Andachten

Eine unserer Lieblingsgeschichten (5)

Als sie aber dies hörten, gingen sie einer nach dem anderen hinaus, anfangend von den Ältesten bis zu den Letzten; (Johannes 8,9a)

Jesus sagt nur einen Satz – und sie weichen alle. Überführt von der Sünde, höchstwahrscheinlich innerlich zutiefst gedemütigt und zerknirscht, räumt die Menge nach und nach den Platz. Die, welche gekommen waren, um Jesus zu beschämen, müssen beschämt von dannen ziehen.

Dabei hat Jesus doch gar nichts Außergewöhnliches gesagt, oder? Schließlich hat er das nur zu gut bekannte Gesetz zitiert (5. Mose 13,10). In gewisser Weise hat doch Jesus zum Steinigen aufgerufen. Sie sollten jedoch ohne Sünde sein. Und sehr wahrscheinlich meint Jesus hier keine perfekte Sündlosigkeit, denn das war im AT ja auch nie gefordert. Nur in Bezug auf die vorgefallene Sünde sollten sie unschuldig sein. Sie durften nicht an dieser Sünde teilgenommen haben.

Ich vermute, dass aber genau das der Fall war. In irgendeiner Weise mussten die umstehenden Menschen in den Ehebruch der Frau involviert gewesen sein, was sie ebenfalls schuldig gemacht hat (möglich wäre auch, dass sie die Frau gar nicht ertappt haben, sondern einfach so angeschleppt haben; für sie war alles in Ordnung, auch eine Unschuldige zu töten, solange Jesus beseitigt wird). Das mag etwas spekulativ sein, denn der Text sagt das nicht ausdrücklich. Ich halte das aber für die beste Erklärung. In irgendeiner Weise musste Blut an den Händen der Ankläger kleben.

Und sie dachten, das wäre ja auch kein Problem. Schließlich wollten sie nur das Urteil aus Jesu Mund hören: „Jawoll, steinigt sie!“ oder: „Nein, lasst sie doch leben, die Arme…“ Aber Jesus kennt ihre finsteren Herzen. Sie dachten sich womöglich: „Woher soll dieser wissen, was wir getan haben?“ Aber anstatt ein Urteil aus Jesu Mund hören die Umstehenden eine Aussage, die sie zutiefst erschüttert. Wenn ihr ohne Sünde seid (in Bezug auf diesen speziellen Vorfall), nur zu, fangt an. Mose gebietet ja, dass die Hand derer, die das Unrecht aufgedeckt haben zuerst am Opfer sein soll. Aber sie waren nicht sündlos. Nicht einmal in dieser Sache!

Wie muss es ihnen die Schamröte ins Gesicht getrieben haben! Wie muss plötzlich ihre Furcht vor diesem Menschen, der ihre finstersten Gedanken in ihrem Herzen kannte, gewachsen sein. Zorn, Hass, Zerknirschtheit, Scham etc. all diese Gefühle gleichzeitig. Die natürliche Reaktion rebellischer Sünder. Vom Ältesten bis zum Jüngsten wurden ihre Mäuler allesamt gestopft.

Wir können hier erneut die tiefe Schlechtigkeit des Menschen entdecken. Wie böse kann man nur sein. Eine Frau vor einen Rabbi zerren, ohne dass es ihnen auch nur im Geringsten um Gerechtigkeit dabei ging. Sie wollten schlicht diesen nervigen Lehrer beseitigen. Doch denke nicht, dass du in dieser Menge jemand gewesen wärst, der auf der Seite der Frau oder geschweige denn Jesus gewesen wäre. Ich wäre wahrscheinlich einer der Letzten gewesen, der gewichen wäre und abgewartet hätte, ob nicht vielleicht doch noch jemand einen Stein wirft, damit ich nachziehen kann. Hätte nicht Jesus dich und mich von aller Gottlosigkeit und Gesetzlosigkeit befreit (Tit 2,11-13), so wäre unser Zustand auf ewig in größter Boshaftigkeit geblieben. Doch Dank diesem gnädigen Herrn werden wir nicht verurteilt, wie wir es verdient hätten. Dazu nächstes Mal mehr.