Andachten

Einführung in die Offenbarung (12/15) | Interpretation #5: Babylon

Nach diesem sah ich einen anderen Engel aus dem Himmel herabkommen, der große Gewalt hatte; und die Erde wurde von seiner Herrlichkeit erleuchtet. Und er rief mit starker Stimme und sprach: Gefallen, gefallen ist Babylon, die große, und ist eine Behausung von Dämonen geworden und ein Gewahrsam jedes unreinen Geistes und ein Gewahrsam jedes unreinen und gehassten Vogels. Denn von dem Wein der Wut ihrer Hurerei haben alle Nationen getrunken, und die Könige der Erde haben Hurerei mit ihr getrieben, und die Kaufleute der Erde sind durch die Macht ihrer Üppigkeit reich geworden. (Offenbarung 18,1-3)

Babylon – der Inbegriff des bösen Weltreiches, das seit der Urzeit gegen Gott rebelliert. Erstmals wurde es in dem Turmbau zu Babel ersichtlich. Menschen widerstrebten Gottes klaren Geboten und errichteten ihr eigenes Reich. Viele Jahre später wird Israel, das erwählte Volk Gottes, ins Exil verschleppt, weil Gott Gericht über es ausübt. Auch repräsentiert die Nation Babylon nur eins: Gottlosigkeit. Nichts Gutes wohnt in Babylon: Nur Dämonen, unreine Geister und gottloses Gesindel.

Der heutige Abschnitt der Offenbarung bedient sich also ebenfalls eines allseits bekannten Bildes. Manche Aussagen werden sogar fasst wörtlich aus den prophetischen Schriften Israels zitiert. Schauen wir uns zum Beispiel Jesaja an: „Und er fing an und sprach: Gefallen, gefallen ist Babel, und alle Götzenbilder seiner Götter sind zu Boden geschmettert!“ (Jes 21,9; vgl. auch Jer 50,2). Der Vers 3 erklärt, dass alle Nationen unter ihrem Einfluss sind, sich mit ihr zusammen verunreinigt haben. Das Ziel derer, die sich auf Babylon einlassen wird auch genannt: Sie wollen reich werden und sie wollen ihre Lüste befriedigen. Es sind dieselben Menschen, die Jesus als Diener des Mammon beschreibt: „Niemand kann zwei Herren dienen[9]; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird einem anhängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Mt 6,24)

Babylon ist also keine spezieller Teil einer ausgeklügelten Prophezeiung. Es ist ein einfaches und starkes Bild für die gottlose Welt. Eine Welt von Menschen, die sich am liebsten selbst dienen und die gegen Gottes Diener sind. Zur Zeit der Abfassung der Offenbarung sah das so aus, dass mit von politischer Seite aggressiv gegen Christen vorgegangen wurde. Was für einen Trost müssen die Empfänger der Offenbarung bekommen haben, als sie daran erinnert wurden, dass Babylon fallen wird und das Christus als Sieger über allen Weltreichen und Politikern stehen wird. Der Jahrtausende alte Kampf zwischen Babylon und Gottes Volk, die Unterdrückung und Verfolgung von Gottes Volk, wird ein für alle mal vorbei sein, weil der allmächtige Christus und seine Engel kommen werden und all der Gottlosigkeit ein Ende bereiten werden.

In den nächsten Versen erklärt er, dass Babylon sich nun so viele Sünden aufgehäuft hat, dass Gott seinen gerechten Zorn nicht mehr länger zurückhalten wird. Darum ruft er seine Gemeinde auf, aus Babylon herauszukommen. „Und ich hörte eine andere Stimme aus dem Himmel sagen: Geht aus ihr hinaus, mein Volk, damit ihr nicht an ihren Sünden teilhabt und damit ihr nicht von ihren Plagen empfangt!“ (Offb 21,4) Er wird seine Gemeinde zu sich sich holen und die Welt für ihre Boshaftigkeit, ihre Selbstsucht, ihre gottloses Leben richten. Ebenfalls eine Anlehnung an die alttestamentliche Prophetie: „Zieht aus Babel fort! Flieht aus Chaldäa! Mit jubelnder Stimme verkündet, lasst es hören, breitet es aus bis an die Enden der Erde! Sprecht: Erlöst hat der HERR seinen Knecht Jakob!“ (Jes 48,20, vgl. Jer 50,8). Es ist interessant zu sehen, wie eng verwoben das Schicksal aber auch die Rettung des alttestamentlichen Gottesvolkes Israel und der Gemeinde ist. Dies ist ein starker Hinweis darauf, dass die Gemeinde nun das Volk Gottes ist, das sowohl aus Juden und Heiden besteht, und das ethnische Israel lediglich ein Schatten auf das zukünftige Handeln Gottes mit seiner Gemeinde war.

Was bedeutet das also für uns? Der Aufruf Gottes, aus Babylon „hinauszugehen“, also der weltlichen Versuchung zu entfliehen, wird durch alle Zeiten hindurch an Gottes Volk gerichtet (vgl. 1. Mo 12,1; 19,12ff, 4. Mo 16,23.24; Jes 7; 48,20; 52,11; Jer 50,8ff; 51,6; Sacharja 2,6-8; 2. Kor 6,14-18; Eph 5,11.12; 1. Tim 5,22). Weil dieser Aufruf nicht auf eine bestimmte Zeit oder einen bestimmten Ort in der Heilsgeschichte begrenzt ist, kann man Babylon als nicht nur als Stadt der Endzeit (oder einer anderen bestimmten Zeit sehen). Es ist die Welt, als Zentrum der Verführung, zu jeder Zeit. Aus Babylon zu fliehen, bedeutet, keine Gemeinschaft mit ihren Sünden zu haben und sich nicht von ihren Verführungen und Verlockungen fangen zu lassen. Für alle Christen, die unter Verfolgung leiden, und seien es nur „geringfügige“ Benachteiligungen am Arbeitsplatz, bedeutet das zukünftige Gericht über Babylon Trost.