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Buchbesprechung: Das Gewissen

Naselli, Andrew David; Crowley, J. D. Das Gewissen. Christliche Verl.-Ges: Dillenburg.

Schon auf den ersten Seiten des Buches öffnete sich mein Bewusstsein für die inhaltsübergreifende Relevanz des oft vernachlässigten Themas des Gewissens.

Die Zielsetzung wird in folgenden Worten dargelegt: „Unser bescheidenes, aber möglicherweise sogar lebensveränderndes Ziel ist es vielmehr, das Gewissen wieder zurück ins Blickfeld unserer Leser zu rücken, zu erforschen, was Gott mit dem Gewissen bezweckt bzw. nicht bezweckt hat, wie das Gewissen funktioniert, wie man es pflegt und vor Schaden bewahrt. Wir wollen aufzeigen, wie ein bewusster Umgang mit dem Gewissen die Einheit in den Gemeinden und gemeindliche Aufgaben wie Evangelisation und Mission fördert. Darüber hinaus wird es auch darum gehen, wie wir mit Geschwistern Zurechtkommen, deren Gewissen ihnen andere Handlungsmöglichkeiten eröffnet. Und wir werden Ihnen Grundsätze an die Hand geben, anhand derer Sie Ihr Gewissen immer wieder neu ausrichten können, damit es mit dem Willen Gottes übereinstimmt.“ (S. 15)

Im ersten Kapitel des Buches geben die Autoren eine ausführliche Definition des Gewissens. Sie beschreiben es zunächst als eine Fähigkeit des Menschen, es ist das Urteilsvermögen bezüglich moralischen Fragen. Zugleich ist es aber auch eine unabhängige Instanz, die dem Menschen seine Schuld vor Gott vor Augen stellt (vgl. Röm 1,19.20; 2,14-16). Sie beschreiben das Gewissen ferner als unbezahlbares Geschenk Gottes, als individuell und erklären, dass kein Gewissen zu 100% mit Gottes Moralvorstellungen übereinstimmt, was eine wichtige Grundlage für die späteren Kapitel ist.

Im zweiten Kapitel wird das Gewissen anhand des Neuen Testamentes noch einmal definiert und alle 30 Stellen, an denen es vorkommt, werden betrachtet. Sie kommen zu einigen Beschreibungen (positiven und negativen) und Funktionen des Gewissen. Zum Beispiel kann man ein reines, sauberes oder ungescholtenes Gewissen haben, bzw. es kann gereinigt, vervollkommnet oder besprengt werden. Auf der anderen Seite kann das Gewissen schwach, verletzt oder befleckt, schuldbeladen oder gebrandmarkt sein und es kann zum Sündigen ermutigen. Das Gewissen kann etwas bezeugen oder bestätigen, die Verhaltensweisen anderer beurteilen, die Freiheit des anderen einschränken oder zu konkreten Handlungen ermutigen. Anhand dieser und weiterer definitorischen Grundlagen, ziehen die Autoren vier Schlüsse, die die Überschriften der restlichen Kapitel bilden:

  1. Was sollen wir tun, wenn unser Gewissen uns anklagt? (Kapitel 3)
  2. Wie sollen wir unser Gewissen ausrichten, damit es mit Gottes Willen übereinstimmt? (Kapitel 4)
  3. Wie sollen wir uns gegenüber Glaubensgeschwistern verhalten, wenn unser Gewissen zu unterschiedlichen Beurteilungen gelangt? (Kapitel 5)
  4. Wie sollen wir uns gegenüber Menschen aus anderen Kulturen verhalten, wenn unser Gewissen zu unterschiedlichen Beurteilungen gelangt? (Kapitel 6)

In dem dritten Kapitel gehen die Autoren der Frage nach, was wir als Gläubige tun sollen, wenn unser gewissen Umständen zurecht verurteilt. Zunächst erklären sie, dass es keine andere Glaubensrichtung gibt, die sich ernsthaft mit den Schuldgefühlen eines Menschen auseinandersetzt und gleichzeitig ein reines Gewissen ermöglicht (S. 48). Sie erklären daraufhin, dass das selbst Gewissen eines erlösten Christen schwer belastet sein kann, da unsere Kenntnis von Gottes Geboten meist viel größer ist und zudem schneller wächst als unser gehorsam gegenüber denselben. Ihre Ausführungen hierbei sind einerseits tröstend und andererseits ermutigend. Es folgen auch einige praktische Hinweise für den richtigen Umgang mit einem überladenen Gewissen.

