Andachten

Außen hui, innen pfui (2/2)

„Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit entfernt von mir.“ (Matthäus 15,8)

Erinnerst du dich noch an den Müllberg Hummelsbüttel? Wenn nicht, kannst du den ersten Teil dieser Andachten hier nachlesen. Es ging um einen Hügel, der aus einer alten Mülldeponie entstanden ist und jetzt als Erholungsort im Norden Hamburgs dient. Ich möchte diese Andacht mit einem weiteren Beispiel beginnen:

In mehreren Gewässern gibt es den sogenannten „Anglerfisch“. Er ist in der Lage, seiner Beute eine Falle zu stellen: Er benutzt eine Antenne, um diese wie einen Wurm kurz über dem Meeresboden hin- und her zu winden. Kleinere Fische kommen dann, um diesen Wurm zu fressen, werden dann aber vom im Sand eingegrabenen Anglerfisch verspeist. Der so harmlos aussehende Wurm wird zum tödlichen Feind. Anstatt sich frei zu entfalten, wartet der Anglerfisch versteckt im Sand. Er gibt sich als ein falsches Objekt aus, anstatt seine wahre Identität preiszugeben. Bezeichnenderweise ist sein wohl bekannterer Name „Seeteufel“.

In dem Bibelvers aus Matthäus 15 geht es Jesus darum, den Pharisäern ihr eigenes Verhalten vor Augen zu führen. Sie haben menschlichen Geboten mehr Achtung gegeben als Gottes Geboten. Sie haben den Gottesdienst, der der wahren Anbetung des dreieinigen Gottes dienen sollte, in ein Schauspiel verwandelt. Ihre Heuchelei war Jesus ein Dorn im Auge und so bezeichnet er die geistliche Elite der damaligen Zeit als Heuchler! Wir haben gesehen, dass auch unsere Gottesdienste leicht der Heuchelei und der Tradition verfallen können. Aber nicht nur das, Jesus will wahrscheinlich noch mehr mit dieser Aussage bezwecken.

Jesus deckt in seinen Gesprächen mit den Pharisäern immer wieder ihre Heuchelei auf. Ob er das Gleichnis von Schriftgelehrtem und Sünder im Tempel erzählt oder die Ehebrecherin vor dem heuchlerischen Richten der Pharisäer schützt – er erkennt die Falschheit seiner Mitmenschen. Der Anglerfisch benutzt seine Antenne, um etwas vorzuspielen, das er nicht ist. Kann es sein, dass sich die Pharisäer früher auch so verhielten? Sie benutzten fromme Sprüche, geistliche Auslegung und gute Traditionen, um den Menschen etwas zu zeigen: Wir (die Pharisäer) sind vor Gott gut, ihr (die restliche Bevölkerung) seid es nicht. Wir können euch zeigen, wie man gut leben kann. Und mit diesen Vorstellungen hielten sie das Volk in einem armen Zustand der Selbstrechtfertigung, anstatt ihnen die wahren Gebote Gottes zu geben.

„Ja, die bösen Pharisäer! Wie konnten sie nur so heuchlerisch sein!?“, denkst du jetzt vielleicht und verbirgst deine Augen vor einem öffnenden Blick in dein dunkles Herz. Ich glaube, dass wir mindestens genau so schlecht und heuchlerisch unterwegs sind wie die Menschen zur Zeit Jesu. Nicht nur als Gemeinde(n), auch jeder für sich persönlich. Wir richten unsere Mitmenschen. Wir tragen als „vergeben“ deklarierte Streitigkeiten nach. Wir überheben uns in unserem Stolz über Andere und meinen, unsere eigene Sünde würde im Vergleich mit diesen gar nicht ins Gewicht fallen. Wir vertrauen auf großartige Gnadenerweise, die Gott uns gegeben hat: Unsere theologische Erkenntnis, unser Rettungsverständnis, unsere Weltsicht. Aber anstatt uns bewusst zu werden, dass das alles nur Gnade ist, belächeln wir Menschen, die unsere Ansichten nicht haben, sind unbarmherzig mit Menschen, die weniger Erkenntnis haben und zeigen keine Gnade denen gegenüber, die die Gnade genau so wenig verdient haben wie wir selber, aber sie genau so dringend brauchen.

Wir verhalten uns wie dieser Fisch: Wir tun so, als ob wir vollkommen heilige, harmlose und liebevolle Christen wären, aber sobald sich jemand nähert, der anderer Meinung ist, wird er mindestens in Gedanken schnell verspeist. Wir sind Heuchler, die der Selbstrechtfertigung oft eher Raum geben als ihr im Weg zu stehen. Nicht unsere Gemeinde ist unser Hauptproblem, nicht unsere Beziehungen. Nicht die Menschen um mich herum sind es, nicht Gott ist es. Wir, in unserer Sünde, sind das Problem.
Ich wünsche mir, dass Gott mir das mehr und mehr aufzeigt und er weiter daran arbeitet, seine Gnade sichtbar werden zu lassen, auch wenn ich sie nicht ansatzweise verdient habe. Lasst uns Buße tun und den heilbringenden Prozess der Aufdeckung von Heuchelei durch Gott erbitten.