Andachten

Selbsterkenntnis in der Gegenwart des Vaters

Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen.
Lukas 15,21

Da stand er nun vor seinem Vater. Den Text hatte er lange auswendig gelernt und er hebt an zu sprechen – langsam, weinend und stockend: Vater, ich habe gesündigt!

Viele Menschen, auch viele Nichtchristen, kennen das Gleichnis vom verlorenen Sohn in den Grundzügen. Doch vor einiger Zeit hat mich ein kleines Detail des Gleichnisses überwältigt und überführt. Der verlorene Sohn ist nicht umsonst der Prototyp eines jeden begnadigten Sünders.

Nachdem er offen ausgesprochen hatte, dass er es nicht erwarten konnte, dass sein Vater stirbt (indem er sein Erbteil schon zu Lebzeiten einforderte), hatte der verlorene Sohn sein ganzes Erbe mit Huren, Trinken und falschen Freunden durchgebracht. Er war fernab von seinem Vaterhaus bei den Schweinen gelandet und bekam während einer Hungersnot nicht einmal ein paar ihrer Schoten um seinen Hunger etwas zu stillen.

Als er dann endlich zu sich kommt, überlegt er bei sich, dass er zu seinem Vater zurückkehren möchte und durch seine Reue einen klugen Deal für sich heraushandeln möchte wie er findet:

Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und will zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen! Mach mich wie einen deiner Tagelöhner!
Lukas 15,18.19

Ist dir etwas aufgefallen? Unser heutiger Vers ist das, was der Sohn  tatsächlich zu seinem Vater sagt. Der letzte Satz fehlt. In der Gegenwart seines Vaters beginnt nun die echte Selbsterkenntnis. Der Sohn dachte sich bei den Schweinen: Alles ist besser, als hier zu sein. Ich könnte doch zum Vater zurückkehren und für ihn arbeiten. Das ist ein guter Deal, ICH muss nicht hungern und MIR wird es besser gehen.

Doch nun steht er vor seinem Vater und beginnt zu reden. Ich weiß nicht, was ihn dazu bewegte, über das zu schweigen, was er sich vorgenommen hatte. Aber wahrscheinlich hat er erkannt, wie schrecklich unangebracht seine Forderung gegenüber seinem Vater war. Er war nicht in der Position etwas zu fordern. Nein ganz und gar nicht. Er war nur in der Position, seine Sünde zu bekennen und auf das Urteil seines Vaters zu warten. Jegliches eigenes und selbsterrettendes Planen kam zu einem jähen Ende als er vor dem Vater stand.

Er würde es akzeptieren, was sein Vater nun urteilen würde. Auf einmal spürte er die ganze Last seiner Unwürdigkeit und darum endet er mit den Worten: Ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen! Kein weiteres Wort kommt über seine Lippen. Sein schöner Plan endete nicht so wie er es sich vorgenommen hatte, nein, er muss in völliger Selbsterkenntnis vor seinem Vater zusammenbrechen.

Hast du dieses Erlebnis des verlorenen Sohnes schon gehabt? Hatten nicht auch du und ich schon solche Gedanken im Bezug auf Gott? Bevor wir Christen wurden, wollten wir zu unseren Bedingungen zu Gott zurückkehren (und heute wollen wir Gott häufig die Bedingungen und Umstände unseres Dienens und Lebens diktieren, wie es der Sohn sich vornahm). Doch dieser stolze Wahn findet ein jähes Ende, wenn wir uns bewusst werden, vor welch einem heiligen Gott und Vater wir stehen.

Doch was tut der Vater mit dem Sohn, der erneut gekommen war um etwas von ihm zu fordern? Noch bevor der Sohn überhaupt seine Worte vorbringen kann, breitet der Vater seine Arme aus, fällt dem Sohn um den Hals und küsst ihn. Haben wir eine solche Behandlung verdient? Keineswegs! Haben wir Anspruch auf so eine Behandlung, weil wir doch Söhne sind? Auf gar keinen Fall. Ich hoffe du hast es erlebt, wie sich dein ganzes stolzes Verhalten gegenüber Gott in eine tiefe Dankbarkeit gegenüber seiner wunderbaren und unerschöpflichen Gnade verwandelt hat. Diese Gnade hat dich als Sohn angenommen, als du es am wenigsten verdient hattest.