Andachten

Gott hat es satt!

Wozu soll mir die Menge eurer Schlachtopfer?, spricht der HERR: Ich habe die Brandopfer von Widdern und das Fett der Mastkälber satt… (Jesaja 1,11)

Was für eine Vorstellung wäre es, wenn ein Prediger im Gottesdienst aufstehen und Folgendes von sich geben würde: „Liebe Gemeinde, ich fasse es nicht, was hier los ist. Ihr sitzt da in euren Bänken, singt die gemeinsamen Lieder mit, geht auf die Knie oder steht auf, wenn das Gebet dran ist, hört die Predigt, habt Gemeinschaft im und nach dem Gottesdienst und spendet vielleicht gar ab und an. Wisst ihr was? Gott findet das widerlich, was ihr da macht! Ihr mögt es vielleicht nicht glauben, aber Gott hält sich unzählige Male, wenn ihr hier zusammenkommt, die Augen zu. Wie sollte auch irgendwas, das ihr mit verschmutzten Händen fabriziert und mit euren dämlichen Mäulern sprecht oder singt, dem heiligen Gott je gefallen? Abschaum seid ihr und sonst nichts. Hat Gott euch diese Dinge, die ihr tut, je geboten? Er hasst es, wenn ihr hier in diesem Zentrum der Boshaftigkeit und Gottlosigkeit Woche für Woche und sogar noch unter der Woche zusammenkommt und das tut, was ihr Gottesdienst nennt etc.“

Ei, runter mit solch einem Prediger! Seine Sprüche kann er sich sparen. Was ein arroganter und maßlos übertreibender Choleriker! Sicher macht es ihm Spaß, so über die von Gott geliebte Gemeinde herzuziehen. Ist das nicht eine angemessene Reaktion auf derartige Worte?

Nun, diese Reaktion gab es sicherlich von den Israeliten, zu denen ähnliche Worte vor ca. 2700 Jahren durch den Propheten Jesaja geredet wurden. Ich habe diese Worte entweder wörtlich aus Jes 1,1-17 zitiert oder etwas abgewandelt und dabei nicht übertrieben. Also diese Situation, dass ein Prediger aufstand und eben diese Worte an seine Hörer richteten, gab es in der Tat. Und jener, der diese Worte aussprach, wurde von Gott höchstpersönlich dazu beauftragt!

Was war das Problem der Israeliten? Was machten sie falsch? War es denn wider die Gebote Gottes, als sie Brand- und Schlachtopfer darbrachten? Waren sie rebellisch, als sie die Feiertage für heilig erachteten, von denen Gott gesagt hat, sie sollen es tun? Begingen sie ketzerische Taten, als sie ihre Hände in Richtung des Höchsten erhoben und ihre Gebete sprachen? Sicher waren diese Dinge einerseits alle gut und gottgewollt. Schließlich hat er das geboten. Doch auf der anderen Seite waren diese Dinge so grundfalsch wie sie nur sein können. Wie das? All diese „anbetenden“ Handlungen sind, gekoppelt mit Ungehorsam, Selbstsucht, einem bösen Herzen, Geiz, fehlender Liebe und Hilfsbereitschaft, einem ungerechten Lebensstil usw. einfach nur zum Weinen! Gott hat sie satt!

So stellt sich uns die Frage: Was sagen wir dazu, wenn mal ein Prediger den Mumm wie ein Jesaja hat und Worte wie diese an uns richtet? Wenn er unsere Laxheit geißelt; unsere fehlende Heiligung an den Pranger stellt; uns unsere Sünden vor Augen malt, dass es uns die Schamröte ins Gesicht und uns sogar zu heißer Wut treibt? Hat er womöglich recht?

Beim Volk Israel waren diese Anschuldigungen sehr angemessen. Ist es nicht denkbar, dass Gott über unser persönliches Leben und unsere Gemeinde dasselbe vernichtende Urteil spricht?

Ich möchte es zunächst bei diesen Gedanken belassen. Nicht nur reicht der Umfang dieser Andacht nicht, um auf den Lösungsweg einzugehen, ich denke auch, dass es sehr gut tut, wenn wir uns tatsächlich einmal wieder in unserer eigenen Schande sehen und uns diese Erkenntnis ins inbrünstige Gebet zu dem gnädigen Herrn treibt, der allein uns persönlich aber auch unsere Gemeinden heiligen und reinigen kann.