Andachten

Empirie versus Ratio

Denn es offenbart sich Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit unterdrücken durch Ungerechtigkeit. Sie hätten ja vor Augen, was von Gott erkannt werden kann; Gott selbst hat es ihnen vor Augen geführt. Denn was von ihm unsichtbar ist, seine unvergängliche Kraft und Gottheit, wird seit der Erschaffung der Welt mit der Vernunft an seinen Werken wahrgenommen; es bleibt ihnen also keine Entschuldigung. (Römer 1, 18-20)

Woher kommt unser Wissen über Gott? Kann Gott erfahren werden oder ist dieses Wissen ein reines Hirngespinst von Gläubigen?

Der erkenntnistheoretische Ansatz des Empirismus besagt, dass alles Wissen durch die Sinneswahrnehmung gewonnen wird. Der Mensch würde als «Tabula rasa», als unbeschriebenes Blatt, geboren werden und lerne durch seine Erfahrungen der Wahrnehmung. So könne man sich beispielsweise keinen blauen Hund vorstellen, wenn man zuvor nie einen Hund und die Farbe Blau gesehen hätte.

Der Rationalismus, welche eine diametral andere erkenntnistheoretische Richtung ist, besagt, dass alles Wissen nur durch «Ratio», sprich den Verstand erlangt wird. Platon, ein Vertreter des Rationalismus, meint sogar, dass wir einen Wissensbestand von Geburt an schon hatten, dies aber wieder vergessen hätten. Aus diesem Grund ist das aneignen von Wissen lediglich ein Prozess des «Sich-Wiedererinnerns». So ist der Phantasie Grenzen gesetzt und «neues» Wissen wird durch Kombination und Variation der dahinterliegenden Ideenwelt erlangt. Woher sonst sollte ein Mensch beispielsweise das Wissen von Identität, logischen Gesetzen oder die Idee von einem Gott haben? Jeder Mensch hat seit Geburt eine Vorstellung von Gott. Wie kann ein endliches Wesen die Idee eines unendlichen Wesens haben, welches allmächtig etc. ist? Platon meint deshalb, dass dies aus dem Ideenreich stammt, an welches wir uns nur erinnern müssten.

Beide erkenntnistheoretischen Ansätze haben ihre Wahrheiten und Tücken. Die Idee von Gott stammt aber von Gott selbst, weil er es so wollte und er sich uns offenbart. Man kann aber diese beiden Richtungen nicht gegeneinander ausspielen. In der Bibel lesen wir, dass Gott rational und empirisch erkannt werden kann. Von dem Textabschnitt aus dem Anfang des Römerbriefes entnehmen wir, dass Gott sich selbst den Menschen vor Augen führt. «Denn was von ihm (Gott) unsichtbar ist, seine unvergängliche Kraft und Gottheit, wird seit der Erschaffung der Welt mit der Vernunft an seinen Werken wahrgenommen.» (V.20) Also, die Vernunft und Ratio ansprechend, offenbart sich Gott dem Menschen. Die Empirie setzt da ein, wo wir uns auf dieses Wissen über Gott einlassen und es in unserem Leben umsetzen.

Wenn Glaube nur empirisch wäre, so wäre er von unseren Emotionen abhängig und sehr oberflächlich. Wenn aber der Glaube nur rational wäre, so wäre unser Wissen von der Bibel und Gott noch nicht ins Herz und die Tat gerutscht. Deshalb ist der Glaube m.E. beides und erlangt dadurch die Standfestigkeit, wie sie uns Gott verspricht.

Wir können so im Alltag auf die Allmacht und Souveränität Gottes vertrauen und ihn um Hilfe bitten, in Zeiten von Krisen. So kann Gott erlebt werden und das rationelle Wissen über Gott, welches wir von der Bibel wissen, wird bestätigt.