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Einführung in die Offenbarung (11/15) | Interpretation #4: Der dritte Tempel

„Und es wurde mir ein Rohr gegeben, gleich einem Stab, und gesagt: Steh auf und miss den Tempel Gottes und den Altar und die, welche darin anbeten!“ (Offenbarung 11,1)

Wie bereits bei unseren bisherigen Interpretationen einzelner Stellen aus der Offenbarung gesehen, gehen wir davon aus, dass viele Symbole in der Offenbarung stehen. Dabei sollen diese Symbole durch den Rest der Bibel erklärt werden. Eins dieser Symbole ist der Tempel. Im Alten Testament war der Tempel erst in der Stiftshütte und danach im salomonischen Tempel die sichtbare Gegenwart Gottes auf Erden. Er wurde bei der Wegführung Israels zerstört und nach seinem Wiederaufbau und der Erweiterung durch Herodes auch zu Zeiten Jesu als der Ort, an dem Gott wohnt, wahrgenommen (s. z.B. Joh 4, 20).

Als Jesus starb, zerriss der Vorhang im Tempel und so wurde die besondere Gegenwart Gottes (besonders durch Pfingsten) auf die ganze Welt und damit die Gläubigen erweitert. Nun gab es keinen festen Ort mehr, an dem Gott sich aufhielt. Paulus beschreibt das, indem er nun die Gegenwart Gottes (den Tempel) in der Gemeinde sieht (2. Kor 6,16). Johannes, der die Offenbarung Jesu empfing, deutet auch die Gemeinde als den neuen Tempel Gottes (Off 3,12). Selbst im Alten Testament berichtet Hesekiel schon von diesem neuen Tempel und umschreibt ihn symbolisch in den Worten eines riesigen und wunderschönen Tempels (Hes 40-48).

Trotz dieser Stellen in der Bibel gibt es unter Christen immer wieder die Annahme, es müsse in naher oder ferner Zukunft ein dritter Tempel errichtet werden. Diese Annahme wird durch einen Vers aus der Offenbarung, nämlich 11,1, unterstützt. Dort heißt es, dass Johannes einen Tempel messen soll. Da damit offensichtlich nicht der Tempel in Jerusalem gemeint sein kann (der wurde 70 n. Chr. zerstört), gehen manche davon aus, dass hiermit ein neuer Tempel gemeint sei. Wird es also einen dritten Tempel geben, in dem Gott bei seiner Wiederkunft Platz nimmt und in dem er herrschen will?

Ich denke, dass dies aus mehreren Gründen nicht mit dem biblischen Bild von einem Tempel übereinstimmen kann. Ich möchte dazu besonders drei Gründe hervorheben:

  1. Es besteht keinerlei Notwendigkeit für einen weiteren Tempel. Während Gott im AT und zur Zeit Jesu an einem Ort in besonderer Gegenwart war, hat er danach seinen Geist auf die Gläubigen gegeben und sie als den Tempel Gottes dargestellt. Auch im neuen Jerusalem wird es keinen Tempel mehr geben (Off 21,22). Warum sollte es also in der Zwischenzeit (also in einer Zeit hier auf der Erde bis zum letzten Gericht) noch einen Tempel geben? Dieser Tempel wäre lediglich ein Gebäude aus Steinen, da Gott jetzt in seinem Tempel, der Gemeinde wohnt.
  2. Gott hat keinen neuen Tempel verheißen. Wenn wir die Bibel als eine fortschreitende Offenbarung verstehen (die Autoren des NT hatten mehr Einblick in die geistliche Wirklichkeit als die Autoren des AT), wird die Gemeinde als Gottes Tempel seine Gegenwart repräsentieren, bis er kommt. Hesekiels Vision als ein Argument dafür zu nutzen, dass Gott noch eine Verheißung erfüllen muss (nämlich einen dritten Tempel zu bauen) wird damit hinfällig.

Wenn wir die Bibel als eine fortschreitende Offenbarung verstehen, wird die Gemeinde als Gottes Tempel seine Gegenwart repräsentieren, bis er kommt.

  1. Der Tempel in Off 11,1 ist als Symbol für die Gemeinde zu verstehen. Johannes gebraucht das Bild des Tempels bereits vorher als Symbol (Off 3,12) und weicht auch in unserer Textstelle nicht davon ab. Gleich nach der Messung des Tempels (der Gemeinde) zeigt er nämlich auf, wie es mit der Gemeinde weitergehen wird. Dort schenkt Gott der Gemeinde Trost im Leid, weil er sie als zwei Zeugen darstellt, die zwar verfolgt (getötet) werden, aber durch Jesu Kraft überwinden und weiterleben werden (s. Off 11,3-13). Dieser Trost ist auch der, der in den ersten Versen gegeben wird: Johannes misst die Gemeinde aus (und zeigt damit, dass sie kostbar und abgegrenzt, d.h. heilig ist) und überlässt den Rest Gottes Führung (V. 2). Um den damaligen Lesern als Trost zu dienen, muss hier also der Tempel für die Gegenwart Gottes und damit für die Gemeinde stehen.

Auch wenn es viele Theorien um einen neuen, dritten Tempel gibt, sollten wir uns diesen nicht anschließen. Gott braucht keinen neuen Tempel. Christus selbst hat sich seinen Tempel bereits erkauft, indem er für uns, seine Braut, sein Leben ließ. Er als der wahre Tempel, Gott selbst, hat seinen Körper hingegeben und ist wieder auferstanden, um uns zu der sichtbaren Gegenwart Gottes auf der Erde zu machen. Das zu erkennen und darin Trost und Freude zu finden sollte uns mehr anspornen, als Verschwörungen und Theorien nachzulaufen, die einen angeblichen dritten Tempel hervorbringen.