Essays

Was passiert mit Menschen, die keine sündigen Taten vollbringen konnten, weil sie als Baby gestorben sind?

 Inhaltsverzeichnis

1       Einleitung

2       Die drei vorherrschenden protestantischen Ansichten

2.1        Alle Kinder, die im Säuglingsalter sterben, werden gerettet

2.2        Die Kinder gläubiger Eltern sind gerettet

2.3        Wir können es schlicht nicht wissen

3       Auseinandersetzung mit den drei Ansichten

3.1        Alle Kinder werden gerettet

3.2        Nur die Kinder gläubiger Eltern werden gerettet

3.3        Wir können es nicht wissen.

4       Fazit

 

1 Einleitung

Beinahe jedem Christen wird irgendwann einmal in seinem Leben die Frage begegnen: „Was passiert eigentlich mit Babys, wenn sie sterben? Kommen sie in den Himmel oder in die Hölle? Gibt es da einen Unterschied zwischen den Kindern von ungläubigen und denen von gläubigen Eltern?“. Sicherlich ist das eine Frage, auf die es keine leichte Antwort gibt. Dazu kommt die ernüchternde Tatsache, dass in den vergangenen zwei Jahrtausenden kein wirklicher Konsens betreffs dieser Frage vorhanden war. Dennoch möchte ich in dieser Ausarbeitung versuchen, dieser Frage nachzugehen. Ich werde die drei vorherrschenden protestantischen Meinungen aufzeigen und diese anschließend bewerten. Der Meinung der Römisch Katholischen Kirche, alle nichtgetauften Kinder seien nicht errettet, während die getauften (wahrscheinlich) alle gerettet werden[1], kann ich in dieser Ausarbeitung leider keinen Platz einräumen, zumal diese Sicht von den allermeisten protestantischen Theologen verworfen wird.

2 Die drei vorherrschenden protestantischen Ansichten

Auf Grund zweier biblischer Beispiele, vertritt beinahe niemand, dass alle Babys in die Hölle kommen. Von Johannes dem Täufer wird berichtet, dass er schon von Mutterleib an mit dem Heiligen Geist erfüllt war. Daraus lässt sich schließen, dass er schon wiedergeboren war, bevor er überhaupt die normale, physische Geburt erlebte.[2] Das zweite Beispiel ist das Kind von David, welches ihm von Bathseba geboren wurde. David sagt nach dem Tod dieses Kindes: „Ich werde wohl zu ihm gehen, es wird aber nicht wieder zu mir zurückkehren.“ (2. Sam 12,23). Hier ist von einer fröhlichen, persönlichen Wiedervereinigung die Rede, was die Formulierung Davids nahelegt, denn David sagt nicht: „Ich werde dorthin gehen…“, sondern „Ich werde wohl zu ihm gehen…“. Die folgenden Positionen gehen folglich davon aus, dass mindestens einige Babys gerettet werden und nicht alle verlorengehen. Ferner gehen alle Position von der Annahme aus, dass Babys nur auf der Grundlage von Christi Erlösungswerk und durch die Wiedergeburt durch den Heiligen Geist gerettet werden können – was für einen souveränen Gott ja nicht unmöglich ist.

