss).

Wann hast du das letzte Mal in Leid und unangenehmen Umständen gedacht: Endlich! Gott will sich wieder verherrlichen! Denn nichts anderes tut Gott, als uns alle Dinge zum Besten mitwirken zu lassen, damit er selbst verherrlicht wird. Er will uns Jesus Christus im Wesen gleich machen (Röm 8,28-30). Dies wird uns nicht vor Leid bewahren, nein, Gott führte Lazarus in Krankheit und sogar den Tod, damit er sich verherrlichen kann. Mögen wir daran denken, wenn sich wieder Leid in unserem Leben ausbreitet. Mögen wir dahin kommen Gott mehr verherrlichen zu wollen als wir atmen wollen. Nur das zählt für uns Christen – ob in Freude oder Leid.


Mein Dank gilt Michael Martens, der mich mit seiner Predigt auf der Konferenz des Netzwerks für Biblische Seelsorge (NBS) zu dieser Andacht inspiriert hat.