Andachten

Christliche Gemeinde im Dialog mit der Gegenwartskultur

Ihr seid das Salz der Erde; wenn aber das Salz kraftlos geworden ist, womit soll es gesalzen werden? Es taugt zu nichts mehr, als hinausgeworfen und von den Menschen zertreten zu werden. Ihr seid das Licht der Welt; eine Stadt, die oben auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen sein. (Mit 5,13.14)

In seiner Zusammenfassung des Beitrags von Timothy Keller (*1950) zum Leben einer christlichen Gegenkultur stellt Hanniel Strebel vier theologische Metamodelle vor – vier Positionen, die Christen heutzutage gegenüber der säkularen Kultur einnehmen.

Der Wandel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Keller ist überzeugt, dass hinter vielen theologischen Streitigkeiten die Fragen steckt, wie sich Christen zur Kultur verhalten sollten. Während die Generation meines Großvaters und meines Vaters, geboren zwischen 1920 und 1950, noch auf eine Umgebung mit christlichem Vorwissen abstützen konnte, leben wir heute in einem kulturellen Kontext, in der die Botschaft des Evangeliums zunehmend unverständlicher wird. Es ist nötig, zuerst über Existenz und Wesen Gottes sowie der Bibel und eine christliche Sicht auf Welt und Leben zu sprechen. Das heißt, es drängt sich uns im frühen 21. Jahrhundert automatisch die Frage auf, in welcher Art wir unsere Beziehung zur umgebenden Kultur gestalten sollten.

Ganz anders sind unsere Väter und Großväter geprägt. „Kultur war schlicht kein Thema. Die Beschäftigung damit galt als Ablenkung vom Eigentlichen.“ Es wurde seinerzeit dazu aufgefordert, „möglichst zahlreich in den vollzeitlichen Dienst zu gehen, um die Welt zu evangelisieren“. Dies trifft auch für die pietistisch geprägte Gemeindelandschaft des deutschsprachigen Raumes zu. Die Vernachlässigung der Reflexion über den Umgang mit der umgebenden Kultur hatte zur Folge, dass Gemeindeglieder anfingen, „unkritisch die Werte ihrer Kultur zu übernehmen“. So passten sich Christen trotz gegenteiliger Absichten und heiliger Beteuerungen an die Kultur an. In den USA entstanden zeitgleich zwei unterschiedliche Reaktionen: Die Religiöse Rechte versuchte, „die Kultur offensiv zu verändern, während die sucherorientierte Bewegung die Christen“ dazu aufrief, kulturrelevant zu sein. Auf diese beiden Bewegungen der 70er- und 80er-Jahre folgte die Generation der „Emerging Church“, welche sowohl die kulturelle Gleichgültigkeit des Pietismus, den Triumphalismus der Religiösen Rechten wie auch den Mangel gedanklicher Tiefe der sucherorientierten Gemeinde ablehnten.

Vier theologische Modelle

Keller unterscheidet zwischen vier Modellen als Reaktion auf die kulturelle Krise der Evangelikalen:

Transformationsmodell

Nach diesem Selbstverständnis sollten die Christen in jedem Lebensbereich „ausdrücklich als Christen denken und handeln, denn alles kulturelle Handeln setzt (zumindest implizit) ein System religiöser Überzeugungen voraus.“ Wenn sie sich ihrer christlichen Überzeugungen bewusst sind, „werden sie alles prägen, was ich im Leben tue. Mein Beitrag in der Kultur wird die Gesellschaft in eine bestimmte Richtung bewegen und ich werde damit die Kultur verändern.“ Das Erlösungswerk Christi wird sowohl auf das individuelle Seelenheil wie auch auf die Erneuerung der materiellen Welt bezogen.

Relevanzmodell

Christsein wird in diesem Denkrahmen als grundsätzlich kompatibel mit der umgebenden Kultur betrachtet. „Seine Vertreter glauben, dass Gott auch in solchen kulturellen Bewegungen erlösend wirkt, die gar nichts ausdrücklich mit dem christlichen Glauben zu tun haben.“ Die Ethik der Kultur wird mit der Ethik des Evangeliums „synthetisiert“, anstatt die Ethik der Kultur durch das Evangelium zu transformieren. „Die Welt gibt der Gemeinde ihre Agenda vor.“

