Allgemein, Andachten

Einführung in die Offenbarung (14/15) | Interpretation #7: Das tausendjährige Reich

„Und ich sah Throne, und sie setzten sich darauf, und das Gericht wurde ihnen übergeben; und ich sah die Seelen derer, die um des Zeugnisses Jesu und um des Wortes Gottes willen enthauptet worden waren, und die, welche das Tier und sein Bild nicht angebetet und das Malzeichen nicht an ihre Stirn und an ihre Hand angenommen hatten, und sie wurden lebendig und herrschten mit dem Christus tausend Jahre.“ (Offenbarung 20,4)

Der Abschnitt, aus dem der zitierte Vers stammt, ist wahrscheinlich der umstrittenste Text der gesamten Offenbarung. Je nachdem, wie man diese Verse versteht (20,1-10), wird man auch den Rest der Offenbarung und der gesamten Bibel lesen. Kommt das tausendjährige Reich noch? Sind mit den tausend Jahren buchstäblich tausend Jahre gemeint? Oder leben wir schon in diesem Reich und die tausend stehen für einen langen Zeitraum?

Um diese Fragen zu beantworten, muss der Text aus Offenbarung 20,1-10 interpretiert werden. Es gibt dabei drei Hauptpositionen: Den Post-Millennialismus, den A-Millennialismus und den Pre-Millennialismus.

  1. Der Post-Millennialismus („post“ bedeutet soviel wie „nach“) geht davon aus, dass die tausend Jahre (lat.: Millennium) durch ein besonderes Wachstum und Erweckungen auf dieser Erde stattfinden und die Gemeinde so irgendwann vollständig das Reich Gottes auf der Erde gebaut hat. Sie sagen also, dass das tausendjährige Reich bereits begonnen hat, oder jederzeit beginnen kann, bevor Jesus wiederkommt.
  2. Der A-Millennialismus („a“ steht hierbei für „nicht“, gemeint ist aber „realisiertes Reich“) hält die tausend Jahre, wie der Post-Millennialismus, für einen langen Zeitraum. Er sieht in den tausend Jahren auch eine symbolische Zahl, die mit dem Kommen Jesu bis zur Wiederkunft Jesu das Reich Gottes (die Gemeinde) einschließt.
  3. Der Pre-Millennialismus („pre“ meint „vor“) sagt aus, dass das tausendjährige Reich noch aussteht und erst beginnt, wenn Jesus wiederkommt. Hierbei wird oft davon ausgegangen, dass die tausend Jahre wörtlich zu verstehen sind.

Alle drei Positionen haben Argumente auf ihrer Seite. Die Interpretationen von Offenbarung 20,1-10 gehen hierbei vor allem in der Frage der Reihenfolge und Chronologie weit auseinander. Da diese Andacht zu kurz ist, um alle Argumente jeder Position wiederzugeben, möchte ich nur einen kurzen Einblick in die Argumentation für den A-Millennialismus auftun. Dafür nutze ich vier Argumente, die sich auch mit der häufig vertretenen Gegenposition (der Pre-Millennialismus) beschäftigen.

  1. In der Bibel gibt es keine klare Stelle, in der ein abgesondertes und wörtlich verstandenes tausendjähriges Reich gelehrt wird. Außer in der schwierig zu deutenden Stelle aus Offenbarung 20,1-10 lehrt keine andere Stelle etwas Vergleichbares.
  2. Johannes könnte den Sieg Christi (Off 19,11-21) in ähnlichen Worten wiederholen. Wie auch an anderen Stellen in der Offenbarung beschreibt Johannes einen Umstand aus unterschiedlichen Perspektiven. Dann beschreibt Offenbarung 20 nicht mehr einen gesonderten Zeitabschnitt, sondern den Sieg Jesu über den Satan.
  3. Die Menschen, die in Offenbarung 20 mit Satan in den Krieg gegen Gott ziehen, können eigentlich gar nicht mehr da sein. Liest man Offenbarung 19 und 20 chronologisch und nicht als das gleiche Event aus unterschiedlichen Perspektiven, dürfte es eigentlich keine Menschen mehr geben, die noch auf der Erde sind. Jesus hat sie bereits vernichtet (19,19-21).
  4. In der sonstigen Lehre der Bibel findet sich keine zeitliche Unterteilung zwischen dem letzten Gericht, der Wiederkunft Jesu, der zweiten Auferstehung zum Leben und Tod und dem Ende dieser Welt. Es muss ein punktueller, zusammenhängender Augenblick sein, indem diese Ereignisse geschehen. Das auseinander zu nehmen, scheint eher von einem festen System als einer biblischen Sicht abzuhängen.

Auch wenn diese Argumente (entnommen aus einer Argumentation von Thomas Schreiner -> https://www.thegospelcoalition.org/blogs/justin-taylor/7-reasons-tom-schreiner-tentatively-holds-amillennialism/) nicht allgenügsam sein werden, möchte ich mit ihnen einen kleinen Einblick in die Debatte geben. Mir hat es viel gebracht, zu sehen, dass Christus bereits jetzt vollständig regiert und seine Gemeinde sein Reich ist und Gott sein Reich baut. Es gibt noch so viel zu sagen, was dieses tausendjährige Reich bzw. die sichtbare Herrschaft Gottes auf dieser Welt angeht. Wer einen kleinen Einblick bekommen möchte, kann sich folgendes Buch kaufen: https://www.cbuch.de/waldron-endzeit-eigentlich-ganz-einfach.html?gclid=EAIaIQobChMIzb_A8PLv6gIViud3Ch2B7QkUEAAYASAAEgJeJfD_BwE

Ich glaube nicht, dass diese Diskussion die höchste Priorität haben sollte. Mich hat sie in ein tieferes Verständnis von Gott und seiner Gemeinde geführt. Daher kann ich jedem empfehlen, sich damit zu beschäftigen. Anderen Gläubigen einer anderen Sicht das Heil aufgrund dieser Fragen abzusprechen halte ich allerdings für sinnlos und überheblich.