Andachten

Doch kein Happy End?

„Als das nun vollbracht war, traten die Obersten zu mir und sagten: Das Volk Israel und die Priester und die Leviten haben sich nicht von den Völkern der Länder – wegen deren Gräuel – abgesondert, nämlich von den Kanaanitern, […]. Denn sie haben von deren Töchtern für sich und für ihre Söhne Frauen genommen, und so hat sich der heilige Same mit den Völkern der Länder vermischt. Und die Hand der Obersten und der Vorsteher ist in dieser Untreue als Erste ausgestreckt gewesen. Als ich diese Sache hörte, zeriss ich mein Kleid und mein Obergewand und raufte mir Haare meines Kopfes und meines Bartes aus und saß betäubt da.“ (Esra 9,1-3)

Eigentlich hätte das achte Kapitel aus dem Buch Esra auch das Letzte sein können und wahrscheinlich hätte jeder Autor eines Buches nach dem achten Kapitel seine Geschichte in einem Happy End enden lassen. Das verschleppte Volk war zurückgekehrt, der Tempel fertig gebaut und Männer wie Esra lehrten das Volk die Gesetze Gottes zu halten. Endlich schien doch alles gut zu sein oder doch nicht? Wie so oft trügt auch hier der Schein des gehorsamen, Gottes Gebote haltenden Volkes. Das Volk hatte einen Befehl Gottes missachtet und sich darüber hinweggesetzt, den Gott seinem Volk schon gegeben hatte, als sie noch in der Wüste umherzogen. Sie sollten sich auf keinen Fall mit den fremden Völkern des Landes verschwägern (vgl. 5.Mo 7,1-3).

Wie reagiert nun Esra auf diese Nachricht, auf diesen Treuebruch des Volkes?
Vielleicht hätten wir eine Distanzierung von Esra gegenüber dem Volk erwartet, denn er selbst hatte ja in dieser Sache nicht gesündigt. Er kannte die Konsequenzen solchen Vergehens und hätte das Volk nun sich selbst überlassen können. Es wäre nach diesem schlimmen Rückfall des Volkes nachvollziehbar gewesen, hätte Esra aufgegeben und wäre er wieder nach Babel zurückgegangen. Doch Esra reagiert ganz anders.
Esra ist sehr bestürzt und tief getroffen, was ganz klar aus seiner Reaktion hervorgeht. Seine Kleider zu zerreißen und seine Haare auszuraufen wurde früher nur in Momenten tiefer Trauer von Menschen praktiziert. Hiob zum Beispiel zerriss auch seine Kleider und schor sein Haupt, als er die schlimmen Nachrichten von den Boten erhalten hatte. Was hätten wir an Stelle von Esra getan, wie hätten wir reagiert? Macht es uns überhaupt noch etwas aus, wenn wir Christen sündigen sehen? Sind wir noch darüber bestürzt, egal wie „groß oder klein“ diese Sünde ist?

Darüber hinausgehend können wir noch etwas anderes bemerkenswertes feststellen: Statt auf die Sünder im Volk herabzublicken betet Esra um Vergebung für die Sünde des Volkes und geht sogar soweit, diese Sünde zu seiner eigenen zu machen. Was für ein großes Vorbild Esra für uns in dieser Situation doch ist. Wie schnell sind wir doch dabei, wenn es darum geht, über die Sünden anderer zu urteilen und schlecht über sie zu reden oder zu denken. Doch warum sind wir so gut darin andere Christen, aufgrund ihrer Sünde, zu verurteilen, anstatt für sie zu beten? Kann es sein, dass es uns gar nichts ausmacht, wenn wir Geschwister im Glauben sündigen sehen? Warum ist das eigentlich so?
Wahrscheinlich sind wir deshalb nicht so sehr darüber bestürzt, weil wir so wenig über Gott und seine Heiligkeit wissen, denn sonst würden wir nicht zögern zu der Person hinzurennen, sie zu packen, ordentlich zu schütteln und sie zu fragen, ob sie verrückt geworden sei, so etwas zu tun (vgl. Neh 13,25). Bitten wir Gott, dass er uns mehr von seinem heiligen Wesen offenbart, dass er uns zeigt, wie sehr er die Sünde verabscheut, damit auch wir lernen die Sünde zu hassen!