Andachten

Mehr stolpern als laufen

„Der Gott, der die Welt gemacht hat (…) lässt sich auch nicht von Menschenhänden bedienen, als ob er etwas benötigen würde, da er doch selbst allen Leben und Odem und alles gibt.“ (Apostelgeschichte 17,24-25)

Im Sommer durfte ich bei einer Freizeit eine richtig coole Erfahrung machen: Ein Leiter-Ehepaar hat auf dieser Freizeit ihren kleinen Sohn mitgebracht, der in diesen Tagen lernte, an Händen zu laufen. Während er zu Beginn lediglich an Tischen, Stühlen oder Beinen stand, fing er irgendwann an, an meinen und anderen Händen zu laufen. Jeder freute sich, diese Veränderung mit anzusehen.

Stell dir mal vor, der Vater des Kleinen wäre zu ihm gekommen, um folgenden Satz zu sagen: „Mein Sohn, streng dich doch bitte mal ein kleines bisschen mehr an. Wenn du wirklich mal ein guter Läufer werden willst, reicht dieses „An-der-Hand-laufen“ nicht aus. Also entweder du gibst jetzt endlich alles, oder wir brechen das Laufen lernen hiermit ab.“
Das wäre ganz schön komisch und wahrscheinlich würde niemand diese Aussage ernst nehmen können. Und trotzdem verhalten wir uns als Christen oft nicht anders in unserem Selbstverständnis Gott gegenüber.

Gott sagt von sich selbst, dass er uns nicht benötigt. Wir können ihm nichts liefern, was ihm nicht eh gehören würde oder von dem er abhängig wäre. Und trotzdem denken wir oft, dass ohne uns das Reich Gottes zum Stillstand kommt und ohne unsere Bemühungen Gottes Pläne nicht ausgeführt werden könnten. Doch das ist falsch. Im Gegenteil sogar: Gott gebraucht uns nicht, weil wir besonders geschickt wären, sondern obwohl wir es nicht sind. Nicht weil wir gut sind, sondern trotz unserer Schlechtigkeit. Gott ist von uns nicht abhängig, weil er in sich unabhängig ist (siehe dazu Oskars Andacht). Aber trotzdem baut Gott sein Reich nicht mit Engeln, nicht mit seinem Geist allein – sondern mit uns.

Alles, war wir zu diesem Bau beitragen, entspricht nicht Gottes Anspruch. Weder verhalten wir uns heilig, noch besitzen wir göttliche Weisheit. Wir sündigen immer wieder und basteln oft eigenständig und dumm am Leib Christi herum. Dabei verzweifeln wir, brennen aus, wissen nicht mehr ein noch aus. Wie ein kleines Kind stolpern wir so von Projekt zu Projekt, fliegen bei jeglichem Richtungswechsel auf den Hintern und berappeln uns nur mühsam. Und Gottes Reaktion auf diese stümperhaften Versuche, sein Reich voranzubringen und ihm Ehre zu bringen? “ Mein Kind, streng dich doch bitte mal ein kleines bisschen mehr an. Wenn du wirklich mal ein guter Mitarbeiter in meinem Reich werden willst, reicht dieses halbherzige Bauen nicht aus. Also entweder du gibst jetzt endlich alles, oder wir brechen das Reich Gottes hiermit ab.“

Nein, wie beim Beispiel oben ist wohl auch diese Reaktion nicht korrekt. Gott baut sein Reich in dem vollständigen Wissen um unser Unvermögen. Er sieht unsere stolpernden Versuche, hilft uns auf und korrigiert uns. Er baut sein Reich – trotz und mit uns. Er sucht seine Ehre – trotz und mit uns. Er kommt in uns, den Schwachen, zum Vorschein. Und das darf uns beruhigen und ermutigen!

Im Wissen um Gottes Unabhängigkeit dürfen wir getrost sein, dass ER sein Reich baut. Niemand kann das ver- oder behindern. Selbst unser Stolpern baut er souverän in dieses Projekt mit ein und hilft uns, dass aus dem Stolpern mehr und mehr ein Gehen und Laufen wird. Dafür können wir ihm danken!