Andachten

Ermahnung mit Augenmaß

„Einen älteren Mann fahre nicht hart an, sondern ermahne ihn als einen Vater, jüngere als Brüder; ältere Frauen als Mütter, jüngere als Schwestern in aller Keuschheit!“ (1.Timotheus 5,1.2)

Für den Auftrag, den Paulus dem Timotheus für die Gemeinde in Ephesus aufgetragen hatte, war es wichtig, dass Timotheus einerseits mutig die Dinge ansprach, die in der Gemeinde falsch liefen. Er durfte nicht davor zurückschrecken die Wahrheit zu sagen und gegebenenfalls auch hart durchzugreifen, wenn es um die Verkündigung des Evangeliums ging. Anderseits ist es aber auch wichtig, dass man einen richtigen Umgang mit den Gemeindemitgliedern pflegt, wenn man eine Position wie Timotheus inne hat. Da Paulus wusste, wie schwer Menschen Korrektur und Zurechtweisung annehmen, selbst dann, wenn die Sünde in ihrem Leben offensichtlich ist, zeigt er dem Timotheus, in welcher Art und Weise er andere ermahnen soll.

Das Wort ermahnen kann auch mit „bitten, ermuntern, in jemanden dringen, trösten und zureden“ übersetzt werden. Es meint eigentlich „jemanden an die Seite rufen“ und steht für die Praxis der Seelsorge. Wenn man diese Umschreibungen sieht, dann wird klar, dass mit ermahnen nicht nur ein „Vor den Kopf stoßen“ gemeint ist, Hauptsache man hat dem anderen die Wahrheit gesagt, sondern dass man behutsam mit dem Gegenüber umzugehen hat. Und weil es unterschiedliche Personen in einer Gemeinde gibt, sollte Timotheus und sollten auch wir den älteren und jüngeren Männern und Frauen in einer besonderen Art und Weise gegenübertreten, wenn wir sie ermahnen.

Bereits im Alten Testament hatte Gott dem Volk durch Mose geboten, dass die Alten im Volk von den Jüngeren in besonderer Weise geehrt werden sollen (vgl. 3.Mose 19,32), unabhängig von ihrer Bildung oder ihrem Ansehen in der Gesellschaft. Du hast ein abgeschlossenes Studium, warst auf einer Bibelschule und schon mehrere Male die Bibel und dazugehörige Bibelkommentare gelesen? Dann gilt für dich das gleiche, wie für jeden anderen Jugendlichen: ehre die Alten! In welchem Maße du dieser Aufforderung nachkommst, wird in der Art und Weise sichtbar werden, wie du ältere Personen in der Gemeinde auf Sünde in ihrem Leben aufmerksam machst. Nahst du dich der Person mit einer demütigen Haltung und ist es dir fast schon unangenehm sie auf ihren Fehltritt hinzuweisen, doch du tust es trotzdem, weil du diese Person liebst oder hast du nur darauf gewartet sie oder ihn zu belehren? Ich habe selber gemerkt, wie schnell ich in meinem Kopf ältere Christen verurteile, weil sie nicht die gleiche Theologie haben oder in der einen oder anderen Frage des praktischen Lebens als Christ eine andere Meinung vertreten, als ich. Und damit sage ich nicht, dass man ältere Menschen nicht auf Dinge aufmerksam machen darf, denn genau das spricht Paulus hier ja an, doch sollten wir Jüngere darauf achten, wie wir ältere Menschen ermahnen.

Doch nicht nur bei älteren Menschen sollte man auf den richtigen Umgangston achten, sondern auch bei jüngeren. Timotheus, der direkte Anweisungen von dem großen Apostel Paulus erhielt und ein treuer Mitarbeiter von ihm war, sollte trotzdem jüngere Personen wie Brüder und Schwestern behandeln. Er sollte ihnen nicht von oben herab begegnen, wie es in gewisser Weise bei Söhnen oder Töchtern der Fall ist, sondern auf Augenhöhe mit ihnen reden. Ich bin der festen Überzeugung, dass sowohl ältere als auch jüngere Personen in der Gemeinde Ermahnung und Zurechtweisung viel eher annehmen können, wenn man diesen Aufforderungen des Paulus folgt. Bitten wir Gott um ein demütiges und gleichzeitig mutiges Herz, damit wir auf andere Christen zugehen können, bei denen wir Sünde im Leben erkannt haben, damit sie von ihren falschen Wegen umkehren.