Andachten

Wen der Herr liebt, den züchtig er

„Mein Sohn schätze nicht gering des Herrn Züchtigung, und ermatte nicht, wenn du von ihm gestraft wirst! Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er; er schlägt aber jeden Sohn, den er aufnimmt.“ (Hebräer 12,5b-6)

Vor etwa zwei bis dreihundert Jahren hätten wohl die wenigsten Christen an diesen Versen Anstoß genommen. Vielleicht wurden sie damals noch als Stellen herangezogen, wenn es darum ging, von Gott geprüfte Christen zu ermutigen und wieder aufzubauen. Doch heute wird diese Wahrheit in den evangelikalen Kreisen oft verschwiegen und erst recht nicht in Gesprächen mit Ungläubigen erwähnt, da man fürchtet, sie könnten sich von diesem Gottesbild vor den Kopf gestoßen fühlen.

Das Ausklammern dieser notwendigen Tatsache, dass Gott seine Kinder züchtigt, führt zwangsläufig zu einer Überbetonung der Veränderung, die ein Christ bei seiner Errettung erfährt. Es wird einem vermittelt, dass man nicht nur Vergebung der Sünden, Frieden des Gewissens und Gemeinschaft mit Gott erhält, sondern auch durch die Kraft des innewohnenden Heiligen Geistes, die Sünden, die einen zuvor beherrscht haben, völlig überwinden und somit die Probleme im Blick auf persönliche Beziehungen oder Herzenswünschen, die einem bisher so viel Not machten, auf einen Schlag lösen kann. Diese Überbetonung führt dann dazu, dass die „dunkle Seite“ des Christenlebens, wie die Züchtigung Gottes, der endlose Kampf gegen die Sünde und Satan, sowie der Weg durch dunkle Täler vergessen wird und man meint, dass das normale Christenleben ein ständiges Wandeln auf sonnigen Hügeln sei.

Treten dann doch Kämpfe im Christenleben auf – und diese Kämpfe werden früher oder später jeden wahren Christen erreichen, da Gott nirgendwo ein, von Problemen freies Leben versprochen hat – werden diese auf eine falsche Art und Weise angegangen. Glaubenskämpfe werden dann als Niederlagen bezeichnet. Man meint in ihnen einen Rückfall aufgrund mangelnder Heiligung und schwachem Glauben zu sehen, da man sich zu Beginn des Christenlebens völlig Gott hingegeben habe, doch mittlerweile lau geworden und Kompromisse eingegangen sei. Die Lösung folgt dann auf den Fuß: Man muss den Treuebruch erkennen, bekennen und aufgeben. Man sollte sich Christus wieder neu zur Verfügung stellen und seine Hingabe zu ihm täglich erneuern. Treten dann erneut Versuchungen oder Probleme auf, gilt es sich sofort an Christus zu wenden und um Befreiung zu bitten.

Diese Vorgehensweise mag dann die richtige sein, wenn Christen bewusst in Sünde leben und aufgrund dessen die innere Freude und der anfängliche Friede nicht mehr da sind. Christen können ja gar keine Freude bei einem Rückfall in ihre früher begangenen Sünden haben, da sie der Sünde gestorben sind. Doch was geschieht, wenn Gott seine Kinder auf den Prüfstand stellt, so wie er es z.B. bei Hiob oder einigen Psalmisten getan hat? Was geschieht, wenn Gott ihren Reifegrad prüft, indem er sie extremen Angriffen der Welt, des Fleisches und des Teufels aussetzt? Diese falsche Vorstellung des Evangeliums wird sie dann dazu zwingen, sich krampfhaft zu fragen, wo die Sünde in ihrem Leben zu finden ist, die dafür verantwortlich ist, dass sie nicht mehr die Freude und den Frieden von früher verspüren.

Doch Gottes Züchtigung muss nicht automatisch auf eine, von uns begangene Sünde zurückzuführen sein, sondern kann auch einfach dazu dienen, dass unsere Widerstandskraft gefestigt und unser Charakter als Christen gestärkt wird. Kein reifer Christ, der sich diesen Züchtigungen Gottes ausgesetzt sieht, sollte nach dem Zustand streben, den er hatte, als er noch ein Baby im Glauben war. Er sollte sich vielmehr an ihnen erfreuen, da sie doch ein Ausdruck der Liebe Gottes zu ihm und ein Beweis für die Echtheit seines geistlichen Lebens sind.