Andachten

Die Weisheit ruft

Ruft nicht die Weisheit, und lässt nicht die Einsicht ihre Stimme erschallen? Oben auf den Erhöhungen am Weg, da, wo Pfade zusammenstoßen, hat sie sich aufgestellt. Zur Seite der Tore, wo die Stadt sich öffnet, am Eingang der Pforten schreit sie: An euch, ihr Männer, ergeht mein Ruf, und meine Stimme an die Menschenkinder. Lernt Klugheit, ihr Einfältigen, und ihr Toren, lernt Verstand! Hört, denn Vortreffliches will ich reden, und das Auftun meiner Lippen soll Geradheit sein! (Sprüche 8,1-6)

Hier beginnt der Lehrer nun die nächste (dreizehnte) Lektion über die Weisheit. Nach einer kurzen Einleitung spricht die personifizierte Weisheit selbst über sich. A. F. Wells stellt einen interessanten Kontrast zu der vorigen Lektion her: “In deutlichem Kontrast zu der unredlich-zwielichtigen, verführerischen Art der Frau in der letzten Lektion diskutiert die Weisheit an öffentlichen Plätzen klar und würdevoll mit den Männern und versucht sie dazu zu bewegen, sie und ihre Schätz anzunehmen (V. 4-21).” Danach findet sich ein starker Bezug der Weisheit zur Schöpfung und darauf folgt der Aufruf der Weisheit, nicht von ihr abzulassen. Seit der frühen Kirchengeschichte wird die hier personifizierte Weisheit mit Jesus Christus selbst identifiziert. Es gibt dafür mehrere Hinweise. Die Weisheit sagt über sich selbst aus, dass durch sie die Schöpfung ins Dasein gerufen wurde. Im Kolosserbrief lesen wir, dass alles in Christus geschaffen wurde (Kol 1,16). Auch wird Christus im NT als die letzte Erfüllung der Weisheit betrachtet (siehe z.B. 1. Kor 1,24). Wir möchten dennoch bei der ursprünglichen Absicht des Textes bleiben und versuchen zu begreifen, wie er von den Zuhörern bzw. Lesern damals verstanden wurde.

Die ersten vier Verse dieses Kapitels umschreiben bildhaft die Tatsache, dass die Weisheit an öffentlichen Plätzen zu den Menschen redet. Sie ist zugänglich und kein verborgenes, spezielles Sonderwissen, das nur einige erwerben können. Selbst den Einfältigen, den Dummen, wird die Weisheit angeboten. Es ist eine dringliche Aufforderung, auf die Weisheit, Gottes Maßstab für das ganze Leben, zu hören, ihr Folge zu leisten. Im Gegensatz zu der verführerischen Frau, die im letzten Kapitel “gerufen” hat, führt dieser Ruf der Weisheit nicht zum Verderben der Seele, zu Problemen, Katastrophen, Traurigkeit, Enttäuschung, usw., sondern zu einem gelingenden, Gott wohlgefälligen Leben.

(Hierbei müssen wir natürlich bedenken, dass die Sprüche den Verlauf des Lebens in einer vereinfachten Form darstellen, einem logischen Tun-Ergehen-Zusammenhang. In gewissem Maße lassen sich diese Weisheitsprinzipien auch anwenden, allerdings ergeben sie nur dann wirklich Sinn, wenn wir auch die Inhalte der anderen Weisheitsbücher berücksichtigen: Der Prediger zeigt uns, dass viele Dinge scheinbar ohne Grund bzw. zufällig geschehen und dass der Gerechte nicht immer belohnt und der Gottlose nicht immer bestraft wird. Er beschreibt dabei einfach nur, was er “unter der Sonne” beobachtet. Heben wir aber den Blick über die Sonne und somit auf Gott und sein Handeln, so wie in Hiob, sehen wir, dass Gott souverän hinter allen Geschehnissen steht und manche Dinge aus so oder anders lenkt, aus Gründen, die dem Menschen oftmals nicht offenbart sind.)

Dennoch ist der Aufruf hier klar und deutlich zu vernehmen: Sucht nach wahrer, göttlicher Weisheit. Für uns als Christen im 21. Jahrhundert bedeutet das, Weltanschauungen, politische oder philosophische Strömungen und Denkmuster zu erkennen, zu prüfen und sie auf Basis von Gottes offenbartem Wort zu beurteilen und sie ggf. abzuweisen. Wird uns bspw. durch die Bildungseinrichtungen oder die Werbungsindustrie suggeriert, der individuelle Mensch sei der (z.B. moralische) Maßstab aller Dinge, oder es gebe keine absolute Wahrheit (Humanismus und Postmodernismus), dann müssen wir aufgrund der Erkenntnis der wahren Weisheit Gottes in der Lage sein, diese falschen weltanschaulichen Prinzipien zu widerlegen und bekennen, dass Gott allein der Maßstab aller Dinge ist und dass er auch wahre Wahrheit spricht und erklärt hat. Dasselbe gilt auch für Lebensstile, die oftmals die Folge gewisser Weltanschauungen sind. Wenn man z.B. naturalistisch denkt (also meint, dass nur die Materie, das Diesseitige, real ist), lebt man dementsprechend nur mit irdischen Zielen: Besitz, Reichtum, Spaß, usw. Aber auch hier haben wir als Christen, die dem Ruf der Weisheit gefolgt sind, einen anderen Blickwinkel: Wir leben unser Leben letztendlich nicht für uns oder die Dinge dieser Welt, sondern für Gott und seine Ehre, ein Ziel das ewig ist und nicht auf die Lebenszeit auf dieser Erde beschränkt.

Lasst uns beim Lesen von Gottes Wort immer auch dieses Ziel vor Augen behalten: Weisheit zu finden, um dieses Leben richtig zu denken und dementsprechend zu handeln, zu Gottes Ehre.

Die Sprüche (30/100)