Im vierten, fünften und sechsten Kapitel werden die bisherigen lehrmäßigen Ausführungen anhand von Römer 14 und 15 (und auch 1. Kor 8-10) auf das Handeln übertragen. Wir befinden uns als Christen, die Teil einer Gemeinde sind, immer in einem Umfeld, mit unterschiedlichen Gewissenshaltungen und sind daher herausgefordert, den anderen nicht dafür zu verurteilen, weil er sich frei fühlt, Dinge zu tun, die in unseren Augen verwerflich sind, und auch nicht stolz und überheblich zu werden, wenn wir meinen, dass uns etwas zu tun erlaubt wird, was aber in den Augen mancher Glaubensgeschwister Sünde ist, selbst wenn wir mit unserem Standpunkt Recht haben. Das klassischen neutestamentliche Beispiel hierfür ist das Essen von (Götzenopfer-)Fleisch. In gewisser Hinsicht ist dabei jeder Christ ein Starker und/oder ein Schwacher, weil kein Gewissen vollkommen ist. Die Autoren übertragen dabei die Prinzipien des Apostels Paulus auf verschiedene Lebensbereiche, die heute Relevanz haben, wie z.B. Kampfsportarten, der Umgang mit dem Sonntag, säkulare Musik, angemessener Kleidungsstil, Filme oder Bücher mit okkultem oder anderweitig fragwürdigem Inhalt (z.B. J. K. Rowlings Harry Potter) und viele mehr. Die Autoren mahnen u.a. dazu an, nicht zu dogmatisch, mit eigenen Gewissensüberzeugungen umzugehen, weil über allem nicht das Rechtbehalten herrschen darf, sondern die Liebe.

Ebenso wichtig wie im heimischen Gemeindeumfeld, wenn nicht noch wichtiger, ist der Umgang mit Verschiedenheiten im Gewissen anderer Kulturen. J. D. Crowley, der als Missionar in Südostasien tätig ist, konnte in dem Buch wertvolle und hilfreiche Erfahrungen beisteuern. Die Autoren machen deutlich, dass ein korrekter Umgang mit Differenzen in Gewissensfragen mit Einheimischen nicht nur nötig ist, um friedlich zusammenleben zu können, sondern auch um in der Lage zu sein, das Evangelium verständlich zu erklären. Im Anhang findet sich zu dieser Thematik ein sehr erhellendes Konzept, dass das Gewissen in sieben verschiedene Bereiche aufteilt und jeweils übliche Beispiele dafür darstellt:

  1. In Gottes Augen Sünde, aber nicht in meinen oder denen der Einheimischen (z.B. Kauf von Raubkopien)
  2. In meinen Augen und denen Gottes Sünde, aber nicht in denen der Einheimischen (z.B. Trunkenheit)
  3. In den Augen aller Sünde (z.B. Ehebruch)
  4. In den Augen der Einheimischen und denen Gottes Sünde, jedoch nicht in meinen (z.B. mangelnde Großzügigkeit)
  5. Meine Skrupel (z.B. Umweltverschmutzung)
  6. Gemeinsame Skrupel (z.B. Alkohol)
  7. Skrupel der Einheimischen (z.B. Nahrungsmitteltabus)

Das Buch endet mit einen Gebet von dem ich einige Auszüge wiedergeben möchte:

“Wir bitten dich um Gnade, dass du unser Gewissen gut, unbescholten, klarsichtig und rein hältst.

Gib uns Gnade und Weisheit bei der Justierung unserer Überzeugungen in Bezug auf bestimmte Gewissensfragen und gründe sie in der Erkenntnis deines Wortes.

Gib uns Gnade und Weisheit, wenn es heißt, andere Christen zu lieben, selbst dann, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind.

Und sind wir unterwegs, um die Ehre deines Namens auf der ganzen Welt bekannt zu machen, hilf uns, das Evangelium in fremden Kulturen mit Weisheit und Bedacht zu verkünden und die Menschen dort zu erbauen.” (S. 153)

Ein sehr sorgfältig recherchiertes, mit vielen praktischen Beispielen und Erfahrungen gespicktes und für den Gemeindekontext und das Missionsumfeld hilfreiches Buch, um ein liebevolles, friedliches und Gott wohlgefälliges Miteinander unter Christen oder solchen, die das Evangelium hören, zu fördern und ein Ansporn, seine eigenen Überzeugungen immer an der Schrift zu justieren, ohne unerheblich und herablassend zu werden. Ich kann es nur weiterempfehlen.