Andachten

Zu Gott klagen

„Bis wann, HERR? Willst du mich vergessen für immer? Bis wann willst du dein Angesicht vor mir verbergen?“ (Ps 13,2)

Oftmals kommt uns das Leben als Christen wie eine verrückte Achterbahnfahrt vor. Wir haben Angst abzustürzen und zu fallen, haben Höhen und Tiefen, wir haben glückliche und traurige Momente und sehen einem Ende der Fahrt, unseres Lebens, entgegen. Ein Ende ist in Sicht, die Ewigkeit bei unserem Gott und Vater.
Wenn wir uns das Leben vom Schreiber des Psalm 13, David, anschauen, können wir genau diese Achterbahnfahrt sehen. Der junge Schafhirte besiegt Goliath, rettet sein Volk, kommt an den Hof des Königs, wird berühmt und beliebt. Dann wird er verfolgt, vom König gehasst und verstoßen. Er muss sich vor einem fremden König verrückt stellen und ist am Boden der Tatsachen angekommen. Doch das ist nicht das Ende der Fahrt. David wird zum König gemacht, regiert in Jerusalem und hat alles, was er braucht. Das Volk liebt ihn, er besiegt Völker und holt die Bundeslade zurück nach Jerusalem. Auf der anderen Seite begeht er Ehebruch, Mord und mehrere seiner Kinder sterben. Er erlebt erneute Verfolgung, diesmal durch seinen eigenen Sohn, Absalom. Wenn wir uns Davids Leben anschauen, sehen wir schnell: Das war eine sehr verrückte Achterbahnfahrt.

In einer seiner verzweifelten Stunden schreibt David den Psalm 13. Er leitet ihn mit einer erschütternden Frage ein: Wie lange noch, Herr, willst du mich vergessen? Wie lange verbirgst du dein Angesicht vor mir? Sowas darf man doch nicht fragen! Gott ist doch immer da, er vergisst uns doch nicht auf einmal! Wusste David das nicht?
Ich bin überzeugt, dass David sich Gottes Allgegenwart und seiner Allwissenheit bewusst war (s. Ps 139). Er wusste genau, wie groß und herrlich Gott ist, wie gnädig er auch in Davids Leben schon gewirkt hatte. Und dennoch klagt er in diesem Psalm Gott an. Was David hier macht ist keine theologische Ausarbeitung zur allumfassenden Gegenwart Gottes, keine Predigt über seine Allwissenheit. Er trägt nicht alle Fakten zusammen, um seinen Hörern zu zeigen, dass Gott immer da ist und er einem immer zuhört. Was David macht ist echt. David schüttet sein Herz vor Gott aus. Er ist ehrlich, authentisch, echt. Anstatt seine Gefühle in sich hineinzufressen und ein Lächeln aufzusetzen, sagt er Gott die Wahrheit. „Gott, ich habe das Gefühl, dass du mich vergessen hast! Wie lange noch soll ich das ertragen? Warum vergisst du mich, Gott?“

Wenn wir ein bisschen ehrlicher wären, würden wir in unseren traurigen Momenten ähnliche Zeilen formulieren. Als Christen lächeln wir, reden das Leben oft einfacher als es ist und lassen uns nicht beeindrucken von Schwierigkeiten, denn „der HERR hat es so geführt“. David reagiert auf seine Schwierigkeiten viel geistlicher, als es unsere christliche Gemeindekultur oft tut. Er ist ehrlich vor Gott, sagt ihm, was er nicht versteht. Psalm 13 ist einer von mehreren Klagepsalmen, in denen David Gott anklagt und ihm zeigt, dass er ihn nicht versteht. Ich wünschte mir, so ehrlich, geistlich und weise zu sein vor Gott. Ihm kein Dauerlächeln vorzuspielen, wenn es in meinem Herzen so ganz anders aussieht. Das Leben als Christen ist eine Achterbahnfahrt. Auch wenn wir so tun, als würde es dauernd bergauf gehen, sehen wir bei so vielen Personen der Bibel doch, dass dies nicht der Fall ist. Wir dürfen klagen, dürfen Gott unsere Angst und unser Unverständnis hinlegen. Wie befreiend ist es doch zu wissen, dass Gott unsere Klage aushält. Nicht nur das, er formuliert die Klage Davids durch seinen Heiligen Geist ja sogar selbst! Gott kennt uns, vor ihm brauchen wir nichts verstecken, weil es ja eh nicht funktioniert. Lasst uns echt und ehrlich sein vor Gott, auch in den Ängsten und Tiefen unserer Achterbahnfahrt.

Wenn es dir ähnlich geht wie David, lies dir mal den Psalm 13 durch. Komme vor Gott und klage ihm dein Leid. Bete diesen wunderbaren, Gott ehrenden Psalm und stimme in die Klage eines David ein.