Modell der Gegenkultur

Vertreter dieser Richtung „sagen geradeheraus, dass keine dauerhafte Verbesserung der Gesellschaft zu erwarten ist, und hegen wenig Hoffnung, dass die Kultur entsprechend christlicher Werte transformiert werden könnte.“ „Das Beste, was die Gemeinde für die Welt tun kann, ist, ihr das Reich Christi zu zeigen – und zwar am ehesten durch Gerechtigkeit und Frieden innerhalb ihrer Gemeinschaft.“ „Gemeinde ‚fördert‘ weder das Reich Gottes noch ‚baut‘ oder ‚bringt‘ sie es, sondern ist ein Zeichen für das künftige Reich.“

Zwei-Reiche-Lehre

Nach diesem Modell existiert ein doppelter Rahmen für Gottes Herrschaft. Auf der einen Seite gibt es das ‚weltliche Reich‘, das durch den Bund mit Noah in 1. Mose 9 errichtet worden ist. Neben diesem weltlichen gibt es das ‚geistliche Reich‘, das durch den Bund mit Abraham in 1. Mose 12 begründet wurde. Christen sollten nicht versuchen, ihre Tätigkeit auf eine besonders christliche Art und Weise zu gestalten. Der säkulare, neutrale Staat ist „von Gott gewollt – aber gerade nicht als der Verordner religiöser Werte“.

Evaluation: Verbindung der Modelle

Keller schlägt eine übergeordnete Evaluation vor. Diese ist von zwei Grundfragen geleitet: „Sollen wir die Möglichkeit zur Veränderung der Kultur eher pessimistisch oder optimistisch sehen? … Ist die gegenwärtige Kultur an sich gut und offen für Erlösung oder grundlegend gefallen?“ Hier spielt wiederum das Metanarrativ der biblischen Heilsgeschichte von Schöpfung, Sündenfall und Erlösung eine entscheidende Rolle. „Während uns … die Lehre von der Schöpfung die Güte der Arbeit und der sogenannten säkularen Berufe vor Augen führt und uns eine Vision für den Aufbau von Kultur vermittelt, bewahrt uns die Lehre vom Sündenfall vor utopischem Größenwahn.“ Die erlösende Gnade „schafft Denken und Sprechen, Kunst und Wissenschaft, Theater und Literatur, Wirtschaft und Finanzen nicht ab, sondern erneuert und ersetzt, was verloren gegangen ist.“

Das Reich Gottes, ein Schlüsselbegriff für unser Thema, umfasst a) hauptsächlich „die verfasste Gemeinde, deren Hauptaufgabe darin liegt, durch Wort und Sakrament Menschen zu gewinnen und in ein Leben als Jünger Jesu einzuführen“ und b) das Leben von Christen in der Gesellschaft zur Ehre Gottes. Keller sieht unser Verhalten „unter gleichzeitiger und ständiger Kontrolle“ durch die ganze Bibel. Das bedeutet, sich des eigenen Standortes und deren Schwächen bewusst zu werden.

Zuerst soll aus den vier Modellen die Mitte gesucht werden: Der Christ nimmt Abschied von Egoismus und Selbstgerechtigkeit und dient in seiner Umgebung. Er denkt lebt in allen Lebensbereichen auf eine spezifisch christliche Weise. Er sieht die Gemeinde als besten Platz für die Entwicklung einer christlichen Weltsicht und das Wirken in der Welt. Ebenso legt er Wert auf sichtbare Qualitätsarbeit in seinem Beruf.

Dabei ist zu bedenken, in welcher „Jahreszeit“ sich die Gemeinde seines Landes und seiner Zeit befindet: Im Winter einer schwer angefochtenen und geistlich schwachen Gemeinde; im Frühling einer verfolgten und wachsenden Gemeinde; im Sommer einer hoch angesehenen Kirche oder im Herbst einer Kultur, welche die Relevanz des Glaubens zunehmend in Frage stellt.

Der Einzelne bleibt sich bewusst, dass er aufgrund seiner Biografie und seiner Gaben ein bestimmtes Modell bevorzugt. (In meinem eigenen ist dies die kindliche Prägung durch das Modell der Gegenkultur sowie die bewusste Wahl eines gemäßigt transformatorischen Ansatzes neocalvinistischer Prägung.) Überreaktionen aufgrund von eigenem Erleben führen je nach Lebensphase zu bestimmten Reaktionen und Übertreibungen (bei mir in den jungen Erwachsenenjahren die Übernahme einer moderaten Form des Relevanzmodells). Es ist zudem zwischen Grundposition (Haltung) und der bewussten Übernahme von Elementen anderer Modelle (Gesten) zu differenzieren. (Meine eigene Grundposition ist wie gesagt die moderat-transformatorische, wobei ich jedoch vor allem Elemente des Modells der Gegenkultur, aber auch des Relevanzmodells integriere.)