Andachten

Joseph – der widerwärtigste Vers

Dann setzten sie sich, um zu essen.  (1. Mo 37,25)

Ich möchte heute von der angefangenen Reihe abweichen und den aus meiner Sicht widerwärtigsten, abscheulichsten, gefühlslosesten Vers aus der ganzen Joseph Begebenheit betrachten. Vielleicht fragst du dich, ob ich oben den falschen Vers zitiert habe, denn an diesem Vers ist doch absolut nichts verwerfliches. In diesem Vers geht es doch nur darum, dass die Brüder von Joseph sich zusammen setzten, um zu essen.Was ist denn daran so schlimm? Nun, wenn man diesen Vers isoliert betrachtet, mögen die Einwände stimmen, aber lasst uns noch die zwei vorhergehenden Verse lesen.

Und es geschah, als Joseph zu seinen Brüdern kam, da zogen sie Joseph seinen Leibrock aus, den bunten Leibrock, den er anhatte. Und sie nahmen ihn und warfen ihn in die Zisterne; die Zisterne aber war leer, es war kein Wasser darin. (1. Mo 37,23.24)

Hier lesen wir, dass Joseph gerade von seinen Brüdern nackt in die Zisterne geworfen wurde. Also in eine Art tiefes Loch, welches sich mitten unter der prallen Hitze der Wüste befindet, wo es keinen Schatten darin gibt. Kein Wasser, keine Nahrung, keine Chance auf ein entkommen, lediglich ein Loch und knallende Sonne.

Vielleicht verstehst du jetzt eher, warum der oben genannte Vers so abartig ist, aber lasst und noch einen weiteren Vers lesen, der diesen oben zitierten Vers noch widerlicher macht.

Da sagten sie einer zum anderen: Fürwahr, wir sind schuldbeladen wegen unseres Bruders, dessen Seelenangst wir sahen, als er uns um Gnade anflehte, wir aber nicht hörten. Darum ist diese Not über uns gekommen. (1. Mo 42,21)

Dieser Vers beschreibt ein Ereignis, welches ca. 20 Jahre später entstand. Hier erinnern sich die Brüder Josephs, während sie vor Joseph als mittlerweile zweithöchstem Mann Ägyptens stehen, was sie ihrem Bruder angetan hatten. Sie erinnern sich, wie Joseph um Gnade gefleht hatte, während sie ihn in diese Zisterne geworfen hatten. Sie erinnern sich, dass Joseph Todesangst hatte und sie ihn dennoch kaltblütig weg warfen.

Kommen wir nun wieder zurück zu unserem Eingangsvers. Die Brüder setzten sich nach all dem einfach hin und aßen zusammen, als wäre nichts geschehen! Als wäre es das normalste auf der Welt, seinen kleinen Bruder zu nehmen, ihn nackt auszuziehen, ihn in ein tiefes Loch zu schmeißen, wo er keine Chance hat, alleine zu überleben. Zudem, während sie dies vollzogen, flehte Joseph sie an, dass sie ihn doch verschonen sollten, aber sie hörten nicht auf ihn.

Ist dieses Verhalten nicht absolut widerlich? Jetzt können wir natürlich sagen, so extrem wie die Brüder Josephs sind wir nicht. Wir würden nie mit unserem Bruder so verfahren. Ja, das mag sein, aber ich denke, dass wir oftmals ein gleiches Verhalten an den Tag legen, vielleicht nicht mal unbedingt immer gegen unsere Brüder/Schwestern, sondern gegen Gott. Denn wie oft sündigen wir bewusst und es ist uns total egal und wir machen ganz normal weiter und setzen uns auch zum Essen, als wäre nichts passiert, obwohl wir wissen, dass wir gerade gegen Gott gesündigt haben, denn Sünde richtet sich in erster Linie immer direkt gegen Gott (Ps 51,6). 

Ich denke das Verhalten der Brüder kann uns Heute neu dazu bewegen, uns nochmals ganz neu Gedanken zu machen, wo wir leichtfertig über Sünde in unserem Leben hinwegschauen und sie gar in unserem Leben tolerieren.