Andachten

Für wen „fastest“ du?

Soll ich im fünften Monat weinen und mich enthalten, wie ich schon so viele Jahre getan habe? (Sacharja 7,3b)

Versetzt euch kurz in die Lage, in der sich die Leute befanden, die diesen Ausspruch tätigten: Wir sind wieder zurück aus der Gefangenschaft in Babylon und leben seit einigen Jahren wieder in Israel. Wir leben in einer Stadt namens „Bethel“ (Sach 7,2). Und nun senden wir einige Männer zu den Priestern, um ihnen folgende Frage zu stellen: „Hey, wir fasten nun schon recht lange, sollen wir denn weiterhin wie gewohnt fasten und weinen, oder wie sieht es aus? Können wir damit bald einmal aufhören?“

Es war nämlich so, dass die Juden im babylonischen Exil die Sitte angenommen hatten, zur Erinnerung an die Hauptereignisse bei der Einnahme Jerusalems an gewissen Tagen im 4., 5., 7. und 10. Monat zu fasten. Und nun erdreisten sie sich tatsächlich und fragen: Sollen wir noch weinen? Sollen wir uns noch bemühen, Emotionen aufzubringen für Gott? Hat Gott nun genug von unserem Fasten und Wehklagen? Ist Er zufrieden?

Und die Antwort vom HERRN lautet, wie folgt: „Wenn ihr im fünften und im siebten Monat gefastet und gewehklagt habt, und zwar schon siebzig Jahre, habt ihr irgendwie mir gefastet?“ (Sach 7,5). Mit anderen Worten: „Also, wenn ihr schon fragt, natürlich könnt ihr euer Wehklagen und eure Enthaltsamkeit von Essen sein lassen; das ist mir doch egal, ihr habt das über diese 70 Jahre doch sowieso nicht für mich getan. Meine Augen sehen an eurem Fasten nichts Wohlgefälliges.“

Die Juden dachten tatsächlich, dass sie Gott einen Gefallen tun könnten, einfach nur dadurch, dass sie fasten. Wie sehr sie sich getäuscht hatten, konnten sie kaum erahnen. 70 lange Jahre lang – Fasten für nichts und wieder nichts. Völlig unnötig haben sie sich selbst gequält und versucht, Emotionen aus sich herauszupressen, um Tränen über ihr Gesicht laufen lassen zu können. Sie dachten durch diese Äußerlichkeiten könnten sie Gott in irgendeiner Weise zufriedenstellen.

Was Gott jedoch von ihnen forderte, sagt er klar: „Übt wahrhaftiges Gericht und erweist Güte und Barmherzigkeit einer dem anderen (…) und sinnt keiner auf das Unglück seines Bruders in euren Herzen.“ (Sach 7,9-10). Gott hat prinzipiell nichts gegen Fasten. Doch wenn nachher die Frage derer, die fasten, ist, ob sie nun genug getan haben, ob sie endlich damit aufhören können, dann läuft da in ihrer Einstellung etwas gewaltig schief. Wenn ihr Fasten nicht zur Auswirkung hat, dass sie anderen Mitmenschen gegenüber freundlich sind, ihnen Gutes tun und niemandem etwas Schlechtes wünschen, dann können sie es gerade so gut auch sein lassen.

 

Hand aufs Herz: Wie oft (!) denken wir, dass wir mit unserer Bibellese Gott etwas Gutes tun? Wie häufig denken wir, dass Gott mit uns ganz schön zufrieden sein muss, weil wir so regelmäßig unsere Gemeinden besuchen? Ist es nicht so oft so, dass wir wenn wir mal wieder 20 Minuten am Stück gebetet haben, denken wie toll wir das doch gemacht haben? Wir sind keinen Deut besser als die Israeliten von damals. Und die Israeliten von damals sind kein Stück besser als ihre Vorfahren, die exakt das gleiche Problem ein paar Jahrhunderte vorher hatten (Sach 7,7). Wir sind in unserem Wesen so verdorben, dass wir tatsächlich denken, dass wir viel leisten, wenn wir brav unseren geistlichen Aktivitäten nachgehen. Und nochmal: Diese Aktivitäten sind nichts Verkehrtes, nein, sie sind sogar essentiell! Doch wenn sie zur Auswirkung haben, dass wir irgendwann fragen: Gott, habe ich genug gebetet? Kann ich jetzt meine Bibel beiseite legen, bist du zufrieden? Und wenn sie nicht zur Folge haben, dass wir unsere Nächsten lieben, uns für andere aufopfern, an anderen Gnade und Barmherzigkeit erweisen, der Person, die wir eigentlich nicht ausstehen könnten, trotzdem mal ein nettes Wort sagen etc. dann können wir theoretisch die Sachen genauso gut sein lassen!

Nochmal: Hör jetzt bitte nicht auf, deine Bibel zu lesen oder zu beten. Aber lass dich von Gott nochmals gründlich auf deine Einstellungen prüfen. Wir verfehlen uns darin vielfach. Lassen wir uns von Gott da immer wieder zurechtrücken. Wenn Gott dich nächstes mal persönlich fragen würde: „Liest du gerade die Bibel aus Liebe zu mir?“, was wird deine Antwort sein?