Andachten

Eine gesunde Selbstbetrachtung (1. Tim 1,14-15)

Über die Maßen aber ist die Gnade unseres Herrn überströmend geworden mit Glauben und Liebe, die in Christus Jesus sind. Das Wort ist gewiss und aller Annahme wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, um Sünder zu erretten, von denen ich der erste bin. (1. Tim 1,14-15)

Wohl nirgendwo wird mehr übertrieben, gar gelogen, als in Bewerbungsanschreiben.
Die Selbstbeschreibungen finden dabei keinen Horizont! Die Palette gereicht von gewissenhaft, pünktlich, zuverlässig bis hin zu teamfähig, belastbar und selbstverständlich flexibel und erfahren.
Jeder stellt sich im besten Lichte dar, möchte man doch schlussendlich Gehör und Akzeptanz finden, um ggf. den etwaigen Job zu ergattern.

Ganz anders der Apostel Paulus! Er sucht keine Atrribute, um Einklang und Gehör durch seine Persönlichkeit zu erwirken. Er rühmt die überströmende Gnade (wobei er sein beliebtes und uns bekanntes Wort hyper gebraucht), die ihn zu dem machte, was er nun ist: Ein durch Glauben von Christus Geliebter!

Weil er sich dessen bewusst ist, kann er seine Empfindung seinem geliebten Kind Timoteus gegenüber nun auch ausdrücken. Aus seiner Sicht ist er der größte Schurke, ja der schlimmste aller Übeltäter!
Uns fehlt hier der Platz und die Zeit die eigentliche Absicht dieser Aussage zu unterstreichen. Jedoch sei soviel gesagt: Die NEÜ (neue evangelistische Übersetzung) gibt in ihren ersten Auflagen den Vers sinngemäß der Absicht Paulus‘ nach wieder, indem Paulus der größte aller Sünder war.
Er schreibt aus einem Stand heraus, den er einst zu einem Zeitpunkt bekleidete, bevor die Gnade Gottes ihn erreichte. Paulus will keineswegs hier sagen, dass er noch ein Sünder ist, denn Sünder per Definition werden das Reich Gottes nicht erben. (1. Kor 6,9; Eph 5,5)

Paulus‘ Absicht ist hier eine ganz andere: Indem er seine erbärmliche und sündige Natur, samt den Handlungen und Verschuldungen betont, stellt er die Gnade Gottes und die Liebe Jesu auf den Leuchter!
Weil es ihm stets um die Herrlichkeit der rettenden Gnade und des großen Gottes ging, kann er ohne Abstriche seine Person auf das Minimum reduzieren, seine Defizite aufzeigen (2. Kor 12) und sich hinter allen anderen Gläubigen einreihen (Eph 3,8).

Mögen wir eines heute bedenken:
Je unfähiger und schändlicher wir uns selbst erkennen, desto größer und klarer leuchtet die uns erlösende Gnade Gottes, die wir stets alle Tage unseres Lebens zu preisen haben!