Andachten

Die Geschichte der Liebe (Exkurs)

Bei meiner letzten Andacht Die Geschichte der Liebe (4/6) ging es um die Frage, wen Gott eigentlich liebt. Ich denke, dass die Bibel recht eindeutig lehrt, dass Gott eine spezielle Liebe zu seinen Kindern hat. Gott liebt nicht – wie es man es heute eigentlich überall hört – alle Menschen ausnahmslos gleich. Gott liebt zunächst einmal seinen Sohn Christus auf ganz besondere Weise und demnach auch alle, die in ihm sind. In Christus ist der Gläubige ein Sohn Gottes (Gal 3,26), was ihn zu einem ganz besonderen Objekt der Liebe Gottes macht.

Jetzt ist die Frage, die sich förmlich aufdrängt: „Aber was machst du mit Johannes 3,16?“ Man argumentiert: „Lies den Vers doch einmal durch, dort steht es schwarz auf weiß: Gott liebt die ganze Welt!“ Diese Frage lässt sich gewiss nicht so einfach als unberechtigt abtun und ich denke, es ist nötig zu diesem Vers einen kleinen Exkurs zu machen. Und die Frage soll heute morgen lauten: Was bedeutet es denn, wenn Gott die ganze Welt liebt? Was meint überhaupt Welt?

Es gibt mindestens drei gängige Auslegungen zu diesem Vers. Lasst sie mich kurz vorstellen: Zunächst gehen wahrscheinlich die allermeisten Menschen davon aus, dass hier schlicht alle Menschen, ohne jegliche Ausnahme gemeint sind. Und diese Sicht hat durchaus ihre Berechtigung, denn so versteht man diesen Begriff Welt nun mal, nicht wahr? Und daraus leitet man dann gewöhnlich folgendes ab: Gott liebt jede einzelne Person; Christus starb für jede einzelne Person; daher ist die Errettung für jeden einzelnen Menschen möglich.

Allerdings muss sich jeder, der diese Sicht vertritt auch bewusst sein, was das dann für Konsequenzen hat: Gottes Liebe wäre hernach machtlos und Christi Tod wäre unwirksam. Stellt euch das einmal vor: Gott liebt zwar alle Menschen gleich und Christus starb für alle Menschen ohne Ausnahme, aber nicht alle werden gerettet – und das ist von der Schrift her klar, dass es nämlich ein Gericht für die Gottlosen geben wird (Joh 3,17-21 im unmittelbaren Kontext). Die einzige Möglichkeit, dass dieser Fall eintreten könnte ist, wenn Gottes Liebe nicht mächtig und Christi Tod nicht wirksam wäre. Denn dann würde die Liebe Gottes vom menschlichen Willen, von seiner Antwort abhängen. Doch können wir wirklich sagen, dass ein allmächtiger Gott nicht auch allmächtig lieben kann und ein Opfer darstellen, dass auch wirklich wirksam ist?

Die zweite Auslegung besagt, dass hier die Erwählten Gottes mit dem Begriff Welt gemeint sind. Wir sahen ja schon in den vorigen Andachten und lesen sogar speziell im Johannesevangelium davon, dass Gott manche Menschen bevorzugt und in ganz besonderer Weise liebt. Schauen wir uns z.B. Joh 6,37 an: „Alles, was mir der Vater gibt, wird zu mir kommen“, sagt Jesus. Oder: „Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und bin den Meinen bekannt (…) ich lasse mein Leben für die Schafe (Joh 10,14-15). „Ich bitte für sie; nicht für die Welt bitte ich, sondern für die, welche du mir gegeben hast, weil sie dein sind.“ (Joh 17,9). Und so weiter. Auch wenn es richtig ist, dass Gott die Seinen in seiner Liebe bevorzugt, so denke ich, trifft es die Bedeutung von Johannes 3,16 nicht wirklich.

Ich denke, der Begriff Welt will mehr über das Wesen der Liebe Gottes aussagen, als über die exakten Empfänger dieser Liebe. Wir wissen, dass Gott jeden einzelnen Menschen in gewissem Maße liebt. Denn er ist gegenüber allen Menschen so gütig, indem er ihnen Sonne, Wasser und Nahrung gibt (Mt 5,45; Apg 14,17). Das hätte er niemals tun müssen. Ebenso haben wir auch schon genug gesehen, dass Gott aber auch eine spezielle Liebe zu seinem Volk hat. Was genau möchte nun Johannes 3,16 sagen?

Bei dem Begriff Welt geht es nicht so sehr um die Reichweite der Liebe Gottes, sondern um eine Intensität. Es geht darum, dass der Begriff Welt für die sündebeladene und gefallene Menschheit steht, die dermaßen unwürdig für die rettende Liebe Gottes ist. Niemand hat es verdient, gerettet zu werden, NIEMAND! Wirklich niemand, kann sich bei Gott beschweren, er hätte ihm irgendwie seine Gnade vorenthalten, denn niemand hat irgendetwas Gutes von Gott verdient. Diese Welt steht vielmehr unter dem Verdammungsurteil Gottes – und das zurecht! Aber – O und was für ein wundervolles Aber ist das doch – in Christus können Gläubige Gottes überraschende, rettende und niemals endende Liebe erfahren. In Johannes 3,16 geht es nicht um die Großartigkeit der Welt, sondern um die Großartigkeit von Gott und von seiner Liebe. Gott hat diese – sünden- und fluchbeladene Welt, die nur gegen Gott rebelliert – geliebt. Es war diese Welt, die nichts von Gottes Güte verdient hätte, die Gott geliebt hat. Es war diese großartige Liebe Gottes, die jeder, der glaubt, erfahren darf.

Preist diesen wunderbar liebenden Gott!