2.1 Alle Kinder, die im Säuglingsalter sterben, werden gerettet

Da es nun so ist, dass Gott Menschen im Säuglingsalter erwählen und retten kann, veranlasst das einige Menschen zu der Annahme, dass jegliches Baby, das im Säuglingsalter stirbt, gerettet wird. Dies ist die vorherrschende Meinung unter Protestanten.[3] Zu den Vertretern dieser Position gehören A.H. Strong[4], John Piper[5], Thomas Schreiner[6], R.C. Sproul, John MacArthur, B.B. Warfield und Charles Spurgeon[7]. Diese Position erkennt zwar an, dass selbst Babys die sündige Natur Adams ererbt haben, jedoch erweise Gott Kindern im Säuglingsalter eine spezielle Gnade. Gemäß dieser Sicht ist die sündige Natur des Babys kein hinreichender Grund für Gott, weshalb er sie verdammen sollte, denn die Errettung geschieht aus reiner Gnade, die Verurteilung jedoch gemäß den Werken.[8] John Piper erklärt, nachdem er die Wichtigkeit der Erbsünde betont hat: Wenn eine Person nicht die natürliche Fähigkeit dazu hat, die Offenbarung von Gott, seinem Willen oder seiner Herrlichkeit zu sehen, so bleibt die Sünde dieser Person nicht bestehen.[9] Schreiner verweist auf Röm1,18ff.[10] Dort ist die Rede davon, dass jeder die göttliche Offenbarung verwirft und deswegen schuldig ist (Röm 1,21). Das trifft allerdings nicht auf Babys zu. Sie verstehen die Offenbarung Gottes und seines Willens durch die Natur gar nicht. Sie können dafür nicht zur Verantwortung gezogen werden. Gott ist ihnen folglich gnädig.[11] In anderen Worten ausgedrückt: Beim endgültigen Gericht, wird das persönliche Verhalten eines Menschen ausschlaggebend für seine Verurteilung sein (Mt 25,45.46; Röm 2,5.6).[12] Dieses Verhalten konnten die Babys, selbst wenn sie Sünder sind, noch gar nicht zum Ausdruck bringen und ausleben, weswegen man schlussfolgern kann, dass sie freigesprochen werden.

2.2 Die Kinder gläubiger Eltern sind gerettet

Diese Ansicht taucht bei vielen reformierten Theologen auf, speziell bei denen, die die Bundestheologie stark betonen.[13] Sie weisen darauf hin, dass Gott, als er seinen Bund mit Abraham schloss, diesen auch auf seine Kinder ausweitete. Und weil sie glauben, dass Gott heute nach wie vor durch Bündnisse mit den Menschen in Verbindung tritt, so sind auch heute noch die Kinder gläubiger Eltern in einer speziellen Bundesbeziehung mit Gott (Gen 17,7; Apg 2,39).[14] Mit Ungläubigen ist Gott allerdings nicht in dieser rettenden Bundesbeziehung, weshalb ihre Kinder kein Recht auf irgendwelche Verheißungen der Errettung haben.[15]

2.3 Wir können es nicht wissen

Diese Sicht möchte es vermeiden, unbiblischen Spekulationen anheimzufallen und erklärt, dass die Schrift schlichtweg darüber schweigt, wie viele Kleinkinder am Schluss gerettet werden. Um es mit Grudems Worten auszudrücken: „Wo die Heilige Schrift schweigt, da ist es unweise, wenn wir definitive Aussagen treffen“.[16] Weitere Vertreter dieser Ansicht sind Herman Bavinck und Cornelius Venema.[17]

3 Auseinandersetzung mit den drei Ansichten

3.1 Alle Kinder werden gerettet

Diese Sicht kann nicht zufriedenstellend mit der Lehre der Erbsünde in Einklang gebracht werden. Die Lehre der Schrift betreffs der Erbsünde ist klar: Jeder Mensch wird in Sünde geboren (Ps 51,7); „Die Gottlosen sind abtrünnig von Mutterleib an, die Lügner gehen auf dem Irrweg von Geburt an“ (Ps 58,4). Jeder Mensch, der ein Nachkomme Adams ist, ist auf Grund von Adams Sünde verflucht und Adams Schuld wird jedem Menschen angerechnet (Röm 5,12-19).[18] Adam hat durch seine sündige Tat die gesamte Menschheit repräsentiert.[19] Ferner ist jeder Mensch von Natur aus ein Kind des Zorns (Eph 2,3). Challies weist darauf hin, dass Jesus wegen dieser „Erbsünde“ von Gott geboren sein musste, denn nur so konnte er frei von der Erbsünde sein.[20] Jedes Kind wird also zurecht von Gott verurteilt, wenn es stirbt, ganz gleich ob es seine sündige Natur ausleben konnte oder nicht.

3.2 Nur die Kinder gläubiger Eltern werden gerettet

Hier fehlt schlicht der Schriftbeweis dafür, um diese Position aufrechzuerhalten. Gewiss, das Kind von David wurde gerettet und David war selbstverständlich in einer Bundesbeziehung mit Gott. Jedoch gibt es keine klare Stelle, die belegt, dass nur die Kinder gläubiger Eltern gerettet werden. Selbst wenn die Bundestheologie richtig sein sollte – was sicher ein großes Thema für sich ist – ist noch nicht gesichert, dass alle Kinder gläubiger Eltern, die im Säuglingsalter sterben, tatsächlich gerettet werden.

