Andachten

Einführung in die Offenbarung (8/15) | Interpretation #1: die 144.000

„Und ich hörte die Zahl der Versiegelten: 144.000 Versiegelte, aus jedem Stamm der Söhne Israels.“ (Offenbarung 7,4)

In den letzten Wochen haben wir uns einen Überblick über die Offenbarung und wie man diese verstehen kann verschafft. Die letzten Andachten zu diesem Thema werden nun auf einzelne spezifische Fragen eingehen. Unsere Antworten beruhen dabei auf den Grundannahmen der ersten sieben Andachten (s. hier für Teil 1). Wir sind uns bewusst, dass wir die Weisheit nicht mit Löffeln gegessen haben und auch nicht alle unsere Interpretationen Anspruch auf absolute Wahrheit haben. Trotzdem möchten wir versuchen, den Bibeltexten gerecht zu werden und wenn es sein muss gängige Meinungen zu widerlegen. Um einen Gewinn aus diesen Andachten zu ziehen, empfehlen wir, die Bibelstellen aufzuschlagen und kritisch mitzudenken.

Eine Frage, die in der Offenbarung auf unterschiedliche Arten beantwortet wird, ist diese: Wer sind die 144.000? Sind damit die Juden am Ende der Zeit gemeint? Meint Johannes genau 144.000 Menschen oder ist diese Zahl symbolisch zu verstehen? Was soll diese Zahl überhaupt aussagen?

Mit fünf Argumenten möchte ich versuchen zu erklären, warum diese Zahl weder wortwörtlich 144.000 Menschen meint oder sich nur auf das ethnische Volk der Juden bezieht. Ich denke, dass es sich bei den 144.000 um die Gesamtzahl aller Gläubigen (des AT & NT) handelt und dass diese Interpretation dadurch für uns einen großen Gewinn bringt und uns zur Anbetung Gottes führt.

  1. Der Kontext von Kapitel sieben ist folgender: Nachdem Gott in Kapitel sechs Gericht übt, bleibt bei Johannes die Frage übrig: Wer kann in diesem Gericht bestehen (6,17)? Darauf folgt die Antwort Gottes: Es sind die Versiegelten (7,3). Diejenigen, die also das Gericht Gottes überleben, sind die 144.000. Hier sehen wir die erste Parallele zu den Gläubigen. Als Christen sind wir es, die durch den Tod Jesu bereits versiegelt wurden. Johannes meint also mit den 144.000 die Menschen, die keine Angst vor Gottes Gericht haben müssen, weil sie von ihm erkauft wurden (Off 14,3): Wir Christen.
  2. Johannes Schreibtstil zeigt, dass mit den 144.000 die gesamte Gemeinde aus Juden und Heiden gemeint ist. In Kapitel fünf nutzt er ein Stilmittel, das wir auch in Kapitel sieben finden. Zuerst hört er etwas (5,5; 7,4) und danach sieht er das, was er gehört hat (5,6; 7,9). In Kapitel fünf hört er einen Löwen aus dem Stamm Juda und sieht ein Lamm wie geschlachtet. Beide Male handelt es sich um die gleiche Person: Jesus Christus. In Kapitel sieben hört er die 144.000 Versiegelten und sieht eine unzählbare Schar aus allen Völkern und Nationen. Auch hier handelt es sich um die gleichen Menschen: Die Gemeinde.
  3. Die Zahl lässt sich symbolisch einfach aufschlüsseln. Die Zahl 12 ist der Ursprung der 144.000. Sie steht in der Bibel für die Gläubigen (12 Stammesväter im AT, 12 Apostel im NT). Zur damaligen Zeit von Johannes war es normal, dass eine Multiplikation von einer Zahl ihre ultimative Form darstellt. Multipliziert man dieses Ergebnis nochmal mit der höchsten Zahl 1000, ergibt sich 12 x 12 x 1000 = 144.000. Johannes meint mit der symbolischen Zahl 144.000 also die Gesamtzahl von Juden und Heiden, es geht ihm um alle Gläubigen des Alten und Neues Testaments.
  4. Das Neue Testament macht deutlich, dass es seit Jesus keine Trennung mehr zwischen Juden und Heiden gibt. Stellen wie Galater 3,7;29, Römer 4,11-18 oder Epheser 2,11-22 zeigen klar, dass Juden und Heiden nun als ein Volk vor Gott stehen. Auch Johannes schließt sich mit dieser Stelle den anderen Schreibern und insbesondere Paulus an.
  5. Die 12 Stämme, die in Kapitel sieben aufgelistet werden, sind in dieser Form in keiner der Auflistungen des Alten Testaments enthalten. Es wäre unlogisch, dass Johannes das ohne Absicht gemacht hätte. Es geht ihm offensichtlich nicht darum, mit den 144.000 eine bestimmte Gruppe von Juden zu meinen, sondern es geht ihm um das wahre Israel: Die Gemeinde aller Gläubigen.

Wenn man die 144.000 auf diese Art und Weise versteht, wird eins deutlich: Durch die Offenbarung zeigt Johannes das Gericht Gottes (s. Kapitel 6), aber bleibt dabei nicht stehen. Als Gläubige haben wir das Privileg, zu den Versiegelten Gottes zu gehören. Er gibt Trost und Hoffnung, weil Gott sich eine Schar aus allen Nationen erkauft hat. Anstatt diese Zahl literalistisch (wortwörtlich) zu deuten, wie es z.B. die Zeugen Jehovas tun, sollte sie symbolisch verstanden werden. Machen wir das, sehen wir, dass Gott uns so sehr liebt, dass er uns sogar vor seinem Gericht verschont. Das sollte uns zur Anbetung und zum Lob für ihn führen!