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Einführung in die Offenbarung (9/15) | Interpretation #2: die goldene Stadt

„Und es kam einer von den sieben Engeln (…) und sprach: ´Komm her! Ich will dir die Braut, das Weib des Lammes, zeigen.` Und er führte mich im Geist hinweg auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, wie sie aus dem Himmel von Gott herabkam, und sie hatte die Herrlichkeit Gottes.“ (Offenbarung 21,9-11a)

Freust du dich auf den Himmel? Hätte man mich diese Frage vor ein paar Jahren gefragt, hätte ich wahrscheinlich folgendermaßen geantwortet: Ja (denn als guter Christ soll man sich ja auf den Himmel freuen), aber vorher würde ich gerne noch heiraten, Kinder bekommen, vielleicht einen coolen Urlaub erleben oder irgendwo hinreisen. Und den meisten Christen in meinem Umfeld und in meinem Alter ging es ähnlich wie mir. Klar, ältere Menschen, die freuen sich auf den Himmel. Im Gegensatz zu uns jungen Männern und Frauen haben sie auch schon genug erlebt, haben vielleicht mit Krankheiten oder Leid zu kämpfen und freuen sich zurecht auf die „ewige Ruhe“. Aber ich? Ich wollte lieber noch ein bisschen was Cooles erleben, bevor es auch für mich in die Ewigkeit ging.

Wie schon geschrieben war ich nicht der Einzige, dem diese Gedanken durch den Kopf gingen. Auch heute bin ich sicher, dass viele Christen ähnlich denken. Ich glaube das liegt an unserem Bild vom Himmel. Wer sich den Himmel auf die Art und Weise vorstellt, wie ich das damals tat, wird sich automatisch nicht wirklich auf den Himmel freuen können. Meine Vorstellung zog ich aus den Kapiteln 21 und 22 der Offenbarung: Die goldene Stadt, das neue Jerusalem. Ich stellte mir eine Stadt vor, die komplett aus Gold und Edelsteinen bestand. Hier gab es keine Natur oder irgendetwas Schönes, das ich mochte. Aber was steht in diesen Versen eigentlich und was haben viele Christen daraus gemacht?

„Straßen aus Gold und Tore aus Perlen, gibt´s in der Stadt, die Gott selber erbaut“ – so lautet der Refrain eines bekannten Liedes über das neue Jerusalem. Johannes beschreibt in Kapitel 21 eine Stadt auf wundersame Weise: Es ist eine Stadt, die aus dem Himmel auf die Erde kommt (21,2). Gott selbst ist in dieser Stadt (21,3) und die Heimat für Menschen, in der Gott Trost spendet (21,4). Es wird deutlich, dass in dieser Stadt nur „die, die überwinden“, also Gläubige, leben (21,8). Nach dieser anfänglichen Vision von der Stadt bringt ein Engel Johannes zur Stadt hin, um ihm diese genauer zu zeigen (21,9-10). Sobald Johannes diese Stadt sieht, beginnt er sie zu beschreiben. Wie bereits in vorigen Andachten dieser Reihe gezeigt, müssen wir bei der Beschreibung besonders auf Zahlen und Bilder achten, um die Intention von Johannes nicht zu vergessen. Und so zeigt Johannes uns eine Stadt, die mit allerlei Symbolen umschrieben wird. Es ist eine Stadt, die als eine quadratische und extrem hohe Stadt dargestellt wird (ihre Mauer ist so hoch, dass Menschen dort nicht mehr atmen könnten). Die Stadtmauer besteht aus einem Edelstein und die Straßen der Stadt sind aus reinem Gold. Die Tore sind aus Perlen und die Grundsteine sind alle mit Edelsteinen geschmückt (21,15-21).

Aber was will Johannes uns mit dieser Beschreibung deutlich machen? Will er uns einen Einblick geben, wie es später einmal aussehen wird? Können wir diese Stadt nun nachbauen oder abzeichnen, um genau zu wissen, wie die Ewigkeit sein wird? Ich denke, dass es in diesem Text nicht um eine physische Stadt geht, die Gott irgendwann auf dieser Erde platzieren will. Johannes schreibt in Vers 9 bereits, was oder wer diese Stadt eigentlich ist: Es ist „die Braut, das Weib des Lammes.“. Das neue Jerusalem ist also in erster Linie erst einmal eine Beschreibung der verherrlichten Gemeinde, wie sie im Himmel existieren wird. Um sie dann zu beschreiben, benutzt Johannes einige Bilder. Die hohen Mauern lassen darauf schließen, dass kein Feind mehr eine Chance hat, in die Gemeinde zu kommen. Die Abwesenheit des Tempels zeigt, dass Gott mitten unter der Gemeinde ist (21,22). Die Tore und Ecksteine zeigen, dass diese Stadt aus den Gläubigen des AT (21,12-13) und NT (21,14) besteht. Die goldenen Straßen und die Tore aus Perlen stehen damit für eine unvorstellbare Reinheit der Gemeinde (21,18: die Betonung von „reinem Gold“). So kann man Vers für Vers die unglaubliche Sicht Gottes auf seine Gemeinde entdecken. Er zeigt uns in Offenbarung 21 und 22, was er in der Gemeinde sieht.

Das neue Jerusalem ist also in erster Linie erst einmal eine Beschreibung der verherrlichten Gemeinde, wie sie im Himmel existieren wird.

Diese Bilder passen oft nicht zu unserer Realität. Und auch die Gemeinden, an die die Offenbarung geschrieben war (siehe die Sendschreiben) waren nicht perfekt. Doch Johannes gibt am Ende seiner Offenbarung einen Blick Gottes auf dieses Ende. Bei diesem Schluss wird die Gemeinde als Jesu Braut völlig makellos vor ihm stehen. Das liegt weder an der Gemeinde, noch an tollen Mitarbeitern, Aposteln oder Propheten. Es liegt allein an Jesus Christus, der als das Lamm in seiner Gemeinde steht und durch sich selbst allen dort Anwesenden das Leben gibt (21,22-23). Diese Darstellung der Gemeinde sollte uns, wie der Rest der Offenbarung, Trost geben. Sie sollte uns richtige und echte Vorfreude auf den Himmel vermitteln: Dort wird es kein Leid mehr geben. Es wird keine Sünde oder Sünder mehr geben, weil sie gar nicht erst hineinkommen (21,8). Es wird alles so rein und schön und perfekt sein, dass nur die schönsten unserer Materialien für ihre Beschreibung genommen werden. Diese Gemeinschaft wird so schön, dass sie alles übertrifft, was wir bis jetzt kennen.

Ich wünsche mir, dass ich mich auf diese Art immer mehr auf den Himmel freuen kann. Mittlerweile denke ich nicht mehr, dass die Ewigkeit in einer würfelförmigen Goldstadt stattfinden wird. Gott kommt auf diese Erde und macht sie neu (21,1-2). Dann werden wir als Christen ihn endlich sündlos und rein anbeten und uns an ihm freuen. Egal, wie die Umgebung dann aussieht, ob es so sein wird wie wir es bis jetzt kennen oder ein bisschen anders – wir dürfen uns extrem auf dieses Ereignis freuen. Nichts braucht uns auf dieser Welt so lieb zu werden, dass es überhaupt im Vergleich zu dieser Stadt stehen kann.

PS.: Gehe doch einmal alle Eigenschaften der Gemeinde aus Offenbarung 21 und 22 durch und schau, welche Bilder Johannes für diese Beschreibungen nutzt. Versuche, sie zu interpretieren und danke Gott dafür, dass er auch dich in seine Gemeinde geholt hat!