Andachten

Des Einen Freud, des Anderen Leid?!

„Und es missfiel Jona sehr, und er wurde zornig.“ (Jona 4,1)

Draußen scheint die Sonne. Kinder spielen auf der Wiese, einige bespritzen sich mit Wasserpistolen. Mehrere Eltern sitzen entspannt bei einem kühlen Getränk auf der Terrasse und beobachten lächelnd das muntere Treiben. Völlige Entspannung herrscht und die Sonne erfreut Jung und Alt. Doch Halt! Ein Haus weiter schaut ein älter aussehender Mann wütend aus dem Fenster und murmelt ein „dieses Jahr ist echt Mistwetter“ vor sich her. Der mittlerweile der Pensionierung nahe kommende Mann ist Bauer. Das schöne Wetter macht ihm und seiner Ernte zu schaffen. Kann es nicht endlich regnen?

An diesem simplen Beispiel lässt sich eine Tatsache wunderbar verdeutlichen: Uns Menschen kann man es nicht recht machen. Die freudige Situation für den Einen ist der Grund für den Ärger des Anderen. Das sonnige Wetter erfreut die Familien und verärgert den Bauern. Der lange Winter bespaßt die Sportler und erzürnt die Autofahrer. Der schöne Apfelbaum beglückt die Besitzer und nimmt dem Nachbarn die erhoffte Sonne. Und so könnte man unzählige Beispiele bringen, die uns zwei Seiten einer Medaille präsentieren: Des Einen Freud ist des Anderen Leid.

Auch zur Zeit des Propheten Jona war das nicht anders: Er verkündigte der Stadt Ninive das Gericht Gottes. Doch aufgrund der Botschaft Jonas taten sie Buße (Jona 3,8-9) und Gott ließ von seinem Zorn ab. Jonas Reaktion darauf? „Es missfiel ihm sehr und er wurde sehr wütend.“ Der gleiche Grundsatz: Des Einen Freud, des Andern Leid. Gott rettet über 120.000 Menschen (!) vor dem sicheren Tod und Jona ist wütend! Und nicht nur das, er würde am liebsten sterben (4,3). Er empfindet Gottes Handeln als falsch. Wir fragen uns vielleicht, wie Jona so reagieren konnte. Hatte er denn kein Mitgefühl mit den Menschen?

Was in diesem Abschnitt klar wird, ist die Einstellung von Jonas Herz. Es spricht davon, dass er Gottes Gnade für die vielen Menschen nicht akzeptieren konnte und wollte. Das Aufschieben des Gerichtes war für Jona nicht nachvollziehbar. Warum hatte Gott ihn so sehr gedrängt, nach Ninive zu gehen, Todesangst auszustehen, nur um ihnen dann zu vergeben? Das konnte doch nicht wirklich Gottes Ernst sein, oder? Jona missfiel die Gnade Gottes, er wollte einen gerechten Lohn für seine Bemühungen der Gerichtsankündigungen.

Viele Menschen haben ein großes Problem mit der Gnade Gottes. Selbst unter Christen herrscht manchmal die Ansicht vor, dass die souveräne Gnade Gottes nicht gerecht sei. „Wie kann es sein, dass Gott manche Menschen verloren gehen lässt, aber andere errettet?“ Solche und ähnliche Fragen werden dann aufgeworfen. Ich möchte in dieser Andacht keine Antwort auf die Frage geben, auch wenn es sich lohnt, darüber nachzudenken. Aber ich möchte zeigen, dass Jonas Reaktion kein Einzelfall ist. Während sich viele Menschen über die Gnade Gottes freuen, können andere mit dieser Gnade die Gerechtigkeit Gottes nicht mehr akzeptieren. Die Einen freuen sich, die Anderen ärgern sich. Jesus Christus wird zur größten Freude oder zum Anstoß (1. Petrus 2,4-8).

Wir dürfen als Gottes Kinder die Gnade Gottes feiern und uns daran erfreuen. Wie die Kinder im Garten können wir die Sonne genießen und in dieser Freude leben. Aber dabei bleibt es nicht: Unsere Freude darf zum Auslöser werden, dass verbitterte, ängstliche Menschen sehen, wie wunderbar die Sonne, wie herrlich Gott ist. Durch unsere Freude an ihm können wir ihn verkünden. Dadurch wird Gott groß gemacht und mit Gottes Gnade werden die Spötter seiner Gnade zu fröhlichen Anbetern derselben. So wird aus des Einen Freud auch des Anderen Freud!