Andachten

Randfiguren der Bibel – Barsillai (14/20)

Barsillai war aber sehr alt, ein Mann von achtzig Jahren. Er war es, der den König versorgt hatte, als der sich in Mahanajim aufgehalten hatte, denn er war ein sehr reicher Mann. […] Wozu sollte dein Knecht meinem Herrn, dem König, noch zur Last fallen?
(2. Sam 19,33.36b)

David war auf der Flucht vor seinem Sohn Absalom, welcher eine Gruppe Männer anführte, um gewaltsam den Thron zu erklimmen (2. Sam 15). Auf der Flucht in der Wildnis wurden David und seine treuen Gefolgsleute von drei Männern mit Vorräten aller Art unterstützt (2. Sam 17,27-29), sodass sie gestärkt und siegreich in die Schlacht gegen Absalom ziehen konnten (2. Sam 18,7-15).
Auf der Rückkehr der erfolgreichen Schlacht zog ihm nun Barsillai entgegen, um ihm ein stückweit Geleit zu geben.
David gedachte in diesem Zug nun aus voller Dankbarkeit der Loyalität -denn gegen Absalom zu stehen war lebensgefährlich!- sich zu revanchieren und Barsillai, einen der Versorger seiner Truppe, zu beschenken. Doch womit solle dieses geschehen? Geld hätte Barsillai nicht nötig gehabt, denn er war sehr reich und zudem auch betagt, sodass  ihm noch mehr Reichtum nichts weiter nützen würde.
David gedachte somit ihn zu ehren und ihn an seinen Hof zu holen (2. Sam 19,15.34).

Doch Barsillai gibt eine äußerst interessante Antwort:
Wie viel sind noch die Tage meiner Lebensjahre, dass ich mit dem König nach Jerusalem hinaufziehen sollte? Achtzig Jahre bin ich heute alt. Kann ich da noch zwischen Gutem und Bösem unterscheiden? Oder kann dein Knecht schmecken, was ich esse und was ich trinke? Oder kann ich noch auf die Stimme der Sänger und der Sängerinnen hören? Lass doch deinen Knecht zurückkehren, dass ich in meiner Stadt sterbe, beim Grab meines Vaters und meiner Mutter. (2. Sam 19,36.38a)

Barsillai kannte seine Grenzen! Er wusste, dass er David nichts mehr bringen kann in seinem hohen Alter! Er war sich seines Limits bewusst, er erkannte schlichtweg, dass sein Nutzen begrenzt und der Wirksamkeit seinerseits bereits genüge getan war! Er schätzte seine Möglichkeiten realistisch ein und ließ sich nicht von dem Wunsch nach Ansehen und Ehre blenden. Ganz anders als der ehrgeizige Absalom war Barsillai weise und blieb nüchtern, gemäß Sprüche 11,2: Kommt Übermut, kommt auch Schande, doch bei den Bescheidenen ist Weisheit.

Und wie reagierte David auf solche Besonnenheit? Er anerkannte diese Tugend! Er ging wohlwollend und verständnisvoll darauf ein, küsste und segnete Barsillai – und entließ ihn dann. (2. Sam 19,40)

Barsillai wusste, dass er an seine Grenzen, in diesem Fall altersbedingt, gekommen ist. Er empfahl seinen Sohn Kimham (2. Sam 19,37), der fähiger und dienstbarer für David am Hofe sein würde.

Man stelle sich mal vor: Wie fatal würden Gemeinden aussehen, wenn die Leiter ihren Zenit überschritten haben – aber nicht abdanken können! Oder: Musiker dienen in der Gemeinde – aber beherrschen im betagten Alter ihr Instrument nicht mehr! Oder: Verkündiger sind jahrzehntelang dienstbar, doch nun lassen Kraft und Vermögen nach – aber kein Einsehen ist in Sicht! Fatal! Unverantwortlich wäre solches.

Die Randfigur Barsillai verdeutlicht, wie wichtig doch eine gesunde Ausgeglichenheit ist. Einerseits sollten wir ein Dienstvorrecht nicht deshalb ablehnen oder gar nicht erst danach trachten, weil wir ein lockeres Leben führen möchten oder uns für gänzlich unfähig halten, Verantwortung zu übernehmen.
Andererseits müssen wir aber auch unsere Grenzen kennen!

Hast du womöglich eine Menge an Aufgaben und Diensten anvertraut bekommen? Dann sei dir bewusst, dass du biblische Anforderungen, wie z. B. für deine Familie zu sorgen, wahrscheinlich vernachlässigen müsstest, wenn du weitere Aufgaben übernehmen würdest. Oder es geschieht, dass bereits bestehende Dienste durch noch mehr Arbeit nicht mehr in dem Umfang und der Tragweite wirksam sein werden, kämen noch weitere hinzu!

Barsillai gibt uns ein nachahmenswertes Exampel dafür, worüber wir nachdenken sollten. Er war loyal und großzügig, aber auch mutig und edel – aber vorallem bescheiden. Doch das Wichtigste über alledem war: Er stellte die Interessen Gottes und des Königs seinen eigenen Wünschen und Möglichkeiten voran!

Lasst uns erkennen, in welchen Bereichen wir mit unserer Begabung und Fähigkeit dienstbar sind und da getrost verzichten, wo Gott auch andere uns überlegene Diener ausgestattet hat. Möge der Herr Weisheit zum Handeln – aber auch zum Verzicht geben!