Andachten

Jesus, der Zerstörer?

Und ich wandte mich um, die Stimme zu sehen, die mit mir redete, (…) und seine Augen wie eine Feuerflamme, und seine Füße gleich glänzendem Erz, als glühten sie im Ofen und seine Stimme wie das Rauschen vieler Wasser, und er hatte in seiner Hand sieben Sterne, und aus seinem Mund ging ein zweischneidiges, scharfes Schwert hervor, und sein Angesicht war, wie die Sonne leuchtet in ihrer Kraft. (Offb 1,12-16)

Johannes beschreibt uns, nach Worten ringend, seine Vision vom auferstandenen Sohn des Menschen. Er hat ihn gesehen und beschreibt uns seinen Retter. Dieser Retter ist auch unser Retter. Doch was bedeutet diese Vision? Wie ist sie zu verstehen?

So gut wie alle Ausleger sehen im Buch der Offenbarung ein literarisches Werk, das von Symbolen durchtränkt ist. Gewiss wird darüber gestritten, was denn wirklich alles symbolisch gemeint ist und was nicht. Doch hier meine ich voraussetzen zu können, dass  allgemeiner Konsens herrscht, dass es sich hier bei Jesu Beschreibung um Symbolsprache handelt. Nur die wenigsten würden behaupten, dass der auferstandene Christus momentan ein Schwert anstatt einer Zunge in seinem Mund hat, oder dass er wirklich Füße aus glühendem Erz hat – zumal uns an anderer Stelle Jesus als Lamm oder auch Löwe beschrieben wird (Offb 5,6 bzw. 5,5).

Ich denke also, dass es offensichtlich ist, dass es darum geht, was diese Symbolsprache bedeutet, als dass sie uns eine äußere Beschreibung von Jesu momentanem Aussehen geben möchte.

Liest man die Begriffe, die ich fett markiert habe, so stellt man fest, dass Begriffe sind, die einen zerstörerischen Sinn haben. Augen, die in jedes Herz schauen und in jeden versteckten Winkel eindringen können; die glühenden Füße, bereit jeden Gottlosen und Bösen zu zertreten und das zweischneidige Schwert, welches alles bezwingt, was dem rechtmäßigen König widersteht – seien es die „irrigen Gedanken und Gesinnungen des Herzens“ (Hebr 4,12) oder die rebellischen Menschen auf Erden (Offb 19,15 vgl. 12,5).

Das Bild als Ganzes genommen zeichnet uns Jesus, der Heilige, der kommt und die Gemeinde reinigt (Offb 2,16,18,23) und die bestraft, die seine Erwählten verfolgen (8,5ff).

Der moderne Christ wird sich fragen: Das soll mein Jesus sein? Niemals! Das ist ein grausamer Zerstörer! Ein Tyrann! Er liebt doch alle. Er zerstört sie nicht. Nun, ist Jesus wirklich so ein Zerstörer, der seine Feinde vernichtet? Gemäß diesem Text ist er es. Und viele weitere Schriftstellen bestätigen das. Die Frage ist, warum macht Christus das? Was haben die meisten Menschen ihm getan? Die meisten sind doch nicht wirklich rebellisch gegen ihn gewesen, oder?

Doch sie sind es. Es würde den Rahmen allerdings maßlos sprengen, nun nachzuweisen, dass die Menschen Rebellen gegenüber Gott sind. Daher möchte ich nur auf eine Sache eingehen, die im Kontext der Offenbarung von Bedeutung ist.

Die Menschen verfolgen die Gemeinde Christi. Johannes schreibt, dass er Gemeinschaft mit seinen Lesern in der Bedrängnis hat (1,9). Er und seine Leser sind der Bosheit derer ausgesetzt, die die Wahrheit Christi nicht wahrhaben wollen. Warum wollen sie sie nicht wahrhaben? Weil sie in der Finsternis sind und das Licht hassen (Joh 3,19-20). Die Menschen ohne Christus können die Christen, die die Wahrheit sagen nicht ertragen, weil sie genau wissen, dass das, was sie sagen wahr ist! Daher verfolgen sie die Christen. Und deshalb wird Jesus sie vernichten! Jesu Gericht ist nicht hart; es ist vielmehr völlig gerechtfertigt. Und es wird die Antwort auf die Frage der verfolgten Gemeinde sein, die laut schreien: „Wie lange, o Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, richtest du nicht und rächst nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen?“

Christus wird seiner Gemeinde Recht verschaffen (Lk 18,7). Diese Botschaft von Jesus als „Zerstörer“ ist eine Trostbotschaft für die Gemeinde damals gewesen und sie will es auch heute noch für jeden verfolgten Christen sein.

Eine herausfordernde Frage zum Abschluss: Warum werden wir (im Westen) nicht um der Wahrheit willen verfolgt? Wird es daran liegen, dass die Wahrheit nicht mehr die reine, absolute, anstößige Wahrheit ist, die von jedem Nicht-Christen gehasst werden müsste?