Andachten

Schrei nach Gerechtigkeit

Steh auf, HERR, in deinem Zorn, erhebe dich gegen den Grimm meiner Feinde und mache dich auf, mir zu helfen im Gericht, das du bestellt hast (…) Schaffe mir Recht, HERR, nach meiner Gerechtigkeit, und nach meiner Unschuld geschehe mir. (Ps 7,7.9)

Wenn wir als gesamte Christenheit etwas verlernt haben, dann ist es unter anderem sicher das Klagen – oder vielmehr noch das Schreien nach Gerechtigkeit und Vergeltung. Für unsere heutigen Gemeinden wäre es sehr befremdlich, wenn auch nur ansatzweise durch einen Rachepsalm inspirierte Liedtexte gesungen werden würden. David Chilton meint, dass das nur zeigt wie weit unser pietistisches Zeitalter von dem biblischen Weltbild abgerückt ist. Er schreibt: „Wären unsere Gemeinden mehr vertraut mit dem grundlegenden Gesangbuch der Kirche – dem Buch der Psalmen – anstatt der zuckersüßen, lieblichen Chorusse, von denen die modernen evangelikalen Gesangbücher geprägt sind, hätten wir viel weniger Probleme [Verwünschungspsalmen wie diese] zu verstehen.“ (in „Die große Trübsal“).

Leider sind wir heute an einem Punkt angelangt, da es als unchristlich angesehen wird, wenn wir dafür beten, dass Gottes Zorn für die Feinde und Verfolger der Gemeinde ausgegossen werde. Und doch lesen wir in beiden Testamenten, dass das Volk Gottes genau das (Ps 5; 7; 35; 58; 73; 109; Offb 6,10). Für einen Gottesfürchtigen ist es charakteristisch, dass er den Gottlosen verachtet (Ps 15,4). Der Geist, der in diesen Verwünschungsgebeten der Heiligen zum Ausdruck kommt, ist ein wichtiger Aspekt der christlichen Gesinnung (2. Tim 4,14).

Auch in den heutigen Versen lesen wir davon, wie David Gott darum bittet, sich doch zu erheben, majestätisch einherzuschreiten und in seinem Zorn donnerndes Gericht auf seine Feinde prasseln zu lassen. Ist das legitim, was David tut? Sollte er nicht lieber seine Feinde lieben? Dieser und viele andere Psalmen zeigen uns, dass es tatsächlich legitim ist, seine Feinde zu verwünschen. Das wichtige dabei ist, dass man Gott das Gericht überlässt, denn sein ist die Rache (Röm 12,19). Wir können unsere Feinde lieben und gleichzeitig von Herzen herbeisehnen, dass Gott einst jeden Sünder, jeden verfluchten Rebellen, der das Volk Gottes und Gott selbst verachtet hat, endlich gerecht richten wird.

Die Hoffnung, dass Gott einst alle Gottlosen richten wird ist ein zentraler Bestandteil der biblischen Eschatologie. Das Jüngste Gericht wird stattfinden und alle werden ihre gerechte Strafe empfangen (vgl. V.9: „Der HERR richtet die Völker“). Diese Hoffnung ist auch absolut gerechtfertigt, denn wie David hier erklärt, wird er von seinen Feinden verfolgt, die wie blutrünstige Löwen nach seinem Leben trachten, um ihn zu zerreißen (V.2-3). Sollte David da nicht nach Gerechtigkeit schreien, zumal er selbst unschuldig ist (V. 4-6 und 9)? David beteuert, dass er gerecht und unschuldig ist (V.9). Damit ist nicht die perfekte Sündlosigkeit vor Gott gemeint, sondern eine Gerechtigkeit in Bezug auf seine Feinde. Er hat ihnen gegenüber nichts falsches getan, er hat sich nicht ungerecht verhalten. In dieser Sache ist David ohne Schuld. Deswegen schreit er nach Gerechtigkeit angesichts der ungerechten Verfolgung seiner Feinde.

So darf sich jeder Christ, der von der Welt auf irgendeine Weise verfolgt wird, ein Vorbild an David nehmen, da jeder Christ ebenfalls ein Gerechter ist und ungerechterweise verfolgt wird. Wir dürfen vor Gott kommen, über die Feindseligkeiten der Gottlosen klagen, sie verwünschen und nach Gerechtigkeit schreien. Ich denke tatsächlich, dass diese Praxis insgesamt den Gemeinden heutzutage sehr gut tun würde. Ein Blick in die Kirchengeschichte zeigt, dass zu früheren Zeiten in vielen Gemeinden Psalmen gesungen wurden, also auch solche, die das Schreien nach Gerechtigkeit beinhalten. Wir täten gut daran, uns ein Vorbild an den besten Liedern überhaupt, den Psalmen, zu nehmen und wieder beginnen, unser Liedgut nach ihnen auszurichten.

Zum Schluss: Ist es nicht eine tröstliche Botschaft, dass jeder einzelne, der einen Christen ausgelacht, verhöhnt, verspottet, verfolgt, gefoltert etc. hat und unseren kostbaren Erlöser mit Füßen getreten und gegen ihn rebelliert hat, einmal dafür seine gerechte Strafe bekommen wird? Und Gott wird uns, seinen Auserwählten, Recht schaffen (Lk 18,7); Er, der gerechte Richter wird das tun (1. Mo 18,25).