Andachten

Ein Beispiel der Verführung

Mein Sohn, bewahre meine Worte, und birg bei dir meine Gebote; bewahre meine Gebote und lebe, und meine Belehrung wie deinen Augapfel. Binde sie um deine Finger, schreibe sie auf die Tafel deines Herzens. Sprich zur Weisheit: „Du bist meine Schwester!“, und nenne den Verstand deinen Verwandten, damit sie dich vor der fremden Frau bewahre, vor der Fremden, die ihre Worte glättet.

Denn am Fenster meines Hauses schaute ich durch mein Gitter hinaus; und ich sah unter den Einfältigen, bemerkte unter den Söhnen einen unverständigen Jüngling, der auf der Straße hin und her ging, neben ihrer Ecke, und den Weg zu ihrem Haus schritt, in der Dämmerung, am Abend des Tages, in der Mitte der Nacht und in der Dunkelheit. Und siehe, eine Frau kam ihm entgegen in Hurenkleidung und mit verstecktem Herzen. – Sie ist leidenschaftlich und unbändig, ihre Füße bleiben nicht in ihrem Haus; bald ist sie draußen, bald auf den Straßen, und neben jeder Ecke lauert sie. – Und sie ergriff ihn und küsste ihn, und mit unverschämtem Angesicht sprach sie zu ihm: Friedensopfer [oblagen] mir, heute habe ich meine Gelübde bezahlt; darum bin ich ausgegangen, dir entgegen, um dein Angesicht zu suchen, und ich habe dich gefunden. Mit Teppichen habe ich mein Bett bereitet, mit bunten Decken von ägyptischem Garn; ich habe mein Lager benetzt mit Myrrhe, Aloe und Zimt. Komm, wir wollen uns in Liebe berauschen bis zum Morgen, an Liebkosungen uns ergötzen. Denn der Mann ist nicht zu Hause, er ist auf eine weite Reise gegangen; er hat den Geldbeutel mit sich genommen, am Tag des Vollmonds wird er heimkehren. Sie verleitete ihn durch ihr vieles Zureden, riss ihn fort durch die Glätte ihrer Lippen.

Auf einmal ging er ihr nach, wie ein Ochse zur Schlachtbank geht und wie Fußfesseln zur Züchtigung des Narren [dienen], bis ein Pfeil seine Leber zerspaltet; wie ein Vogel zur Schlinge eilt und nicht weiß, dass es sein Leben gilt. Nun denn, ihr Söhne, hört auf mich, und horcht auf die Worte meines Mundes! Dein Herz wende sich nicht ab nach ihren Wegen, und verirre dich nicht auf ihre Pfade! Denn viele Erschlagene hat sie niedergestreckt, und zahlreich sind alle ihre Ermordeten. Ihr Haus sind Wege zum Scheol, die hinabführen zu den Kammern des Todes. (Sprüche 7,1-27)

Zu diesem verhältnismäßig langen Text, der sich dem Thema von den letzten Versen aus Kapitel 6 anschließt, möchte ich nicht mehr viel sagen. Es ist ein detailliert illustriertes Beispiel dafür, wie ein Mann durch seine Lust verführt und zum Ehebruch, zur Unzucht verleitet werden kann. Einige Details im Text sind ziemlich stark an das damalige kulturelle Umfeld gebunden, doch insgesamt lassen sich drei Grundprinzipien aus dem Text ableiten, die für jede Versuchung (unterschiedlicher aber besonders sexueller Art) zutreffen. Diese drei Prinzipien möchte ich nur kurz nennen und sie als Impuls für weiteres Nachsinnen dienen lassen:

  1. Suche Gottes Weisheit so innig und dringlich (durch das Beten zu Gott und das Lesen seines Wortes) wie möglich, da sie dich in der Versuchung sicher führen kann.
  2. Versuchung ist aktiv und erfordert aktive Reaktion. Es muss sich bei diesem Text nicht zwingend um eine reale Begebenheit handeln. Evtl. schreibt der Autor einfach von der “personifizierten Versuchung”. In jedem Fall ist sie aktiv darauf bedacht zu verführen. Weil die Versuchung aktiv ist, dürfen wir nicht passiv sein.
  3. Im Moment der Versuchung sind wir blind für die Konsequenzen. Sie sind im Fall von Ehebruch aber sehr verheerend.

Die Sprüche (29/100)