Andachten

Grenzenlose Freude

Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die für das ganze Volk sein wird. Denn euch ist heute ein Retter geboren, der ist Christus, der Herr, in Davids Stadt. (Lukas 2,10.11)

Es war eine kalte Nacht außerhalb des kleinen Dorfes Bethlehem Efrata. Eine Gruppe von Hirten hielten nach ihrer Gewohnheit ihre Nachtwache bei der Herde. Es sind harte Nächte, die solche Hirten durchmachen mussten. Allein in der Abgeschiedenheit, fern von dem warmen Zuhause und ihren Lieben, bei kaltem Wetter und in der kargen Umgebung fernab des Dorfes warteten sie auf den Morgen. Dabei waren sie verschiedensten Gefahren, wie z.B. wilden Tieren ausgesetzt. Vielleicht dachten sie darüber nach wie hart ihr Leben doch war, mit welch großem Aufwand sie ihr jämmerliches Leben bestreiten mussten und wie sie dank der Besetzung durch die Römer und der überhöhten Steuern, die sie ihnen bezahlen mussten, unter noch zusätzlichen Druck ächzen mussten. Nein, diese Nächte bei den Schafen waren keine freudigen romantischen Zeiten bei Lagerfeuer, Barbecue und Sternenhimmel.

Doch dann geschah etwas. Etwas, das keiner der Hirten zuvor erlebt hatte. Etwas, was ihnen das Blut den ohnehin schon kalten Adern gefrieren ließ. „Ein Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Herrlichkeit des Herrn umleuchtete sie“ (Lk 2,9). Die Herrlichkeit des Herrn – die hebräischen Hirten hatten vielleicht schon die Schriftgelehrten etwas darüber gehört. Aber weder sie selbst noch die Schriftgelehrten konnten sich es auch nur ansatzweise vorstellen, was bedeutete dieser Herrlichkeit des Herrn zu begegnen – bis zu diesem Moment. Diese „Schechina“ war die Gegenwart Gottes selbst, die vor langer Zeit die Stiftshütte und den Tempel erfüllte (vgl. 1. Kön 8,10.11; Jesaja 6,1-3). „Was bis jetzt das Privileg der Patriarchen und Priester gewesen war, wurde nun den Hirten zuteil, und die Empfänger dieser ersten Proklamation großer Freude waren die, die sowohl ihrem äußerlichen Leben arm waren, als auch im Geist.“(1) Wie sehr muss dieses Ereignis in ihrem Leben eingeschlagen haben. Plötzlich wich die Müdigkeit und der Schwermut einer großen Furcht. So wie auch alle anderen Menschen, denen zuvor die Herrlichkeit Gottes begegnete, überfiel auch sie eine immense Furcht. Sie waren als sündige, ungerechte Menschen plötzlich einer Herrlichkeit ausgesetzt, die vollkommen heilig und frei von Sünde war. Sie erkannten in einem Moment, dass sie in der Gegenwart dieses unendlichen herrlichen Gottes vergehen mussten, sie waren keineswegs würdig, von dieser Herrlichkeit Gottes umleuchtet zu werden.

Doch dann passiert noch etwas Unerwartetes. Der Engel verkündigt den Hirten große Freude. Er verkündigt nicht Gericht, nicht Tod, nicht gerechte Strafe für die Hirten, sondern große Freude. Er verkündigte auch nicht kleine Freude oder mittelgroße Freude – nein er proklamiert große Freude. Große Freude deswegen, weil in dieser Nacht den Hirten ein Retter geboren war, nämlich Christus, der Messias, der Herr.

Ich weiß nicht, ob die Hirten zum gläubigen Überrest der Juden in jener Zeit gehörten (so wie etwa Simeon und Anna), aber ich gehe nicht davon aus. Israel war zu großen Teilen von dem Bund mit ihrem Gott abgewichen, insbesondere ihre Leiter, die religiöse Oberschicht der sogenannten „Schriftgelehrten“. Die Hirten erlebten ein Wechselbad der Gefühle. Zuerst eine Riesen Furcht, weil sie in einem Moment verstanden, dass die Gerechtigkeit, die sie selbst aufzurichten versuchten, nicht im geringsten ausreicht und sie eigentlich vernichtet werden müssten, und im nächsten Moment große Freude, da der Retter auch für sie persönlich gekommen war. Was sie sich in diesem Moment genau unter der Rettung vorstellten, die Jesus Christus bringen sollte, ist nicht gewiss, aber die Freude, die sie erlebten war real, denn sie ließen alles stehen und liegen und machten sich auf, um ihren Retter zu sehen.

Diese grenzenlose Freude, die Hirten damals erlebten, ist für das ganze Volk Gottes gedacht, wie wir obigem Vers entnehmen können. In dieses Volk wurden später auch die Heiden aufgenommen (vgl. 1. Pt 2,9.10). Deshalb gilt diese Freude auch uns Christen heute. Wenn wir diese überwältigende Freude nicht spüren, wenn wir über Christus und sein Kommen in diese Welt nachsinnen, müssten wir dafür neu aufgeweckt werden. All zu leicht wird man in der Vorweihnachtszeit gleichgültig und träge gegenüber dieser unendlich köstlichen Freudensbotschaft, die Weihnachten eigentlich mit sich bringt. Lasst uns uns deshalb in den nächsten Wochen immer wieder zurückziehen und uns Zeit nehmen, auf über diese herrliche Botschaft nachdenken, damit es eine Zeit wird, in der Freude weit überwiegt und all der Stress und Druck, den diese Zeit so oft mit sich bringt, in den Hintergrund gerät.


1) Elicott’s Commentary for English Readers