Andachten

Gerecht sein – nur wenn es mir hilft?

Hältst du dies für Recht, nennst du das „meine Gerechtigkeit vor Gott“, wenn du fragst, was sie dir nützt: „Was hilft es mir, dass ich nicht sündige?“
Hiob 35,2.3

Das Buch Hiob hält zahllose Lektionen für uns bereit, gerade wenn es um das Thema des Leidens geht. Ganz nach dem Prinzip: „wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“, erwarten wir, dass nur Menschen in größerem Ausmaß leiden müssen, die dies auch menschlich gesehen verdient haben. Über dem Buch Hiob steht eine große Frage: Warum muss der Gerechte leiden?

Es erscheint so unfair: Menschen, die von allen wegen ihrer Gerechtigkeit und Integrität geschätzt und geehrt werden, müssen durch schwere Zeiten gehen. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass diese Gläubigen nichts davon haben, bisher in Gerechtigkeit mit Gott gelebt zu haben. Auch in Hiob kam dieser Gedanke auf und er scheint durch all seine Reden im Buch Hiob durch. In unseren heutigen Versen tadelt Elihu, der vierte Freund Hiobs, diesen Gedanken. Die Bibel warnt uns davor zu denken: Wenn ich nicht sündige, habe ich davon keinen Nutzen, ich muss ja doch leiden… Warum sollte ich dann noch den beschwerlichen Kampf gegen die Sünde führen?

Dies ist allerdings kein Gedanke, den die Bibel gutheißt. Leiden ist nicht zwingend Folge von Sünde und Gerechtigkeit vor Gott ist auch kein Garant um von Leiden verschont zu bleiben. Doch diese Fragen beschäftigte die Gläubigen aller Generationen: Warum müssen die Gerechten Gottes Leiden? Vorweg: Natürliche, d.h. nicht wiedergeborene Menschen werden sich vergeblich bemühen, dieses Geheimnis zu verstehen. Eine sehr gute Erklärung, wozu Gott seine Gerechten leiden lässt, liefert Alexander Carson in „The History of Providence“:

„Im Buch Hiob sehen wir, wie Gottes Vorsehung Leiden über einen seiner geehrtesten Knechte bringt, damit dessen Glaube erprobt, dessen Geduld geübt, dessen selbstgerechter Stolz gedemütigt und dessen Gottseligkeit größer werde; und wir sehen die Manifestation der göttlichen Macht, die ihn vor dem Fallen bewahrt. Hier lernen wir, dass Leiden zu weisen und guten Zwecken von Gott über Sein Volk gesandt und verhängt wird, dass Er sie nicht unter diesen Leiden belassen, und dass Er den Satan unter ihre Füße treten wird.“

Eine wirklich tiefgehende und mutmachende Zusammenfassung des Buches. Natürlich werden auch wir Christen in diesem Leben niemals vollständig das Geheimnis des Leidens verstehen. Dennoch dürfen wir Gottes Kraft und Gnade in Leiden erfahren und sollten darum der Versuchung nicht nachgeben und unsere Gerechtigkeit fahren lassen, wenn uns Leid trifft.

Jakobus urteilt folgendermaßen über das Buch Hiob:

Vom Ausharren Hiobs habt ihr gehört, und das Ende des Herrn habt ihr gesehen, dass der Herr voll innigen Mitgefühls und barmherzig ist.
Jakobus 5,11

Hiob harte durch Gottes Gnade aus und Gottes Gnade bewahrte ihn vor dem Fallen. Letztendlich führte Gott Hiob an ein wunderbares Ende. Die ganze Geschichte Hiobs lehrt uns, dass wir keine vorschnellen Verbindungen zwischen Gerechtigkeit (oder Ungerechtigkeit) und Leiden ziehen sollten. Aber uns als Gläubige und geliebte Kinder Gottes lehrt die Geschichte Hiobs zweierlei: Hoffnung im Leiden und Gewissheit der kommenden Herrlichkeit. Werfen wir unsere Hoffnung also nicht weg, wenn uns Leiden treffen, denn eines dürfen wir wissen: Gott gebraucht Leiden zu einem herrlichen Zweck, auch in unserem Leben.