Andachten

Dürfen Christen andere richten? – Teil 2

„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn mit welchem Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden. Was aber siehst du den Splitter, der in deines Bruders Auge ist, den Balken aber in deinem Auge nimmst du nicht war? Oder wie wirst du zu deinem Bruder sagen: Erlaube, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen; und siehe, der Balken ist in deinem Auge? Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge! Und dann wirst du klar sehen, um den Splitter aus deines Bruders Auge zu ziehen.“ (Matthäus 7,1-5)

Letzte Woche sahen wir, dass Gott seine Kinder erzieht, indem er sie auch unter anderem straft, wenn sie andere richten. Doch steht noch immer die Frage im Raum, ob wir als Christen überhaupt richten dürfen. Ich glaube, dass Jesus durch das anschauliche Bild vom Balken und Splitter im Auge zweier Personen deutlich macht, dass es eine falsche aber auch eine richtige Art des Richtens bzw. Zurechtweisens oder Beurteilens gibt.

In den Versen drei und vier beschreibt Jesus, wie das falsche Richten aussieht. Eine Person, die das macht, wird von Jesus mit einem Menschen verglichen, der einen Holzbalken im Auge hat und sich trotzdem anmaßt, einen Splitter aus dem Auge von jemand anderen zu ziehen. Was für ein widersinniges Bild das abgeben würde. Jedem von uns würde die Sinnlosigkeit dieses Versuches sofort klar werden, weil kein Mensch mit einem Balken im Auge klar sehen kann, geschweige denn im Stande ist, um einen winzigen Splitter aus einem anderen Auge zu entfernen. Doch genau so handeln wir oft. Jesus spricht in diesem Beispiel von Christen, solchen Menschen, denen er neues Leben geschenkt hat und die es eigentlich besser wissen müssten.

Warum ist es also oft so, dass wir den riesigen Balken in unserem Auge nicht wahrnehmen, den winzigen Splitter aber schon? Welche Sünde ist im Stande uns so blind für unseren eigenen Zustand zu machen?
Ich könnte mir gut vorstellen, dass Jesus hier die Selbstgerechtigkeit von uns anspricht. Diese Sünde hat die fatale Eigenschaft, uns immer gleichgültiger gegenüber den Zurechtweisungen aus Gottes Wort werden zu lassen und gleichzeitig das Empfinden für Sünden anderer Christen zu verstärken. Wahrscheinlich freut sich diese Person, wenn sie Fehler im Leben von anderen sieht und fungiert sofort als Richter, in der falschen Annahme dem Nächsten einen seelsorgerlichen Dienst zu tun. Jesus bezeichnet solche Menschen als Heuchler! Und dieses harte Urteil hat auch seinen Grund, wenn wir uns vorstellen, welchen Schaden ein Mensch anrichten kann, wenn er mit dem Balken in seinem Auge herumläuft und versucht ein Augenarzt für andere zu sein.

Welchen Weg zeigt uns Gott stattdessen auf? Wie sieht ein gottgewolltes, ein richtiges Beurteilen aus?
Zu aller erst muss der Balken aus deinem Augen verschwinden! Ein gutes Mittel gegen diese Selbstgerechtigkeit ist der Umgang mit Gottes Wort. Je mehr wir uns der Sichtweise Gottes über unser eigenes Leben im Klaren sind, desto weniger werden wir von uns und unserer vermeintlichen Gerechtigkeit halten. Wenn wir Gott bitten, dass er uns unsere Sünden offenbart und uns zeigt, wie wir wirklich sind, dann werden wir auch den letzten Rest dieses großen Balken aus unserem Auge gezogen bekommen.
Jesus macht eindeutig klar, dass nur ein, von Gott gedemütigter Christ in der Lage sein wird, andere in der richtigen Art und Weise zu richten, weil er niemals von oben herab über seine geistlichen Geschwister urteilen wird. Er wird vielmehr von unten her ihnen begegnen und sie aufzurichten versuchen. Und genau das sagt der Vers fünf aus, auf den die anderen Verse hingearbeitet haben, denn das Fazit lautet nicht, dass wir niemanden richten sollen, weil jeder von uns genug Sünden hat, um die er sich kümmern soll, sondern, dass wir nach der Behandlung von Jesus in der Lage sein werden auch anderen eine Hilfe zu sein, wieder klar zu sehen. Auch ein Splitter im Auge ist nicht zu unterschätzen, denn er kann im schlimmsten Fall zur Erblindung führen und deshalb will Jesus, dass wir uns gegenseitig helfen und auf Sünden in unserem Leben aufmerksam machen. Doch sollten wir dabei immer unsere eigene Schwachheit im Auge behalten und mit einer Herzenshaltung an die betroffene Person herantreten, die helfen und heilen will.