Andachten

Einführung in die Offenbarung (2/15) | Wer schrieb die Offenbarung?

Offenbarung Jesu Christi (…) hat er es seinem Knecht Johannes gezeigt… (Offb 1,1)

Wer an einer Bibelschule war oder an ausführlichen Bibelseminaren teilgenommen hat, kennt es: Man fängt ein neues biblisches Buch an, freut sich darauf, es auszulegen, vor allem die schwierigen oder umstrittenen Stellen, aber – erstmal wird man ausgebremst, denn zuerst kommen die Einleitungsfragen.

Was einem frischen Bibelschüler und sicherlich vielen Christen langweilig und teilweise unnötig erscheint, ist in Wahrheit eine Aufgabe, die kaum überschätzt werden kann. Stell dir vor, du findest auf der Straße einen Zettel, auf dem steht: „Lieber Vater, ich wünsche mir ein singendes, springendes Löweneckerchen.“ Was bedeutet dieser Satz? Was ist ein Löweneckerchen? Was ist das für eine Tochter, die sich einen Löwen wünscht? Was ist das für ein Vater, der seine Tochter so erzieht, dass sie so einen Wunsch äußert? Ist ein Löweneckerchen überhaupt ein Löwe?

Wenn man die „Einleitungsfragen“ zu diesem Satz und die Hintergründe kennen würde, dann wären hier sicher schnell die meisten Verständnisschwierigkeiten beseitigt. Wenn man zum Beispiel wüsste, dass dieser Satz aus einem Märchen stammt, also weiß, um welche Art von Literatur es sich hier handelt, dann merkt man, dass das Ganze hier natürlich fiktiv ist. Es muss sich also nicht um etwas handeln, dass im alltäglichen Leben auch genauso vorkommen kann.

Wenn man jetzt allerdings noch weiß, von wem dieser Satz kommt, nämlich von einer netten Tochter eines freundlichen Mannes aus einem Märchen der Gebrüdergrimm, dann stellt man fest, dass dieses Tierchen gar kein Löwe ist, sondern eine Lerche. Sie haben diese Lerche eben „Löweneckerchen“ genannt. Das Mädchen ist also sicherlich keine brutale und übermäßig starke Kämpferin oder dergleichen, die sich einen Löwen als Haustier wünscht.

Einleitungsfragen sind so unglaublich wichtig, wenn es um das Verständnis von einem biblischen Buch geht und das gilt wahrscheinlich am allermeisten für die Offenbarung. Wann wurde das Buch geschrieben, für wen, von wem und zu welchem Zweck? Was für eine Art von Literatur ist das? Ohne diese Fragen beantwortet zu haben, bleibt dieses Buch mit 7 Siegeln (was sind eigentlich diese Siegel) verschlossen.

In den nächsten Andachten wollen wir noch ein paar weitere wichtige dieser Fragen beantworten. Vielleicht ist dadurch nicht direkt eine „praktische Anwendung für dich und mich“ dabei. Aber es ist einfach so wichtig, diese Fragen zu verstehen, wenn uns das Buch von Nutzen sein soll.

Heute geht es noch kurz darum, von wem dieses Buch geschrieben wurde. Viele haben angezweifelt, dass dieser Johannes, so nennt er sich in Vers 1, der Johannes ist, der das Evangelium und die Briefe geschrieben hat. Ich meine ganz ehrlich, wie viel Johannes im Evangelium und in seinen Briefen von Liebe geschrieben hat – und wie wenig davon doch in der Offenbarung zu hören ist. So würden einige argumentieren.

Dazu ist die Grammatik in der Offenbarung an einigen Stellen recht ungelenk. Das Evangelium klingt viel eleganter, also hat vielleicht doch jemand anders die Offenbarung geschrieben? Wir denken nicht! Man muss beachten, dass Johannes auf einer Insel, Patmos, gewesen ist (1,9). Und er hat in mehreren Visionen gehabt, die ihn auch zutiefst erschüttert haben müssen (s. vor allem 1,17). In diesen Visionen sieht er schreckliche Zorngerichte, die über die Menschheit hereinbrechen werden. Kann man es ihm da nicht nachsehen, dass seine Grammatik nicht immer so fein ist, wie man es sich als Leser im 21. Jahrhundert vielleicht wünschen würde? Und ist es nicht logisch, dass bei diesen vielen Gerichten eben die Liebe Gottes weniger beleuchtet wird?

Wir sind also überzeugt: Der Apostel Johannes, der Jesus wie kaum ein zweiter kannte, er schreibt diese Offenbarung und zeigt uns diesen Jesus, den er unendlich liebte, der aber auch ein gewaltiger Richter ist. Er, der selbst mit seinen Brüdern Drangsal erleidet (1,9) schreibt unter Tränen seinen Brüdern vom Trost, den es in Jesus Christus, dem Sieger über alles Böse, gibt. Ich finde einen Satz sehr schön, den ich einmal gelesen habe: „Die Offenbarung wurde unter Tränen geschrieben und kann nur unter Tränen gelesen werden.“ Lasst uns auf seine Worte hören und ebenfalls Trost erfahren.