Andachten, Gelesen

Zitat: Von den guten Werken – Gott anrufen

Denn darin sieht Gott seinen Namen geheiligt und hoch geehrt, wenn wir ihn in Anfechtung und Not nennen und anrufen. Letztendlich ist das auch die Ursache, warum er uns viel Not, Leiden und Anfechtung, ja auch den Tod zufügt und uns darüber hinaus in vielen bösen, sündhaften Neigungen leben lässt, dass er den Menschen dadurch antreibe und ihm einen Grund gebe, zu ihm zu laufen und zu schreien, seinen heiligen Namen anzurufen und so dieses Werk des zweiten Gebots zu erfüllen, wie er Ps 50 sagt: Rufe mich an in deiner Not, so will ich dir helfen; dann sollst du mich ehren, denn ein Opfer des Lobs will ich haben. Und das ist der Weg, durch den du zur Seligkeit kommen kannst, denn durch dieses Werk erkennt und erfährt der Mensch, was Gottes Name sei, wie sehr er allen helfen kann, die ihn anrufen, und dadurch wachsen sehr die Zuversicht und der Glaube, mit dem das erste und höchste Gebot erfüllt wird. Das hatte David erfahren, Ps 54: Du hast mich erlöst aus aller Not, darum will ich deinen Namen nachsprechen und bekennen, dass er lieblich und süß ist, und Ps 91 spricht Gott: Ich will ihn erlösen, weil er auf mich hofft, ich will ihm helfen, weil er meinen Namen erkannt hat. Nun sieh, welcher Mensch ist auf Erden, der nicht auch an diesem Werk sein Leben lang genug zu tun hätte? Denn wer ist auch nur eine Stunde lang ohne Anfechtung? Ich will schweigen von den Anfechtungen im Unglück, von denen es unzählig viele gibt. Die gefährlichste Anfechtung ist ohnehin die, dass der Mensch dann, wenn keine Anfechtung da ist und alles gut steht und zugeht, Gott vergisst, zu frei wird und die glückliche Zeit missbraucht. Ja, hier muss er zehnmal mehr Gottes Namen anrufen als im Unglück. Deshalb steht Ps 91 geschrieben: Tausend fallen auf der linken und zehntausend auf der rechten Seite. Ebenso sehen wir klar und deutlich in der täglichen Erfahrung aller Menschen, dass viel grauenhaftere Sünden und Laster geschehen, wenn Friede ist, alle Dinge preiswert sind und eine gute Zeit ist, als wenn Krieg, Seuchen, Krankheiten und allerlei Unglück auf uns lasten, so dass auch Mose für sein Volk die Sorge hatte, dass es aus keinem anderen Grund Gottes Gebot verlassen würde, als dass es zu voll und zu satt wäre und zu viel Ruhe hätte, wie er Dtn 32 sagt: Mein liebes Volk ist reich, voll und fett geworden, darum hat es sich gegen seinen Gott gewendet. Deshalb ließ Gott auch dem Volk viele seiner Feinde übrigbleiben und wollte sie nicht vertreiben, damit die Israeliten keine Ruhe hätten und sich darin üben müssten, Gottes Gebote zu halten, wie Ri 3 geschrieben steht. So handelt er auch mit uns: Wenn er uns allerlei Unglück zufügt, so gibt er sich große Mühe mit uns, dass er uns lehre und anleite, seinen Namen zu ehren und anzurufen, damit wir Zuversicht und Glauben an ihn gewinnen und so die beiden ersten Gebote erfüllen.

Martin Luther, „Von den guten Werken“, 1520

Dieses Zitat erklärt, wie uns Gott lehrt, ihn anzurufen. Er tut das vor allem durch Tiefen und hilft uns so, seine eigenen Gebote zu halten. Das Zitat ist dabei ein Ausschnitt aus einem langen Text von Martin Luther, dass sich um die Werke des Christen dreht.