3.3 Wir können es nicht wissen

Das Problem dieser Sicht ist, dass es einen, der wirklich eine Antwort auf die Frage haben möchte, was denn mit Babys passiert, die sterben, schlichtweg nicht zufriedenstellt. Vor allem als Pastor wird man sicher von vielen Erwachsenen aber auch Jugendlichen mit dieser Frage konfrontiert werden. Dann keine Antwort parat zu haben ist nicht gerade zufriedenstellend.

4 Fazit

Bis ins letzte Detail kann leider keine Sichtweisen wirklich zufriedenstellen. Die erste Sicht vermag es nicht zu erklären, wie ihre Position mit der Lehre der Erbsünde harmoniert werden kann. Die zweite Sicht muss sich leider letztlich auf Spekulationen verlassen. Das lässt uns eigentlich bei der dritten Sichtweise – wenngleich auch sie nicht zufriedenstellend ist – und zwar, dass wir schlicht und einfach nicht wissen können, was mit jedem einzelnen Kind passiert, das im Säuglingsalter stirbt. Wir wissen, dass es kein Problem für Gott ist, einem Säugling neues Leben und Glauben an Christus zu schenken. Wir wissen aber nicht, bei wem Gott letztendlich dieses souveräne Handeln vollzieht. Was wir allerdings wissen, ist dass Gott definitiv gerecht handelt. Er macht keinen Fehler, denn „Sollte der Richter der ganzen Erde nicht gerecht richten?“ (Gen 18,25).

 

Literaturverzeichnis

Challies, Tim. 2004. „What Happens To Children When They Die? (Part 2)“. Tim Challies (blog). 27. September 2004. https://www.challies.com/articles/what-happens-to-children-when-they-die-part-2/.

———. 2012. „What Happens to Children Who Die?“ Tim Challies (blog). 12. März 2012. https://www.challies.com/resources/what-happens-to-children-who-die/.

Grudem, Wayne. 2013. Biblische Dogmatik: eine Einführung in die systematische Theologie. Dt. Ausg. Theologisches Lehr- und Studienmaterial des Martin Bucer Seminars 29. Hamburg: Arche-Medien, Verl. des Gemeinde und Missionswerkes Arche.

Perman, Matt. 2006. „What Happens to Infants Who Die?“ Desiring God (blog). 23. Januar 2006. https://www.desiringgod.org/articles/what-happens-to-infants-who-die.

Phillips, Rick. 2002. „What Happens to Infants Who Die?“ Tenth Presbyterian Church. 14. Juli 2002. https://www.tenth.org/resource-library/articles/what-happens-to-infants-who-die.

Piper, John. 2008. „Why Do You Believe That Infants Who Die Go to Heaven?“ Desiring God. 30. Januar 2008. https://www.desiringgod.org/interviews/why-do-you-believe-that-infants-who-die-go-to-heaven.

Schreiner, Thomas. 2017. „What Happens to Babies When They Die? – YouTube“. YouTube. 5. Oktober 2017. https://www.youtube.com/watch?v=KaiGy-EJKsE.

Strong, Augustus Hopkins. 2009. Systematic theology: a compendium designed for the use of theological students. 1st ed., Updated 2009 with a new foreword. Valley Forge, PA: Judson Press.

 

 

 

[1] (Challies 2012)

[2] (Grudem 2013, 552)

[3] (Challies 2012)

[4] (Strong 2009, 660–64)

[5] (Perman 2006)

[6] (Schreiner 2017)

[7] (Challies 2012)

[8] Ebd.

[9] (Piper 2008)

[10] (Schreiner 2017)

[11] Ebd.

[12] (Strong 2009, 662)

[13] (Challies 2012)

[14] (Phillips 2002)

[15] Ebd.

[16] (Grudem 2013, 552)

[17] (Challies 2012)

[18] (Phillips 2002)

[19] (Challies 2004)

[20] Ebd.