Andachten

Eine unserer Lieblingsgeschichten (4)

… damit sie etwas hätten, um ihn zu versuchen, um ihn anzuklagen. Jesus aber bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie aber fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe zuerst einen Stein auf sie. Und wieder bückte er sich nieder und schrieb auf die Erde. (Joh 8,6b-8).

Die letzte Andacht versuchte zu zeigen, wie himmelschreiend die Aktion der Pharisäer war. Sie benutzen ein gutes Gebot Gottes, um Jesus zu versuchen! Eine größere Gesetzesvergewaltigung ist kaum denkbar. Das Gesetz ist dazu da, um Gott zu ehren und nicht um jemanden zu fangen.

Nun so war aber die Situation hier. Sie wollten Jesus zu Fall bringen und dachten, sie hätten hier eine Möglichkeit, bei der es nicht den Hauch einer Chance gab, zu scheitern. Jesus hatte doch nur 2 Möglichkeiten: Entweder er begnadigt diese Frau und stellt sich gegen das Gesetz – dann wäre seine Glaubwürdigkeit im Nu verflogen – oder er bejaht das Gesetz und erlaubt oder gebietet gar die Steinigung – dann hätte er ein riesen Problem mit den römischen Autoritäten und wäre schnell von der Bildfläche verschwunden, schlimmer noch, die Menge, die ihn ein bisschen kannte, würde sich wundern, wie dieser Mensch so hart sein kann, wo er doch sonst immer so gnädig, liebevoll und barmherzig ist und sie würden sich womöglich von ihm abwenden. Egal, was Jesus nun tut – in den Augen der Pharisäer kann er nur falsch handeln.

Was also tut Jesus? Er erhebt sich zunächst einmal von seiner Sitzgelegenheit, auf der er womöglich lehrte, und schrieb etwas auf die Erde (Vers 6b; das wiederholt er später nochmal vgl. Vers 8). Ob das eine symbolische Bedeutung hatte und wenn ja welche oder eben nicht, kann nicht mit letztgültiger Sicherheit gesagt werden. Sicher ist, dass Jesus eben vorerst nicht in die Debatte einsteigt und die Schriftgelehrten und Pharisäer erst noch auf ihn einreden müssen, bevor Jesus antwortet.

Und schließlich antwortet Jesus auf eine brilliante Weise, die es ihm erlaubt „aus diesem Dilemma zu entkommen“ und gleichzeitig dem Gewissen der umstehenden Leute hart zuzusetzen: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe zuerst einen Stein auf sie.“ Jesus bezieht sich hier direkt auf das Gesetz, indem er nämlich auf 5. Mose 13,10 bzw. 17,7 anspielt. Jesus stellt sich also nicht gegen das Gesetz, sondern beruft sich auf dasselbe.

Es ist interessant, früher dachte ich immer, dass Jesus hier die Todesstrafe aushebelt, aber das tut er mit keiner Silbe. Seine Anspielung ist klar und eigentlich bestätigt er hier die Todesstrafe (Anmerkung: Ich möchte hier nicht das insgesamt umstrittene Thema der Todesstrafe aufgreifen, sondern nur aufzeigen, was Jesus hier tatsächlich sagt). Die Zeugen des Vorfalls sollten den ersten Stein werfen und sie durften selbst nicht an der Straftat beteiligt gewesen sein. Jesus fordert keine sündlose Perfektion der umstehenden Menge, sodass diese das Todesurteil vollziehen kann. Im AT wurde schließlich immer wieder das Todesurteil durch das Volk vollstreckt, obwohl das Volk nicht absolut sündlos war.

Doch ich glaube genau hierin lag das Problem der Pharisäer und Schriftgelehrten. Sie waren allem Anschein nach nicht sündlos, was diesen speziellen Vorfall betrifft. Wie auch immer das ausgesehen haben mag, wird nicht berichtet. Aber ihre Reaktion, die wir uns nächste Woche anschauen werden, bestätigt dies.