Andachten

Gefangen durch die Worte seines Mundes

Mein Sohn, wenn du Bürge geworden bist für deinen Nächsten, für einen anderen deine Hand eingeschlagen hast; bist du verstrickt durch die Worte deines Mundes, gefangen durch die Worte deines Mundes: Tu dann dies, mein Sohn, und reiß dich los, da du in die Hand deines Nächsten gekommen bist; geh hin, wirf dich nieder und bestürme deinen Nächsten; gestatte deinen Augen keinen Schlaf und keinen Schlummer deinen Wimpern; reiß dich los wie eine Gazelle aus der Hand, und wie ein Vogel aus der Hand des Vogelfängers. (Sprüche 6,1-5)

Die nächste und zehnte Lektion basiert auf dem Prinzip, das in Sprüche 5,22 vorgestellt wurde: “Seine [eigenen] Ungerechtigkeiten werden ihn, den Gottlosen, fangen, und in den Fesseln seiner Sünde wird er festgehalten werden.” Zuerst werden für dieses Prinzip drei Beispiele genannt. Das erste davon ist der heutige Textabschnitt, indem es um die Bürgschaft geht. Im alten Israel war das kommerzielle Recht noch sehr einfach und an die Thora gebunden. Leihen war nur in schlimmeren Notlagen üblich und hierbei durfte man von einem Mitisraeliten keinen Zins nehmen (3. Mo 25,36). Wenn als Pfand ein Kleidungsstück behalten wurde, musste man dieses bis Einbruch der Nacht zurückgeben, damit der Schuldner nicht die Nacht über friert. Es galten also sehr humane Bestimmungen für das Leihen. Bei der Bürgschaft übernahm ein Mann die Verantwortung für die Schulden des anderen. In dem Buch der Sprüche wird diese Praktik allerdings immer in ein schlechtes Licht gestellt. Dabei sollte vor allem verhindert werden, dass Menschen leichtfertig und verschwenderisch mit ihrem Besitz umgehen und in einen solchen Lebensstil auch noch andere mit rein ziehen.

Die Verse ermahnen dringlichst, ein solches Bürgschaftsverhältnis loszuwerden, wenn man sich eins aufgehalst hat. Man hat nämlich in so einer Situation keine Kontrolle mehr über sein Vermögen und ist verpflichtet für die Schulden des anderen aufzukommen, selbst wenn dieser sie einfach nur durch einen ausschweifenden Lebensstil aufgehäuft hat. Allgemein gesagt, ist die Aufforderung dieser Verse an den Schüler, sich nach Möglichkeit, wenn nötig mit aller Kraft, aus einer durch eigene Torheit selbst verschuldeten Situation zu befreien. Da wahrscheinlich die wenigsten von uns in der Gefahr stehen, ein voreiliges Bürgschaftsverhältnis einzugehen, möchte ich nur dieses Prinzip als Grundlage für die Anwendung nehmen. Andere selbstverschuldete Situationen, in denen man drin stecken kann, sind zum Beispiel eine durch einen Streit gestörte Beziehung zu einem Glaubensbruder bzw. einer Glaubensschwester. Diese können das gemeinsame Leben und Dienen in einer Gemeinde ungemein erschweren und verkomplizieren, sodass es dem Bau am Reich Gottes abträglich wird. In diesem Fall, gilt es, seinen Nächsten zu bestürmen, um aus dieser Situation zu entkommen, in der man auch gefangen sein kann, wenn sie sich festsetzt und nicht geklärt wird. In diesem Beispiel entsteht die Situation auch durch “die Worte deines Mundes”. Worte können viel bewirken und einen in Situationen bringen, aus denen man nur schwer wieder herauskommt. Natürlich ist die Versöhnung nach einem Streit und die Auflösung eines Bürgschaftsverhältnisses nicht dasselbe aber eine Sache haben sie gemeinsam: Man muss bereit sein, auch unangenehme Gespräche zu führen, um die Situation zu entschärfen.

Die Sprüche (24/100)