Andachten

Eigenschaften Gottes (4/8): Gottes Unendlichkeit

Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. (Psalm 90,2)

Die Unendlichkeit Gottes scheint unfassbar für uns Menschen zu sein. Wie kann etwas ohne Ende und ohne Anfang sein? Die Unendlichkeit Gottes führt zur Unbegreiflichkeit beim Menschen.

Der reformierte Pfarrer und Theologieprofessor Gisbertus Voetius schreibt zur Unbegreiflichkeit der Unendlichkeit Gottes folgendes: „Gott ist weder in lokaler, noch in kausaler Hinsicht eingeschlossen oder umgriffen und kann in kognitiver Hinsicht nicht begriffen werden, ob auf sensitive, imaginative oder verstandesmässige Weise.“[1]

Die Unendlichkeit Gottes zeigt sich also nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich.  Somit lässt sich diese Eigenschaft in zwei Aspekte aufteilen:

– Gottes Ubiquität (Allgegenwart)

– Gottes Ewigkeit

In Gottes Ubiquität eröffnen sich gleich einige Problemfelder. Wie ist Gottes Allgegenwart zu verstehen? Ist Gott mit seinem Wesen überall oder ist sein Wirken und Macht allgegenwärtig? Wenn man sich Gott körperlich allgegenwärtig vorstellt, dann müsste Er auch in unwürdigen und bösen Teilen der Schöpfung anwesend sein. Dies könnte so weitergeführt werden, dass Gott auch alles Böse durch sein Wesen bewirkt, da Er ja auch in bösen Handlungen wesentlich gegenwärtig wäre. Doch so wie Jesus Christus ganz Mensch und ganz Gott war, so kann Gott auch als Wesen in allem sein und trotzdem nicht das Böse verursachen. In der Allgegenwart Gottes ist also sein Wesen als auch seine Macht zu verstehen, ohne jede Widersprüchlichkeit.

Ein weiteres Problem der Allgegenwart ist die Frage nach dem „Aufenthaltsort“ Gottes vor der Erschaffung der Welt. In der Scholastik wird dieses „irgendwo“ als einen imaginären Raum präzisiert. In dieser Frage spielt wieder die Aseität (Aus-sich-Sein) Gottes eine tragende Rolle. Gott existiert unabhängig vom allem Geschaffenen und Endlichen. Das Handeln Gottes ist weder physisch noch metaphysisch der Zeit unterstellt, da Er von Ewigkeit her herrscht. Trotzdem lebt Gott in einer wahren Beziehung zu uns Menschen.

Dadurch spielt das „wo“ schlussendlich eine unwesentliche Rolle. Hierzu schreibt Voetius verschiedene Argumente, warum Gottes wesentliche Gegenwart sich in einem imaginären Raum befinden soll:

  1. Gottes unendliche Existenz kann nicht einmal der Himmel und aller Himmel Himmel fassen. „Denn sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?“ (1. Könige 8,27)
  2. Wäre Gott auf nicht imaginären Raum (sprich diese Welt) begrenzt, so wäre Er nicht unendlich.
  3. Wenn Gott nicht in imaginären Räumen wäre, so müsste er örtlicher Bewegung unterworfen sein.

Ein spannenden Schlussgedanken zur Unendlichkeit und der Zeit: Gott hat die Welt (Raum) als auch die Zeit erschaffen. Darum „gab es kein „Damals“ (vor Erschaffung der Welt), wo es keine Zeit gab.“[2]


[1] „Ex infinitate, sequitur incomprehensibilitas; sive per continentiam et comprehensionem quamcunque, sive localem, sive causalem, sive cognitivam; eamque aut sensitivam, aut imaginativam aut intellectivam.“ (Selectae disputationes theologicae V, 63)

[2] „[…]ideo non esse quaerendum, quid tunc faciebat: quia non erat tunc, ubi non erat tempus.“ (Selectae disputationes theologicae V, 575)