Andachten

Der Psalmist wohnt nicht in der Schweiz

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher wird meine Hilfe kommen?
Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.
(Psalm 121,1-2)

Ich wohne derzeit aufgrund meines Studiums in der Schweiz. Wenn ich „meine Augen aufhebe“, dann sehe ich, so wie der Psalmist, Berge. Ich sehe schneebedeckte Berge, wie Aiger, Mönch und Jungfrau, aber auch Berge, welche durch ihre schönen grünen Wiesen und Auen Staunen in mir wecken.

Die meisten Menschen denken genau an ein solches Bild, wenn sie den Psalm 121 lesen. „Ich hebe meine Augen auf“ zu mächtigen, schneebedeckten, wunderschönen Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Natürlich von dem HERRN, der diese Pracht geschaffen hat.

Da gibt es nur ein Problem. Der Psalmist wohnte nicht in der Schweiz. Er sah nicht die Berge, die ich sehe und erzählt auch nicht von einem Wandererlebnis, bei dem er über die tollen Berge staunte. Der Psalmist spricht über andere Berge und über eine andere Situation, als wir oft meinen. Lies dir am besten mal den ganzen Psalm durch, bevor wir beobachten wollen, was der Psalmist überhaupt mit diesem Psalm aussagen möchte.

Die Überschrift des Psalms setzt bereits wichtige Weichen für unser Verständnis des Psalms. Es ist ein Wallfahrtslied. Wallfahrtslieder wurden dann gesungen, wenn die Juden ihre alljährliche Pilgerreise zum Tempel antraten. Wir stellen uns also den Psalmisten vor, wie er seine Pilgerreise nach Jerusalem antritt. Er geht aus dem Haus raus und was sieht er? Berge. Aber nicht Berge, die von Schnee oder saftigen Auen bedeckt sind, sondern karge, wüste, unfruchtbare Berge. Das ist die Realität des Psalmisten. Er schaut nicht mit bewundernden Augen, sondern vielmehr mit bangenden Augen auf die Berge. Wie wird die Wanderung? Wird meine Nahrung ausreichen? Wird mein Wasser ausreichen? Werde ich genügend Kraft haben? Ein weiteres großes Problem waren auch die Bösen und Räuber, die gerade in solch verlassenen Gegenden auflauerten und die Pilger angriffen und beraubten. Wir merken: Die Pilgerreise macht dem Psalmisten zu schaffen. Und er fragt sich schlussendlich: Woher wird mir Hilfe kommen? Denn er ist sich bewusst, dass er Hilfe nötig haben wird. Hilfe kommt nicht von seinem Nachbarn, von seiner Familie, von Soldaten oder sonstigen Personen. Die Hilfe, die er wahrhaftig braucht findet er allein in dem HERRN, der Himmel und Erde geschaffen hat. Er wird ihn durchtragen und bewahren. Es wird erkennbar: Der Psalmist ist sich seiner Schwachheit bewusst und anerkennt, dass er Hilfe benötigt. Er begreift, dass er diese Hilfe nur bei dem HERRN finden kann.

Wir, die wir Kinder Gottes sind, erleben solche Situationen auch immer wieder in unserem Leben. Wir fragen uns: Wie soll ich das überstehen oder meistern? Oftmals suchen wir unsere Hilfe zuerst nicht bei dem HERRN, der Himmel und Erde geschaffen hat, sondern bei Geschöpfen dieses HERRN. Dabei sagt uns Gottes Wort doch zu, dass wir in Christus allen Segen erhalten haben und dass er für uns sorgen wird, dass er uns Freude durch seinen Geist gibt (auch, wenn Segen, Fürsorge und Freude zu Beginn meist nicht als solche erkennen). Wahre Hilfe kommt von dem HERRN, der Himmel und Erde geschaffen hat. Wenn er nämlich der Schöpfer von allem ist, ist dann nicht er auch der Schöpfer der Hilfe, die du benötigst?